Süddeutsche Zeitung

Plattenkabinett:Wehmütiges Waldwesen

Moby hat sie verpflichtet, Joni Mitchell konnte nicht auf sie verzichten: Die kanadische Sängerin Al Spx schlug mit der Band Cold Specks wie ein Komet vor den Dinosauriern ein. Ihre Musik haut einen um. Neue Alben im Plattenkabinett.

Ein bisschen wehmütig, ein bisschen morbide, aber immer sehr melodiös: Das sind die Grundcharakteristika der 26-jährigen kanadischen Sängerin Al Spx, die mit der Band Cold Specks vor zwei Jahren irgendwo aus den Wäldern in Wick, Somerset - das ist kurz vor Grönland, nördlich der Hudson Bay - auftauchte und gleich in der Off-Label-Szene einschlug wie ein Komet vor den Dinosauriern. Wer einen solchen Einschlag im abgebrühten Pop-Bizz nicht mehr für möglich hält, dem sei herzlich das Stück "A Quiet Chill" ihrer neuesten Einspielung "Neuroplasticity" empfohlen. Schon die ersten Silben, die sie da reinhaucht, "Release the animals!", hauen einen um. Da ist das Stück noch keine zehn Sekunden alt.

Die neue Platte ist ihre zweite nach dem Debüt "I Predict A Graceful Expulsion". Darauf fand sich die wunderschöne Single "Holland". Diese erregte so viel Aufmerksamkeit, dass man das frühvollendete Talent auf Welt-Tour schickte, sie für einige Preise nominierte und zu Kollaborationen einlud. Moby hat sie verpflichtet, die Swans haben mit ihr gearbeitet, der Jazztrompeter Ambrose Akinmusire ebenfalls, Joni Mitchell konnte an ihrem 70. Geburtstag nicht auf ihre "trauernd-betende Stimme" (NY-Times) verzichten.

Das neue Album trägt die reichen Früchte dieser Zusammenarbeiten, gerade auch Jazz-Elemente wie im Rausschmeißer "A Season of Doubt".

Al Spx ist in ihren kryptischen Texten und den abrupten Rhythmuswechseln äußerst eigenwillig, sie könnte die kanadische Antwort auf Fever Ray sein - ein Waldwesen eben, dessen Musik, wie die NY-Times schrieb "Erlösung verheiße".

Wenn diese Platte ein Wetter- oder Klima-Phänomen wäre, dann der wandernde Jet-Stream.

Wenn diese Platte ein Nahrungsmittel oder eine Speise wäre, dann 80%-tige Zartbitterschokolade.

Wenn diese Platte ein Buch wäre, dann der "Fänger im Roggen"... nein: "On The Road".

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Wandervogel oder Kulturlogistiker

Auch dieser Künstler hat zwei Namen: Er nennt sich Land Observations und James Brooks. Diesen Menschen muss man sich irgendwie als Wandervogel oder Kulturlogistiker vorstellen. Sein Debüt feierte er mit dem Album "Roman Roads IV-XI". Sein neues Album "The Grand Tour" knüpft da thematisch an. Der Erstling beschäftigte sich mit den realen Straßen, die das Römische Reich durchzogen. Dabei ging es weniger um die Wege, als darum, was sie ermöglichten. Die Straßen waren Linien der Eroberung und Unterwerfung, aber auch der Verbreitung von Sprache und Kommunikation.

Brooks' neues Werk nun ist ein imaginärer Reisebericht, quasi ein Bildungsroman in Pop: "The Grand Tour" war die obligatorische Bildungsreise des europäischen Adels und später des Großbürgertums vorvergangener Jahrhunderte, die Stoff boten für die Bildungsromane in der englischen Literatur des 18. Jahrhunderts.

Musikalisch umgesetzt ist diese Grand Tour absolut verblüffend. Man erinnert sich vielleicht an Rick Wakemans Versuch, den Jules Verne-Roman "Reise zum Mittelpunkt der Erde" zu vertonen. Wakeman ging mit Synthesizer und einem Sprecher zu Werke und versuchte, das Buch zu vertonen, also Klangeindrücke zu formulieren, die den Gefühlen und Stimmungen der Buchhelden Ausdruck verliehen. Brooks hingegen ist für seine Grand Tour tatsächlich über die Alpen gewandert - mit nichts als seiner Gitarre. Daher also der Künstlername "LAND OBSERVATIONS", er beobachtet noch selber.

