Poetik Versprechen der Tröstung

Der Romancier Thomas Hettche setzt sich in seinen Essays mit seiner eigenen Arbeit auseinander.

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Der Schriftsteller Thomas Hettche hat ein kleines Buch über die Literatur geschrieben: Eine vergnügliche und nachvollziehbare Auseinandersetzung damit, was sie ist, was sie kann und wovon sie derzeit bedroht wird.

Von Karin Janker

Literatur belüge uns weniger, als wir es selbst tun, schreibt Thomas Hettche. Der Roman ist für ihn "Gradmesser unseres Umgangs mit dem, was wir Wirklichkeit nennen". Hettche, Romancier und Essayist, führt in "Unsere leeren Herzen" eindrücklich vor, was es heißen kann, sich mit Literatur jenseits der Inhaltsangabe im Klappentext auseinanderzusetzen. Seine Essays blicken hinter "die diskursive Vermittlung irgendwelcher Inhalte", sie begreifen literarische Sprache als Verzauberung. Nach "Pfaueninsel", seinem jüngsten, mit mehreren Preisen ausgezeichneten Roman, erkundet der 52-Jährige Autor die ästhetischen und ethischen Dimensionen der eigenen Arbeit.

Dabei begibt er sich auf die Suche nach den Widersprüchen und dem Widersprüchlichem in unserer Zeit, die von Terror erschüttert und von der Digitalisierung heimgesucht wird. "Literatur, wie ich sie verstehe, steht dagegen", schreibt er. Hettche nimmt einen mit in vertraute und fremde Landschaften der Literatur und der Künste: Er deutet Wilhelm Raabes Realismus als utopisches Projekt, das man lesen könne, "als wäre es gerade eben erst geschrieben". Er dichtet die legendäre Begegnung von David Bowie mit dem Maler Balthus nach und lässt sich damit beim Erfinden zusehen. In weiteren Essays setzt er sich mit den Versprechungen und Verwerfungen von in ganz unterschiedlichem Sinne gegenwärtigen Romanen, etwa Michel Houellebecqs und Karl Ove Knausgårds, auseinander. Wobei letzterer die Realität "mit dem Gleichmut einer Gesundheits-App" protokolliere, was Hettche sichtlich missfällt.

Hettches akademisch gefärbte Auseinandersetzung ist für jeden nachvollziehbar

Man lernt in ihnen nicht nur die Perspektive des Autors auf den jeweiligen Gegenstand seiner Betrachtung kennen - seinen Realismus, der kein Epochenbegriff ist, sondern "eine literarische Haltung zur Welt". Man lernt immer auch etwas über diesen Gegenstand selbst. Und das ist in seiner verdichteten Form poetisch und lehrreich zugleich. Denn Hettche versteht es, eine akademisch gefärbte Auseinandersetzung mit Literatur auch für solche Leser nachvollziehbar und lustvoll zu machen, denen die Rolle dessen, der Bücher analysiert und als Kunstwerke betrachtet, eigentlich fremd ist. Auch jenen sei dieses Büchlein also ans Herz gelegt.

Hettche blickt etwas Verschwindendem nach: "Solange es Bücher als physische Objekte noch gibt, bieten sie jenen autonomen und unveränderlichen Raum des Utopischen, in dem unsere Träume uns gehören". Dies schreibt er mit Blick auf die Räume, in denen diese Freiheit abhanden zu kommen droht, die Sozialen Medien. Dort seien unsere Träume potenziell der Manipulation ausgesetzt. Hettche plädiert für das Haptische; aus seinen Texten spricht jedoch kein Kulturpessimismus, höchstens Nostalgie.

Freiheit, Unendlichkeit, Moral - Hettche stellt hohe Erwartungen an den Gegenstand seiner Reflexionen. Dass die Literatur diese Versprechen halten kann, beweist das schmale Buch selbst. Und weil der Verlag ihn statt mit Fußnoten nur mit kurzen Verweisen auf die zahlreichen zitierten Werke ausgestattet hat, hat er wenig von jenen Dissertationen, die in den Regalen verstauben, und viel von einer äußerst anregenden Poetikvorlesung. "Über Literatur", lautet der Untertitel bescheiden. Aber es ist natürlich selbst Literatur.

Leseprobe

Einen Auszug aus den Essays stellt der Verlag auf seiner Internetseite zur Verfügung.