Plattenkabinett:Manifest mit Schulaufsatz-Titel

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Es gibt nur wenige zyklisch wiederkehrende Kulturereignisse, die mein Leben im Rückblick strukturieren - an denen ich mich zurückhangeln kann und die mich sagen lassen: Ach, das war das Jahr, in dem... Das Erscheinen eines neuen Tocotronic-Albums gehört dazu. Ein Jahr, in dem ein Tocotronic-Album erscheint, ist ein Tocotronic-Album-Erscheinungsjahr, da kann kommen, was will. Und natürlich gilt auch der Rückschluss: Das Album eines solchen Jahres ist für mich eben - ja, genau.

Das annum tocotronici 2013 begann verheißungsvoll: "Hey, hey, hey", sang Dirk von Lowtzow sanft in leicht psychedelische Beach-Boys-Klänge hinein und kündete von einer sanften, fröhlichen Revolution. Für die Dauer von einer Stunde und zwanzig Minuten schien der Wandel der Welt zum Guten nur eine Ansage zu brauchen: "Wie wir leben wollen". Als müsste man nur mal ein kleines Manifest mit diesem Schulaufsatz-Titel schreiben. Jetzt sagt halt mal. Dann wird das schon!

Tocotronic tun einfach so, als sei es bereits so weit. Als seien alle Schlachten längst gewonnen, singen sie heitere Hymnen an die Passivität ("Warte auf mich auf dem Grund des Swimmingpools"), an alles Weiche ("Wir haben weiche Ziele/Wir sind Plüschophile"), das Dämmerlicht, die Schwäche, das gemütliche Mittelmaß. An all das, was in der Welt sonst keinen Platz mehr hat. So wie das analoge Equipment aus den Fünfzigern, mit dem die Band dieses Album aufgenommen hat.

Konkrete politische Zeilen kippen in diesen Post-Revolutionsliedern sofort wieder ins Rätselhafte: "Europas Mauern werden fallen/An Anemonen und Korallen". Das ist schön, weil die Lieder so nie zum schlicht-linken Demo-Soundtrack werden - aber natürlich lässt es einen auch ein bisschen verzagt in der lyrischen Diskurswolke zurück: Wie denn nun, Tocotronic, wollt ihr leben? Nix zu machen: "Eins zu eins ist jetzt vorbei", sang von Lowtzow schon auf dem weißen Album von 2002.

Egal. "Wie wir leben wollen" ist nicht nur ein überquellender Utopienfundus, es birgt auch die schönsten, kitschärmsten Liebeserklärungen der jüngeren deutschsprachigen Popmusik. Die Nummer eins, zu finden im Lied "Neutrum": "Möchtest du mich begleiten/ Als lebenswichtiges Organ". (Kathleen Hildebrandt)

Das Christkind legt dieses Album gerne unter den Baum von Menschen, die davon reden, in ein alternatives Wohnprojekt ziehen zu wollen.

Diese Alben waren ebenfalls Anwärter auf den Titel "Platte des Jahres": Haim - "Days are gone"; Dagobert - "Dagobert".

Wer dieses Album in zehn Jahren auflegt, denkt: "Was für Propheten!"

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