Bei Reiseführer Brooks ist man gut aufgehoben

Und zeichnet auf dem Rücken der bayrischen Alpen seine Gitarre auf. Insofern erkundet Brooks nicht nur das Gebirge, sondern auch das Instrument - seine Sounds, die Möglichkeiten für Rhythmus, Melodie und Stimmung.

Dieser Reisebericht zielt also nicht auf einen einzigen (Erdmittel-)Punkt, sondern auf die Vielfalt musikalischer Landschaft, ein bisschen wehmütig, aber auch mit einigem Optimismus macht man so Station in London, fährt durch Kent zur Küste, schließlich über den Ärmelkanal nach Nordfrankreich, quert Flandern und Schweizer Pässe, um schließlich nach Wien im gelobten Venedig, Florenz und Rom zu landen. Bildungsreisen, das nur noch dazu, dienten nicht der formalen Anreicherung des Wissens, also dieser Bildung. Nein, die Reise-Erfahrungen sollten gerade den Charakter des Reisenden bilden. Wie dem auch sei: Bei Reiseführer Brooks ist man sehr gut aufgehoben.

Wenn diese Platte ein Wetter- oder Klima-Phänomen wäre, dann ein nächtlicher Sommerregen.

Wenn diese Platte ein Nahrungsmittel oder eine Speise wäre, dann Hendrick`s Tonic mit Gurke.

Wenn diese Platte ein Buch wäre, dann Stanislaw Lems "Solaris".

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Von wilden Trollen bevölkerte Welt

Highasakite ist eine ebenfalls mit Grenzerfahrungen flirtende norwegische Band aus Oslo, die 2012 auf der Trondheim Jazz Conservatory zusammenfand. Man bestand zunächst nur aus der Sängerin Ingrid Helene Håvik und dem Schlagzeuger Trond Bersu, später stießen die Synthesizer-Größen Øystein Skar und Marte Eberson sowie Kristoffer Lo - zuständig für Percussion und Gitarre - dazu. Eine erste Platte: "All That Floats Will Rain" war schnell gemacht, hatte in Norwegen einigen Erfolg und führte zu gemeinsamen Auftritten mit "Your Headlights Are On", "PELbO" und "Sacred Harp".

Diese musikalische norwegische Welt muss man sich immer noch als von wilden, kaum gezähmten Trollen bevölkert vorstellen: sie ist surreal, dadaistisch, unberechenbar in Stil und Klima und sie wird durchweht von einer ungeheuer wabernden Atmosphäre - klar: hier sind zwei Synthies im Einsatz. Zu der ganzen "uncanny"-Erfahrung, die diese teils überraschend peitschenden, rollenden Rhythmen auslöst, gehören sicherlich auch die wüsten Texte, die nicht mit Bildern kleckern, sondern klotzen: "the Earth is the universe's eyes / the Earth is the universe's eyes" oder in Songs mit Titeln wie "I, The Hand Grenade" und "My Only Crime", "Science & Blood Tests".

Bei aller musikalischen Genrevielfalt - das alles muss ja auch erstmal unfallfrei und glaubhaft vorgetragen werden. Das Unwahrscheinliche, hier gelingt's. Und dann so beiläufig folkig-flockig, auch warm und anheimelnd hingesungen, wie dies Ingrid Helene Håvik macht, aus deren Feder solche magengestärkten Aussagen fließen. Dieses Land der Trolle mag noch lange blühen. Hätten die Hobbits eine Hitparade, man wüsste, was dort die Charts anführte.

Wenn diese Platte ein Wetter- oder Klima-Phänomen wäre, dann die Halbjahresnacht Norwegens.

Wenn diese Platte ein Nahrungsmittel oder eine Speise wäre, dann Tee mit Rum, Tee egal.

Wenn diese Platte ein Buch wäre, dann das Drehbuch "Peer Gynt" für die Verfilmung durch David Lynch.

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