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Poetikvorlesung:Kehren wir zum Text zurück

Muss sein Werk jetzt wirklich ganz neu gelesen werden? Eher nicht: Zum Ende seiner Frankfurter Poetikvorlesung beschwört der Schriftsteller Christian Kracht die heilende Kraft der Parodie.

Ich bin missbraucht worden." Das Bekenntnis des Frankfurter Schriftstellers Bodo Kirchhoff traf im März 2010 auf eine Öffentlichkeit, die erschüttert war von der Flut der Enthüllungen über lange Jahre ignorierte oder vertuschte Vorfälle von sexueller Gewalt an Schutzbefohlenen pädagogischer Anstalten. Dabei hatte Kirchhoff die Missbrauchserfahrung des zwölfjährigen Internatszöglings bereits 1994 an den Anfang seiner damaligen Frankfurter Poetikvorlesungen gestellt, traf damals aber auf eine taube Öffentlichkeit, die von der Offenbarung keine Notiz nahm. Im Jahr darauf erschien der dazugehörige Band "Legenden um den eigenen Körper".

Was nunmehr Christian Kracht in seiner ersten Frankfurter Poetikvorlesung einem entsetzten Publikum aus seinen kanadischen Internatsjahren berichtete (SZ vom 17. Mai), war demnach nicht ohne ein gewisses Déjàvu. Und wie schon bei Kirchhoff handeln Krachts Vorlesungen davon, wie das traumatisierte Kind zu den Wörtern und das damals zwölfjährige Opfer eines Missbrauchs durch seinen Lehrer und Erzieher, einem anglikanischen Priester, fortan zur Literatur, zu Sprache und zu Kunst findet.

Eine ganz neue Epoche im Werk des Autors habe begonnen, hieß es, man müsse alles neu lesen

Von einem Autor wie Christian Kracht, der den Zumutungen des Betriebs und den Zudringlichkeiten neugieriger Interviewpartner mit mannigfachen Allüren und Maskeraden einfallsreich begegnete, mit solch dramatischen autobiografischen Enthüllungen bedient zu werden, schlug wie ein Blitz in die Feuilletons ein. Eine ganz neue Epoche im Werk des Christian Kracht habe begonnen, wurde gesagt, weshalb alles bisherige von nun an ganz anders zu lesen sei, was sich in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung bis zu dem Phantasma steigerte, Krachts Texte wüssten mehr über ihren Verfasser als dieser selbst - womit der Autor vor seinem eigenen Werk für dumm verkauft wurde.

Freilich förderte Kracht die Aufregung selbst durch die feierliche Exaltation plötzlicher Erinnerungsvorgänge nach Art Benjaminscher "Chocs" oder Proustscher Epiphanien, mit denen er gängige Künstlermythologeme bediente. Oder legt da nicht vielleicht doch einer wieder nur neue falsche Fährten und verrätselt das vermeintlich Enträtselte? Ähnlich verfuhr einst Sigmund Freud in einem berühmten Aufsatz "Über Deckerinnerungen" mit eigenem Erinnerungsmaterial.

Poetikvorlesungen sind keine Beichtstühle und auch keine Kirchentage, sie schöpfen aus einem gewachsenen Fundus variabler Formate, mit Regeln und Topoi - wie die wiederkehrende Klage über die Schwere der Aufgabe oder der Rekurs auf Vorgänger -, die den Auserwählten, der so gut wie immer vom vorfabrizierten Manuskript abliest, zu einer spezifischen Melange von "Oralität und Literalität", von "Präsenz und Absenz" verhelfen. Dies schreibt unter der Überschrift "Die Masken des Authentischen" der Literaturwissenschaftler Thomas Wegmann im eben Christian Kracht gewidmeten Heft 216 (2017) der Zeitschrift Text + Kritik.

Will ein Autor die Deutungshoheit über sein Werk bewahren oder wiederherstellen, so bieten ihm Poetikvorlesungen dafür den exponiertesten Ort. Und ganz abwegig ist auch dieser Gedanke nicht: Wollte Christin Kracht in Frankfurt unter eigener Regie einmal spielerisch und souverän all das reinszenieren, was in zig Tagungsbänden, Dissertationen und Feuilletons über die Inszenierung von Autorschaft am Beispiel Christian Krachts geschrieben worden ist?

Dazu passen die Schlusssätze, mit denen sich Kracht nach drei Vorlesungen mit verschmitztem Lächeln von seinem Publikum verabschiedete und auf leisen Sohlen davonmachte: "Natürlich habe auch ich meine Schule abgebrannt. Die Akten liegen für die Forschung bereit." Warum also im Hörsaal einer Universität nicht auch gleich die Philologen bedienen, deren Handwerk hier einer selbst virtuos beherrscht und zu kopieren versteht? Und zu parodieren.

Die Skepsis gegenüber der Ambivalenz von Krachts poetologischen Verfahren, die sich all jener Mechanismen des Verschiebens und Verdichtens von Erzählmaterial bedient, wie Freud sie unter den Begriff der "Traumarbeit" fasste, muss dem Wahrheitsgehalt solch schmerzlicher und trauriger Kindheitserinnerungen, wie Kracht sie aus Elternhaus und Internat schildert, keineswegs widersprechen. Im Gegenteil. In kurzen, beinahe filmischen Momentaufnahmen schöpft Kracht auch in der zweiten und dritten Vorlesung aus drastischem Erinnerungsmaterial, das er im nächsten Atemzug mit großflächigeren Erzählfäden seiner literarischen Fiktionen verwebt.

Gleich zu Beginn der zweiten Vorlesung erneuert Kracht den bekannten Habit des Ausweichens vor einer Frage, die sich gerade aufdrängt, auf eine andere, scheinbar abwegige, abstruse oder absurde: Er erzählt die "grausame Geschichte" eines Wurstverkäufers auf dem Berliner Alexanderplatz unter dem Zugriff der Steuerfahndung. Just dieses Erlebnis soll ihn wochenlang nicht mehr haben schlafen lassen, bis er aus Deutschland schlussendlich emigriert sei. Auf dem Verschiebebahnhof grausam absurder und wirklich grausamer Geschichten macht Kracht das entstellende Verfahren der Parodie zur Leitstelle und bringt ausgerechnet über sie die mögliche Heilung auch der Missbrauchserfahrung ins Spiel. Ja, ins Spiel, aber ein ernsthaftes Spiel im Sinne jenes "serio ludere" (Nicolaus Cusanus) aus bester humanistischer Tradition.

Gérard Genette zufolge bedeutet die Parodie die "spielerische Transformation" eines Texts. Als heilsames Konzept bindet Kracht es an das Trauma seiner Kindheit: "Mit zwölf verstand ich das Konzept des Missbrauchs, aber nicht das Konzept der Parodie. Heute weiß ich, dass die Parodie eine Heilung für den Missbrauch sein kann." Noch etwas poetischer ausgedrückt: "Die Heilung für den Missbrauch ist immer die Kunst."

Davor aber fiel in der zweiten Vorlesung der Satz, mit dem Christian Kracht allen Enthüllungen von Freuden und Leiden seiner Biografie, aber auch den Hobbytraumatologen unter seinen Rezipienten und Kritikern gegenüber die spielerische Hoheit und Souveränität des Autors wieder in Kraft setzt: "Alles, was sich selbst zu ernst nimmt, ist reif für die Parodie, auch diese Vorlesungsserie", sagte er. Anderntags, zur traditionellen Abschlusslesung des Poetikdozenten, bedurfte es als weiteren Epitext zum Werk nur noch des einen Satzes: "Kehren wir zum Text zurück."

© SZ vom 25.05.2018

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