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Podiumsdiskussion:An der Schamgrenze

Podiumsdiskussion Ruhrtriennale

Jahrhunderthalle, Tagesthema: „Freedom of Speech / Freiheit der Kunst“.

(Foto: Ina Fassbender/dpa)

Nach der Aus- und Wiedereinladung einer israelkritischen Band debattiert die Ruhrtriennale in der Bochumer Jahrhunderthalle über die Freiheit der Kunst.

Von Martin Krumbholz

Stefanie Carp, Intendantin der Ruhrtriennale, hat einen Fehler gemacht. Das räumt sie selbst ein. Aus ihrer Sicht bestand der Fehler darin, die schottische Band Young Fathers wieder auszuladen, nachdem bekannt worden war, dass diese mit dem BDS (Boycot-Divestment-Sanctions) sympathisiert, einer internationalen Bewegung, die den Boykott Israels fordert. Nach einer anderen Lesart bestand der Fehler im Gegenteil darin, die drei jungen Musiker überhaupt eingeladen zu haben.

Eine derartige Politisierung bereits im Vorfeld, meinte Ex-Bundestagspräsident Norbert Lammert, der die als Ersatz für das Konzert anberaumte Podiumsdiskussion moderierte, habe es in der Geschichte der Ruhrtriennale noch nicht gegeben. Die Young Fathershatten ihrerseits auf einen Auftritt verzichtet, ebenso das Istanbuler Hezarfen-Ensemble,aus ähnlichen Gründen. Im Programm sei von einer "Umsiedlung" des armenischen Volkes statt vom "Völkermord" die Rede. Die Musiker sagten ab - das Ganze umrankt von einer Solidaritätsadresse für Stefanie Carp.

Mehrmals wurden an diesem Tag Vorwürfe zurückgewiesen, die niemand erhoben hatte

Alles nur eine Frage der "political correctness", des "wording", wie die Intendantin es nennt, oder tun sich hier "weltanschauliche Schützengräben" auf (Lammert), in denen die Fraktionen sich verschanzen? Wie verfahren und hochgradig emotionalisiert die Debatte ist, zeigte sich im voll besetzten Saal der Bochumer Jahrhunderthalle bereits nach wenigen Minuten, als Carps Feststellung, die Young Fathersbefassten sich mit dem Thema "Rassismus", auf empörte Zwischenrufe einer lautstarken Israel-Fraktion stieß. War damit etwa der Staat Israel gemeint? Auf dem Podium saß (es war übrigens Sabbat) kein Vertreter der jüdischen Gemeinde, wohl aber der Komponist Elliot Sharp, Amerikaner und Jude. In einem eher moderaten Statement übte er Kritik an der Nahost-Politik der US-Regierung und sprach sich, ganz allgemein, für Empathie aus - auch zugunsten des palästinensischen Volkes. Damit steht Sharp vielen liberalen Israelis nah, rief aber Proteste im Saal hervor.

Förmlich außer Rand und Band gerieten Teile des Auditoriums, als der israelisch-amerikanische Filmemacher Udi Aloni das Wort ergriff, obwohl er nicht auf dem Podium saß. Aloni ist bekannt für seine harsche Kritik an der israelischen Regierung, er nahm auch bei dieser Gelegenheit kein Blatt vor den Mund. Niemand müsse ihm sagen, was ein Jude zu tun und zu lassen habe. Es war nicht das einzige Mal an diesem Nachmittag, dass Vorhaltungen zurückgewiesen wurden, die gar nicht erhoben worden waren.

Niemand (selbstverständlich auch nicht Stefanie Carp) hatte das Existenzrecht Israels bestritten, niemand leugnete den Holocaust, niemand verlangte eine "entpolitisierte" Fasson der Ruhrtriennale - "ganz im Gegenteil", wie Ex-Minister Michael Vesper als Vorsitzender des Triennale-Freundeskreises versicherte. Er äußerte allerdings unverhohlene Kritik an Stefanie Carp. Sie hätte sich im Vorfeld besser informieren müssen, ihr "Hin und Her" (Ein-, Aus- und Wiedereinladung) habe der Ruhrtriennale Schaden zugefügt.

Die Politik mische sich nicht in die Programmgestaltung ein, aber Boykott und Kunstfreiheit passten nun einmal nicht zusammen. Ins gleiche Horn stieß die parteilose NRW-Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen. Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) hatte angekündigt, er werde die Ruhrtriennale in diesem Sommer nicht besuchen - eine Art Boykott im Kleinen. Pfeiffer-Poensgen stellte nun klar, die Freiheit der Kunst stehe nicht infrage, man müsse politische Positionen "bis an die Schmerzgrenze" aushalten können, aber Kampagnen wie die des BDS dürfe man auf keinem Festival der Welt und jedenfalls auf keinem deutschen unterstützen. Und einen "BDS light" gebe es eben nicht.

Vergeblich fragte Stefanie Carp, ob man nicht unterscheiden müsse zwischen großartigen Künstlern und den politischen Engagements, die sie tätigten. Manche Statements wurden schlicht niedergebrüllt, andere verebbten in den Niederungen der Rhetorik. Der stets gelassene Norbert Lammert hatte es schon anfangs gewusst. Man wird sich nicht einigen, man wird den Konflikt nicht lösen. Die Kunst wird den Streit überleben.

© SZ vom 20.08.2018

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