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Kunst:Wenn es einen roten Faden gibt, dann das Bewusstsein für die Ambivalenzen

Da sind noch einmal die feministischen Mythologien von Petra Kasten und die Performance-Martyrien der "Autoperferorationsartisten" Else Gabriel, Micha Brendel, Rainer Görß und Via Lewandowski, der für Leipzig auch eine Neufassung seines zersägten "Berliner Zimmers" aus der Nachwendezeit gebaut hat, Untertitel: "Geteiltes Leid ist halbes Elend". Etwas von Neo Rauch gibt es auch, allerdings etwas Spätexpressives, nahezu Ungegenständliches aus den letzten Momenten vor seiner Verwandlung in den verrätselten Neo Rauch, den die Kunstmessen und Museen des Westens dann kennen- und liebenlernen durften, wo die expliziteren illustrativen Qualitäten der ursprünglichen Leipziger Schule weniger gefragt waren. Aber von denen, also von Sitte, Heisig, Mattheuer, kamen natürlich auch eindeutige Kommentare zu den Ereignissen von 1989: Deutsche Michel, die im Freiheitsrausch ihr Gardinenfensterchen aufreißen zum Beispiel. Oder Menschen, die in "Panik" aus der Enge fliehen, dann verängstigt und schutzlos ins Freie stolpern ...

Wenn es einen roten Faden gibt, dann vielleicht das Bewusstsein für die Ambivalenzen der Lage

Wenig weiter sieht man dann wieder, wie sich das Maler-Ehepaar Eve und Frank Rub vor ihrer Ausreise in den Westen mit den psychologischen Folgen der Schikanen durch die Stasi auseinandersetzte. Und kurz darauf ist bemerkenswert, wie viele von den später Geborenen, erst nach der Vereinigung zu Künstlern Gewordenen immer noch Bezug nehmen auf das Material von hier. Die Zipfelmützen etwa, die der aus dem Erzgebirge stammende Martin Mannig malt, lassen zu gleichen Teilen an Jakobiner, Gartenzwerge und das Sandmännchen aus dem Abendgruß des DDR-Fernsehens denken.

Kunst Wipp, wipp, hurra
US-Mauer zu Mexiko

Wipp, wipp, hurra

Ein transnationales Kunstprojekt an der Südgrenze der USA zeigt: Was man auf der einen Seite tut (wippen), hat Folgen auf der anderen Seite (wippen).   Von Gerhard Matzig

Wenn es einen roten Faden gibt, dann vielleicht das Bewusstsein für die Ambivalenzen der Lage. Die waren damals das Thema der Bilder, und sie sind es heute noch in den Diskussionen darüber, inwiefern die Künstler der DDR Beobachter oder Akteure der Geschichte waren. Aktuell ist auf den Seiten der Frankfurter Allgemeinen ein kleiner Historikerstreit darüber entbrannt, ob die Oppositionsgruppen, zu denen oft auch Künstler gehörten, 1989 wirklich die Avantgarde des Umbruchs waren oder nicht vielmehr den Massen elitär entgegenstanden, deren Marsch schon von Anfang an für viele in die BRD, mindestens aber die Währungsunion führen sollte.

Für all diese Debatten ist Leipzig jetzt auch wegen dieser Ausstellung ein idealer Boden. Außerdem findet sie gewissermaßen sogar noch eine Erweiterung in der "Galerie für Zeitgenössische Kunst". Dort wird diesen Sommer nämlich einerseits das Archiv der Künstlerin Gabriele Stötzer gezeigt, einer Hauptprotagonistin der dissidentischen Szene in Erfurt, samt Spitzelberichten über sie in sorgfältiger Frauenhandschrift. Und schließlich ist dort zu sehen, dass durchaus auch in Westdeutschland Geborene mit Gewinn aus dem Fundus schöpfen können, den der Herbst '89 nun einmal darstellt: Clemens von Wedemeyer zeigt dort Videoarbeiten die sich unter anderem mit der Dynamik von Demonstrationen und Elias Canettis Studien zu Massenaufläufen befassen. "Plötzlich war alles schwarz vor Menschen", dieser Satz aus Canettis "Masse und Macht" war am Ende schließlich noch die präziseste Beschreibung dessen, was in jenem Oktober vor 30 Jahren montagabends in Leipzig los war. In einer Computersimulation lässt von Wedermeyer nun noch einmal Avatare auf den Leipziger Ring strömen, bis aus vereinzelten Passanten eine machtvolle, systembedrohliche Menge wird. Man muss den speziellen Kontext noch gar nicht mal wieder rausrechnen, um selbst in diesen, heute als heldenhaft geltenden Aufläufen immer zugleich etwas Emanzipatives und das genaue Gegenteil davon zu sehen.

Point of No Return. Museum der bildenden Künste, Leipzig. Bis 3. November. Katalog 45 Euro.

Fotografie Die Seherin

Evangelia Kranioti

Die Seherin

Mythen, Mittelmeer, Migranten: Die Griechin Evangelia Kranioti ist die Künstlerin der Stunde. Ein Tag in Arles mit einer Frau, die das Leben von Randexistenzen und deren Odysseen würdigt.   Von Peter Richter