bedeckt München

Podium:Von Antisemiten und Gefühlsmenschen

Der Comedian Oliver Polak diskutiert an den Münchner Kammerspielen sein Buch "Gegen Judenhass" unter anderem mit einem seiner Protagonisten: dem Journalisten und Inhaber des "Spiegel", Jakob Augstein

Von Jens-Christian Rabe

Es kommt nicht so oft vor, dass eine Figur aus einem Buch, die darin nicht einfach nur nett porträtiert, sondern heftig angegriffen wird, leibhaftig herab auf die Bühne steigt, um mit dem Autor über dessen Angriff zu diskutieren. Im entsprechend gut besuchten Schauspielhaus der Münchner Kammerspiele war es am vergangenen Sonntagabend so weit. Der jüdischstämmige deutsche Stand-up-Comedian Oliver Polak hatte geladen zur Feier der Veröffentlichung seines soeben erschienenen Buchs "Gegen Judenhass" (Suhrkamp). Und Polak ersparte seinem Gast und Gegenstand, der anfangs noch in der ersten Reihe saß, nichts. Der Abend begann mit einer Lesung aus dem Buch und bald wurde auch die Szene vorgetragen, in der der populäre Spiegel-Kolumnist und Spiegel-Mitinhaber und Verleger seiner eigenen Wochenzeitung Der Freitag Jakob Augstein im Mittelpunkt steht, Sohn des verstorbenen Spiegel-Gründers Rudolf Augstein und Teil des Medien-Hochadels der Republik.

Im Buch wird Augstein nicht namentlich genannt, ist aber leicht erkennbar. Polak las also: "Januar 2018. Am Abend findet ein Live-Gespräch im Maxim-Gorki-Theater statt, der Herausgeber einer Wochenzeitung und Kolumnist eines Nachrichtenmagazins wird dort mit einem Rabbiner sprechen. Ich gehe mit einem Freund hin und setze mich in die erste Reihe." Augstein, so Polak, stilisiert sich im Laufe der Diskussion zum missverstandenen Opfer der Springerpresse, die immer wieder wegen angeblich antisemitischer Kommentare auf ihn eingeschlagen habe. Am Bühnenrand kommt es hinterher zum Showdown, der weniger feindselig endet, als man zunächst vermuten darf. Augstein möchte schließlich wissen, was er, Polak, ihm denn raten würde, wenn er sein "PR-Berater" wäre: "Ich erkläre ihm, dass Haltung und Moral keine PR-Frage sind. Empfehle ihm, nach Israel zu fahren, wie ich es im letzten Jahr auch gemacht habe. Ein, zwei Wochen mit den Menschen dort zu reden. Auch in Palästina, im Kibbuz am Gazastreifen, in Jerusalem. Sich ein Bild machen. Und wenn er dann zurückkäme, sage ich ihm weiter, würde ich mir wünschen, dass er all seine Kolumnen über Israel noch mal am Stück lesen und mal schauen sollte, was das mit ihm macht."

Das Unangenehmste kommt natürlich auch in den Kammerspielen erst danach, als Polak weiterliest: "Im Rausgehen wendet sich seine Begleitung an ihn: Sie habe ihm auch gesagt, dass das mit dem Twitter-Post überflüssig gewesen sei und er sich nicht wundern müsse, wenn die Leute so ein Bild von ihm hätten." So ein Bild? "Nachdem vor dem Brandenburger Tor, als Antwort auf die Idee Trumps, die amerikanische Botschaft in Israel nach Jerusalem zu verlegen, israelische Flaggen verbrannt worden waren, hatte der Herausgeber getwittert, dass das nach deutschem Recht nicht verboten sei."

Man hätte sich gewünscht, dass der Moderator des Abends, der Zeit-Literaturkritiker Ijoma Mangold, diese Sache dem - das muss man ihm lassen - unerschrockenen Gast Augstein noch einmal unter die Nase gerieben hätte. Dass er es nicht tat, war aber vielleicht das Glück des Abends, der als Tribunal gegen Augstein nur halb so erkenntnisreich und symptomatisch für die Diskussion um den Antisemitismus der Deutschen gewesen wäre, wie er es am Ende war.

