Polina Barskovas "Lebende Bilder":Ein Liebespaar im Winter

Frauen in Leningrad, 1941/42

Das Tor zur Hölle: Nach der Blockade von Leningrad ziehen Frauen durch die Trümmer der Stadt.

(Foto: Scherl/SZ Photo)

Die Blockade von Leningrad forderte mehr als eine Million Hungertote. Polina Barskovas Buch "Lebende Bilder" umkreist das Kapitel aus der Perspektive der Nachgeborenen.

Von Olga Martynova

Eine besondere Stellung von Sankt Petersburg/Leningrad, sowohl geschichtlich als auch geografisch, bestimmt die Besonderheiten der Erzählungen dieser Stadt. Der große Sprachwissenschaftler Wladimir Toporow hat sogar den Begriff "Der Petersburger Text der russischen Literatur" eingeführt. Die meisten Autoren dieses "Textes" waren keine gebürtigen Petersburger, weder Puschkin noch Gogol, weder Dostojewskij noch Achmatowa. In der Nachkriegszeit übernahmen die Kinder der Stadt die Feder, die aber oft emigrierten, wie Joseph Brodsky, Sergej Dowlatow oder Oleg Jurjew, oder nach Moskau übersiedelten, wie Andrej Bitow oder Jewgenij Rejn.

Eine der neuesten Stimmen dieser Tradition, Polina Barskova, wurde 1976 in Leningrad geboren. Als sie 1998 die Stadt verließ, hieß diese wieder Sankt Petersburg. Heute unterrichtet Barskova russische Literatur in Amherst, was aus der Perspektive meiner europäischen Metropole Frankfurt am Main, die zwar die Europäische Zentralbank hat, aber kein Institut für Slawistik, neidisch macht auf das US-amerikanische Hochschulsystem. Dort dürfen Dichter einen Lehrstuhl innehaben und das Wissen sozusagen aus erster Hand vermitteln, wie zum Beispiel Brodsky, der die Schule nach der siebten Klasse verlassen hatte.

Im Unterschied zu ihm hat Barskova eine ordentliche akademische Laufbahn. Ihr wissenschaftliches Thema ist die traumatische Erfahrung des 20. Jahrhunderts und deren Spiegelung in den Werken des "Petersburger Textes". Insbesondere ist das die Belagerung (oder Blockade) Leningrads durch die Wehrmacht von Herbst 1941 bis Winter 1944, die über eine Million Hungeropfer forderte, und wie Toporow betont: "immer noch nicht in ihrer ganzen Tiefe begriffen und nicht in der ihr gebührenden Vollständigkeit beschrieben ist". Tatsächlich begann diese Arbeit erst im 21. Jahrhundert.

Die historischen und persönlichen Erinnerungen sind eng verflochten

"Lebende Bilder" ist eine Sammlung teils essayistischer, teils belletristischer, teils gar dramatischer Texte von Polina Barskova, die eigentlich Lyrikerin ist. Zu sagen, dass das ein Buch über die Blockade sei, wäre falsch, aber es ist von ihr geprägt. Die Erzählerin erinnert sich an ihre Jugend in Leningrad, wobei die familiären und romantischen Kollisionen des Teenagers mit dem kollektiven Gedächtnis der Stadt eng verflochten sind. Das Buch ist ungewöhnlich gebaut und ein Entwicklungsroman spezieller Art. Im Mittelpunkt steht ein Mädchen, das in den großen Kontext der Stadt gestellt wird und beide zusammen auf die Bühne der Weltkultur.

Anlässlich der deutschen Übersetzung habe ich das Buch nach sechs Jahren wieder gelesen. Vor dem titelgebenden Theaterstück hielt ich inne: Vorsicht, das ist das Tor zur Hölle, lasst alle Hoffnung fahren, wer eintritt. Man trifft da ein Liebespaar im ersten Blockadewinter, eine Kunsthistorikerin und einen Künstler, die in der Eremitage langsam und qualvoll verhungern.

