Plattenkabinett Sieben Tracks zur Apokalypse

Diese Entscheidung ist nicht leicht gefallen. Und, falls das noch jemanden außer mir interessiert, sie offenbart einen etwas unsteten, disparaten Musikgeschmack, der auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner verzichtet. Komisch, rührend, verrückt. Keine Ahnung. Nur: Wie kann man das gleichzeitig gut und jahresalbenverdächtig finden? Denn es wurde im Verlauf dieser Kür der Platte des Jahres ernsthaft erwogen, Patty Griffins "American Kid", ein reinrassiges, unverstelltes American Folk-Album, Nick Cave & The Bad Seeds Live-Album "Live from KCRW" mit noch einer Version von Mercy Seat, The National mit "Trouble Will Find Me", dazu noch The Knife mit "Shaking Habitual" und Vampire Weekends "Modern Vampires of the City" als Bestalbum auszuwählen.

Diese Alben haben alle miteinander das zu tun: gar nichts. Und das Album, dass dann schließlich gewählt wurde, passt exakt in diese Reihe. Auch dieses hat nichts mit allen anderen zu tun.

Warum ich mich nun aber für "Sunbather" von Deafheaven entschieden habe und nicht für "Outlaw Gentlemen & Shady Ladies" von Volbeat, auch dieses ist 2013 erschienen, liegt daran, dass Deafheaven sicherlich weniger oft melodisch arbeiten, dafür viel konsequenter ihre Shoegazing- und Post-Metal-Einflüsse betonen als die Metall-Dänen. Auch wenn ein Stück wie "Irresistible" daherkommen mag wie die Almweihnacht in Kitzbühel, sorgt schon der anschließende Titelsong "Sunbather" dafür, dass die Band wieder mit sich im dunklen Lot ist.

Nur sieben Tracks hat dieses Album, es sind die sieben Tracks zur Apokalypse: Schwarz wie richtig guter Kaffee ist dieses Album also, das so harmlos rosarot verpackt ist. Stücke sind gerne mal über 10 Minuten lang, es dringt ein Inferno-Gedrumme und eine kreatürlich gequälte schmerzensstarke Stimme aus ihnen, die einem das Herz zerreißt und klingt, als habe man sie erst bis zur Verzerrung verstärkt, um sie dann wieder zu dimmen.

Popkritik Die Alben des Jahres
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Die Alben des Jahres

Popmusik ist wie Butterstullen schmieren, zumindest für Arcade Fire. Darkside machen Kopfhörermusik und der Ghostface Killah ist einfach nur da: Die Autoren unseres Plattenkabinetts haben ihre Alben des Jahres 2013 gekürt.  Von Jonas Beckenkamp, Johannes Kuhn und Sebastian Gierke

Man weiß darum gar nicht: Ist das jetzt Aggression oder Notwehr, was da aus den Boxen herausschwemmt, ist es Polizeifunk oder Schwarze Messe, wo genau ist die Granate eingeschlagen und: Kann Musik verrückt machen? Man versteht also nicht gleich, auf welcher Beerdigung man sich gerade befindet, nur, dass einen die auch in sich wandelbaren Tracks sehr und nachhaltig beschäftigen, das ist sicher.

Zuletzt hat der Wüstenrock von Kyuss so angefasst wie die Wall of Sound, welche die mal zwei, mal fünf Herren aus San Francisco da aufbauen. Und, bitte einmal hinhören, das ist nicht mehr nur Black Metal, da glimmt und glüht immer etwas feuerrot, man weiß nur nicht, was es ist: Die heiß gelaufenen Gitarren? die Sticks des Drummers Daniel Tracy? Die Augen des Sängers George Clark oder die Nerven der Zuhörer, die das Wechselbad der Songgefühle nicht aushalten? Eine richtig sehr gute Platte also! Hat sich das Jahr also doch gelohnt. (Bernd Graff)

Das Christkind legt dieses Album gerne unter den Baum von Menschen, die auf den düstereren Bildern des niederländischen Renaissance-Malers Pieter Bruegel dem Älteren zu sehen sind - den noch lebenden Menschen auf diesen Bildern, versteht sich.

Diese Alben waren - wie gesagt - ebenfalls Anwärter auf den Titel "Platte des Jahres": Patty Griffin: "American Kid"; Nick Cave & The Bad Seeds: "Live from KCRW"; The National: "Trouble Will Find Me"; The Knife: "Shaking Habitual"; Vampire Weekend: "Modern Vampires of the City".

Wer dieses Album in zehn Jahren auflegt, denkt: "Jetzt weiß ich wieder, warum die Jungs nie im Radio gespielt werden."

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