Damit wäre eine Schärfe und Personalisierung im Raum gestanden, die das Gegenteil dessen gewesen wäre, was Polak mit seinem Buch für die Debatte erreichen will. "Gegen Judenhass" ist keine wütende Streitschrift, sondern eine ziemlich lakonische Dokumentation - und darum natürlich umso bitterer und umso wichtiger.

Auf etwas über 50 Seiten hat Polak, der 1976 in Papenburg im Emsland geboren wurde als Sohn des einzigen nach Krieg und KZ-Gefangenschaft wieder nach Papenburg zurückgekehrten jüdischen Ehepaars, aufgeschrieben, welchen Judenhass er selbst erlebte und erlebt. Ganz früher, als Kind und Jugendlicher auf dem Schulhof (",Hast du ihn angefasst?' 'Hast du ihn berührt?' ,Ihhhh', schreien andere, ,du hast Juden-Aids.'"), aber auch später als längst bekannter Comedian, der dabei ist, als bei einem gemeinsamen Stand-up-Act ein Fernsehmoderator plötzlich ein Desinfizierungsmittel herausholt und mit der Frage "Habt ihr ihm die Hand gegeben?" den anderen Comedians auf der Bühne die Hände einsprüht: "Sollte das Ironie sein? Wem genau galt sie? Imitierte er mit seiner Geste einen Antisemiten, oder sprach einer aus ihm?"

Im Kern ist "Gegen Judenhass" eine ernste große Bitte an die Deutschen um weniger Gleichgültigkeit gegenüber ihrem Alltagsantisemitismus, der nichts mit irgendwelchen neuen Migranten zu tun hat, sondern nie ganz weg war. Polak fordert auf, sich vorzustellen, wie sich der Antisemitismus für die Betroffenen anfühlt, er wirbt um Empathie.

Jakob Augstein hat das jedenfalls wohl schon nachdenklich gemacht. Ein bisschen jedenfalls. Von Empathie und Einfühlungsvermögen war denn auch in der Diskussion, an der munter, aber etwas irrlichternd auch noch der Rapper Maxim Drüner von K. I. Z. teilnahm, immer wieder die Rede. Augstein, den Mangold und Polak nach Kräften mit manchen seiner Israel-Kommentare konfrontierten, redete sich mit Ach und Krach trotzig auf den Kontext heraus, aus dem sie jeweils geschrieben worden seien, immerhin aber gestand er irgendwann auch: "Es trifft mich nicht, wenn mich jemand Antisemit nennt, viel mehr trifft mich, wenn mich jemand für nicht empathisch hält."

Das ist doch ein Anfang, dachte man, jetzt muss der deutsche Jedermann nur noch begreifen, dass der Vorwurf des Antisemitismus den Vorwurf der Gefühlskälte beinhaltet. Und auch wenn er nicht so konkret adressiert wurde, wie es hier hätte geschehen können, so stand doch riesengroß das Problem im Raum: Die Tatsache, dass zwischen der Erfahrung, einfach nur ein Deutscher zu sein, und der Erfahrung, ein deutscher Jude zu sein, ein Graben liegt. Daher ja auch der Zorn vieler deutscher Juden auf allzu nonchalanten deutschen Philosemitismus. Es ist ein ewiger emotionaler Unterschied, ob man im Zweifel zu denen gehört, die hassen, oder zu denen, die gehasst werden. Eine bessere Gelegenheit, um sich darüber wirklich produktiv zu verständigen, als das Gespräch über das Buch "Gegen Judenhass" gab es lange nicht.

Er habe, so Oliver Polak ganz am Ende, das Buch eigentlich "Juden hassen" nennen wollen. Wirklich? Ja, damit könnte man bestimmt noch mehr Deutsche ins Boot holen.

© SZ vom 09.10.2018
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