Plattenkabinett Susanne Blech - Welt verhindern

Der Schwachsinnsquotient ist hoch. Verdammt hoch. Denke ich beim ersten Durchlauf. "Welt verhindern" heißt das Album. Susanne Blech heißt die Band. Kommt aus dem Rhein-Ruhrgebiet. Das Bandprojekt des Düsseldorfers Timon Karl Kaleyta, der die bisherigen drei Alben mit verschiedenen Musikern eingespielt hat.

"Jesus Christus will nichts ändern, sicher ist er Darwinist", wird im Song "Liebe Neue Deutsche Welle" gerappt. Und dann: "Da alles nun zu Ende geht, frag nicht, ob man noch tanzen kann."

Mein Hirn versucht Kontexte herzustellen, eine anthropologische Grundkonstante: Es fragt nach dem Was und dem Warum und dem Wie. Solche Fragen führen, weil die Antworten darauf so verdammt schwer zu finden sind, bei vielen zu Gott. 15 Songs von Susanne Blech führen zu etwas Ähnlichem: Verwirrung. Ist das jetzt zu komplex? Was verstehe ich da nicht?

Zweiter Durchlauf. Es klingt nach Egotronic, nach Deichkind. Elektronischer deutscher Indie-Pop. Cheesy Euro-Dance dazwischengemischt. Eine bekannte musikalische Umgebung. Und je länger man sich in einer solchen Umgebung aufhält, desto schlechter wird die Wahrnehmung. Die Unterschiede verschwimmen. Ich nehme dann weniger wahr, als vorhanden ist, die Welt verliert ihre nicht-funktionalen Eigenschaften, ihre Sinnlosigkeit. Deshalb die Verwirrung beim ersten Durchgang. Irre Dance-Knaller, die was von mir wollen? Was denn bitte? Und warum tanze ich nicht einfach los?

Beim zweiten Mal beginne ich Umrisse wahrzunehmen, abstrakte Formen. Und merke: Gar nichts will das von mir. Die Texte sind aneinandergereihte Parolen, zum Teil zusammenhangslos, zum Teil entstehen die Zusammenhänge nur in meinem Kopf. Und passen damit perfekt zur Musik. Wir können ja mit Musik nur deshalb etwas anfangen, weil das Musikerlebnis nie rein emotional ist. Das wäre viel zu banal. Das Musikerlebnis verbindet über unser Vorstellungsvermögen immer Gefühl und Verstand. "Du mit deiner Jugend, ihr mit Eurem Fleiß, wie oft soll ich lügen, bis ihr es begreift."

Woran ich bei diesen Zeilen denke, das denkt niemand sonst. Ganz sicher. Auch Susanne Blech haben keine Vorstellung davon. Darin liegt ihre Meisterschaft, das wird beim dritten Durchlauf klar, dem noch einige folgen werden. Die Band verzichten auf moralinsauren Konzeptkitsch, aber nicht auf ein Konzept. Das Konzept: Rätsel und Verschwendung. Sie wollen keine Wahrheiten verbreiten, glauben an nichts. Und sind trotzdem politisch. Weil genau darin eine Provokation liegt. Der Trick ist, das behaupten sie ganz dreist, ohne Antworten zu leben. Und jede neue Perspektive auf die Welt bedeutet, dass die Welt veränderbar ist. Damit lässt sich dann auch locker ein Weltherrschaftsanspruch begründen.

Um diesen Anspruch einlösen zu können, haben sich Susanne Blech mit Göttern der Uneigentlichkeit verbündet. Mit dem Rapper Turbo B zum Beispiel, der mit Snap! und "Rhythm Is A Dancer" in den Neuzigern einen Überhit hatte und jetzt rappt: "I'm as serious as cancer when I say: Killer is no dancer." Oder Benjamin von Stuckrad-Barre, den Kaleyta bei den Uneigentlichkeits-Kaspern Joko & Klaas kennenlernte. "Wir werden alle nicht Ernst Jünger. Es fühlt sich an wie Markus Lanz. Und als Belohnung oder schlimmer, nur noch Beamte oder Punks." Diese Zeilen hat Stuckrad-Barre beigesteuert. Und den Text zu "Die Katzen von Beate Zschäpe".

Was Susanne Blech uns vorführen: Die ewige bürgerliche Authentizitätssehnsucht. Unsere Sehnsucht. Und das alles als großen Spaß. Jedenfalls knallt es ordentlich. Die Dialektik von Aufklärung und Unterhaltung wird selten so gut in Musik übersetzt. Im Titelsong findet Susanne Blech dafür sogar die perfekte Formel: "Wir können die Welt verhindern / Den Raum, die Zeit, das Glück." Das ist die ganz große Utopie.

Wäre das Album ein Kleidungsstück, es wäre: ein Fedora-Hut, halb peinlich, halb cool.

Wenn das Album eine Reise wäre, dann führte sie nach Wuppertal.

Dieser Mannschaft drückt das Album bei der WM die Daumen: Kolumbien.

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