In einer Collagentechnik treibt die Autorin authentische Blockadetexte durch die Personen (wie durch einen Fleischwolf), Fetzen aus Erinnerungen und Tagebüchern. Groteske Details, wie die Bezeichnungen für die Leichen der Verhungerten im Schnee, sind keine Erfindung der Autorin, sie hießen so: Wickelpuppen, Schneeglöckchen.

Zum Horror der Blockade gehörten die Dystrophiker-Witze

Umso ärgerlicher ist, dass die an sich gute, auf Details achtende Übersetzung an manchen Stellen der schonungslosen Sprache den Stachel zieht. Eines der unheimlichen Blockadewörter war "Dystrophiker", es bezeichnet einen Unterernährten mit gravierenden Störungen, ja, Versagen des gesamten Organismus. Zur Hölle der Blockade gehörte auch, dass es Dystrophiker-Witze gab. In Russland hat man sie noch in den Siebzigerjahren gehört; Barskova kennt sie wohl aus Tagebüchern, und es ist ihr hoch anzurechnen, dass sie diese Erinnerung wachhält.

In der Übersetzung von Olga Radetzkaja jedoch wird Dystrophiker durch "Hungerleider" ersetzt, ein abschätziges Wort, das laut Grimm bereits seit dem 17. Jahrhundert als ironische "Bezeichnung eines dürftigen und kargen oder auch gierigen Menschen" verwendet wird. Das Problem ist klar: Man kennt das Wort Dystrophiker nicht. Die Leningrader hatten es auch nicht gekannt, aber dann wurde es so geläufig wie, sagen wir, Grippe.

In der Witzreimübersetzung "Kommt ein Hungerleider die Straße lang, / Hat die Beine voll Wasser, so schwer ist sein Gang" wird die Verzweiflung, die das Wort Dystrophiker hätte vermitteln können, in die Ferne gerückt, weshalb die Wortwahl in diesem Fall eher ethisch als ästhetisch bedenklich ist.

Private Katastrophen verschränken sich mit den Schrecken der Geschichte

Einige literarische Entdeckungen der letzten Jahre zeigen, dass die Blockade eine besondere Sprache hatte. Das ist Barskovas Forschungsthema, das auch in "Lebende Bilder" präsent ist. Ein großes Verdienst der Übersetzer und Verlage ist, dass viele Werke dem deutschsprachigen Leser zugänglich sind. Der von Barskova erwähnte Gennadi Gor ist von Peter Urban übersetzt und mit einem überaus kundigen Nachwort über die Blockade versehen; ebenso liegen die Erinnerungen von Marina Malitsch auf Deutsch vor, über die Barskova schreibt: "Ein Buch, das ich immer mit mir herumtrug, wie ein gewichtiger Bürger seine Bibel."

Für die Übersetzung des Romans von Pawel Salzman wurde Christiane Körner mit dem Celan-Preis ausgezeichnet, seine Blockade-Gedichte sind leider noch nicht übersetzt. Auf dem Umschlag der russischen Ausgabe von "Lebende Bilder" ist eine Zeichnung Salzmans abgedruckt, sehr schade, dass der deutsche Verlag eine andere gestalterische Entscheidung getroffen hat.

Barskovas Erzählerin berichtet meistens von Dingen, die wehtun. Die privaten Katastrophen und der Schrecken der Geschichte werden nebeneinandergestellt, was ersteren eine epische Dimension verleiht und letzteren vermenschlicht. Aus der großen Geschichte das Menschliche zu befreien und seine Peinlichkeit und Verletzlichkeit zu zeigen, ist eine Paradedisziplin des "Petersburger Textes". Barskovas kleiner Entwicklungsroman passt dazu ausgesprochen gut.

Polina Barskova: Lebende Bilder. Aus dem Russischen von Olga Radetzkaja; Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 218 Seiten, 22 Euro.

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