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Politik:Träume leben

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Roman "Felsenmond" stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Fünf Mädchen im Jemen versuchen gegen den gesellschaftlichen Kodex ein eigenständiges Leben zu führen. Es gelingt nicht immer.

Was wäre, wenn ich in einem fremden Land geboren wäre, in eine andere Kultur hinein, eine andere Familie? Ein verlockendes Gedankenspiel, das manche Vierzehnjährige bei uns zum Träumen bringt. Oder zum Schaudern, wenn sie im Fernsehen Bilder aus einer arabischen Stadt sieht, mit Frauen, die bis auf die Augen verschleiert sind. Die Autorin Jasmin Adam hat mit ihrer Familie zehn Jahre im Jemen gelebt. Sie baut in ihrem ersten Jugendroman Felsenmond Brücken in die uns fremde Welt, erzählt kenntnisreich und spannend vom Leben der jungen Frauen, deren Wege sich hier kreuzen.

Sie kommen aus dem Dorf oder aus der Stadt und verfolgen ganz unterschiedliche Pläne: Hanna strebt das Glück durch die Heirat mit einem reichen Mann aus Saudi-Arabien an, Latifa fügt sich in eine Zwangsverheiratung, Malika stürzt sich in das Studium und Aisha lehnt sich gegen die tyrannische Schwiegermutter auf. "Der Wunsch frei zu sein, seine Begabungen zu entdecken und zu entfalten, zu lieben und geliebt zu werden", wie es in dem Buch heißt, verbindet die Menschen überall auf der Welt. Ist etwas falsch an diesem Wunsch? Sicher nicht, aber die Traditionen der jemenitischen Gesellschaft und die Enge und Hartherzigkeit in einigen Familien machen es jungen Frauen schwer. Nicht nur ihnen, denn auch junge Männer leiden unter dem strengen Kodex, nach dem sie ihre Schwestern kontrollieren und immer stark und überlegen sein müssen. Kommt "Schande" über die Familie, so bedeutet das den gesellschaftlichen Tod für alle - in einer Kultur, in der man nur durch die Solidarität mit den anderen überleben kann. Und "Schande" heißt schon, als 14jährige Ziegenhirtin im Dorf bei einem Unwetter Schutz unter einem Felsenvorsprung zu suchen, wo schon der gleichaltrige Nachbarjunge mit seiner Herde ist. Oder mit einem Studienkollegen am Telefon die Hausaufgaben auszutauschen und ein freundliches Wort zu wagen.

Die Erzählung ist vielschichtig und differenziert, es werden keine schnellen Verurteilungen ausgesprochen. Es gibt auch großzügige Väter, die ihre Töchter unterstützen, aber auch Mütter und Schwägerinnen, die der 16jährigen jungen Ehefrau eines "unbedeutenden" jüngeren Bruders das Leben zur Hölle machen. Die Hackordnung unter den Frauen einer Großfamilie besteht genauso wie eine unglaubliche Solidarität. Sie ermöglicht es, unerwartete Besucher großzügig zu bewirten und Hochzeiten oder Geburten zu Festen zu machen. Es gibt sie, die Lebensfreude, den Zusammenhalt unter Freundinnen und Schwestern und auch die große Liebe, von der Mädchen bei uns wie im Jemen träumen! Unsere Vorstellungen, wie das Zusammenleben in einer Ehe zu sein hat und wie "sich verlieben" aussieht, werden dabei auf den Kopf gestellt. Die Intensität der Gefühle füreinander, das Glück, die Verzweiflung und die Hoffnung jedoch sind gleich. So ist dieses Buch eine Einladung zu Toleranz und zum nachdenklichen Infragestellen unserer Bilder von einer so anderen, fremden Kultur. Als das Buch geschrieben wurde, bestand die Hoffnung auf Veränderungen durch den "Arabischen Frühling", auch im Jemen. Hoffen wir auf ein Ende des Bürgerkrieges und darauf, dass Mädchen wie Latifa, Sausan, Hanna, Malika und Aisha ihre Träume leben können. (ab 12 Jahre)

Jasmin Adam: Felsenmond - Fünf Mädchen im Jemen. cbj 2015. 320 Seiten, 8,99 Euro.