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Demokratie:"All das, was zur sozialen Schieflage beigetragen hat, wird im Zeichen der Globalisierung als alternativlos dargestellt"

Haben Sie ein Beispiel für solche Maßnahmen?

Gucken Sie sich die steuerlichen Maßnahmen des letzten Jahrzehnts an: Das sind durch die Bank Erleichterungen für die Wohlhabenden gewesen. Die Politiker profitieren davon selbst, aber das ist nicht der Grund, warum sie diese Entscheidungen treffen. Sie glauben einfach, dass es der richtige Weg ist, um die Wirtschaft anzukurbeln - und alle anderen Varianten werden nicht in Erwägung gezogen.

Sie gehen in Ihrem Buch vor allem auf den Mangel an Arbeiterkindern in den Eliten ein, nicht auf den Mangel an Menschen aus Einwandererfamilien oder von Frauen. Deren Interessen werden doch aber auch nicht ausreichend repräsentiert.

Das stimmt, ich konzentriere mich auf die soziale Herkunft. Das liegt einmal daran, dass das mein Interessenschwerpunkt ist. Aber auch daran, dass es meiner Meinung nach für die gesamtgesellschaftliche Entwicklung zur Zeit das gravierendste Problem ist. Die Zunahme der sozialen Unterschiede bietet die Grundlage dafür, dass etwa die Flüchtlingsdebatte derzeit so schrecklich geführt wird, wie sie geführt wird.

Der Soziologe Michael Hartmann.

(Foto: Sven Ehlers)

Das heißt, für Sie ist das Verhalten der deutschen Eliten verantwortlich dafür, dass die AfD so stark geworden ist?

Ja, wobei es nicht um das Verhalten Einzelner geht, sondern um die konkrete Politik, die betrieben wurde. Große Teile der Eliten sind sich ja bis heute einig, dass es richtig war, was in den vergangenen zwanzig Jahren passiert ist - ob das Hartz IV ist oder die Steuersenkungen. All das, was zur sozialen Schieflage beigetragen hat, wird im Zeichen der Globalisierung als alternativlos dargestellt.

Es gibt aber Soziologen, die den Zusammenhang zwischen sozialen Problemen und dem Erfolg der AfD bestreiten.

Ich weiß, aber wenn Sie sich Wahlergebnisse anschauen, zeigt sich: AfD-Wähler konzentrieren sich überwiegend in den Regionen, in denen die wirtschaftliche Situation schwierig ist. Und die Partei findet weit überproportional Anklang im ärmeren Teil der Bevölkerung. Hinzu kommt dann noch ein fester Stamm von rechten Wählern in Deutschland, den es schon immer gab. Aber die AfD hat es eben geschafft über diesen Stamm hinaus zu kommen.

Die Vertreter der AfD kommen allerdings zu großen Teilen auch nicht aus der Arbeiterschaft.

Bei der AfD gibt es zwei komplett gegensätzliche Flügel: Da ist einmal der im Kern wirtschaftsliberale West-Flügel, dazu gehören Weidel und Meuthen. Das sind alles Bürgerkinder. Dann haben Sie die Ost-AfD, da ist kein einziges Bürgerkind. Das findet sich auch in der Politik wieder, zur Rente gibt es zum Beispiel eine Ost- und eine West-Vorstellung, die völlig unterschiedlich sind. Aber Protestwähler interessiert die Zusammensetzung der Parteispitze im Grunde gar nicht. Die wollen einfach, dass ihre Belange endlich mal zur Kenntnis genommen werden. Und das funktioniert aus ihrer Sicht im Augenblick am besten, wenn sie AfD wählen.

Wie ließe sich nun diese Entfremdung zwischen Bevölkerung und politischer Elite verringern?

Was die SPD angeht, müsste man eigentlich einen großen Teil des Spitzenpersonals austauschen, weil die alle mit der Politik der letzten zwanzig Jahre verbandelt sind. Die Partei müsste sich wie Labour in Großbritannien von unten erneuern. Man könnte auch darüber nachdenken, ob Parteien nicht ganz grundsätzlich ähnlich wie Frauenquoten Arbeiterkinderquoten einführen sollten. Das wäre im Übrigen in allen gesellschaftlichen Eliten begrüßenswert - also etwa auch in Wirtschaft, Wissenschaft und in den Medien. Aber es ist natürlich schwer durchsetzbar, denn bei Quoten ist immer klar, wer die Verlierer sind: Die, die von den bestehenden Verhältnissen profitieren.

"Die Abgehobenen. Wie die Eliten die Demokratie gefährden" erscheint am 16. August im Campus-Verlag (276 Seiten, 19, 95 Euro).

© SZ.de /biaz/segi
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