Süddeutsche Zeitung

Plattenkabinett:Make love, Brian, not politics

Placebo-Frontmann Brian Molko wird in diesem Leben kein Dichter mehr, die Arctic Monkeys bewerben sich um einen Platz auf der nächsten Kuschelrock-CD und bei MGMT versteckt sich eine Flöte im Sound-Dschungel. Neue Alben im "Plattenkabinett", der neuen Musik-Kolumne von SZ.de.

Brian Molko sieht sich als politischen Musiker, sein Live-Publikum begrüßt er gerne mal mit Fragen wie "Seid Ihr bereit für ein bisschen Rock'n'schwul?" Der Frontmann von Placebo hat sich um die Gleichstellung Homosexueller verdient gemacht, keine Frage. Doch nicht jedes (gesellschafts-)politische Thema eignet sich für Zeilen aus Molkos Feder, davon kann man sich überzeugen, wenn man die neue Placebo-Platte "Loud Like Love" einlegt.

In "Rob The Bank" sinniert er etwa über die Gier von Bankern, das klingt dann aber so, als wenn ein Zweitklässler vorne an der Tafel steht und aufsagt, welche wichtigen Finanzplätze er schon kennt:

"Rob the Bank of England and America/ Rob the Bank of the entire Euro-Zone/ Rob the Bank of Mexico and Canada/ Rob the bank, then take me home./ Make love."

Weiter zählt der Schüler Brian auf: Luxemburg, Monaco und Liktenstein. Zu Facebook (und dem freizügigen Umgang der Nutzer damit) dichtet Molko in "Too Many Friends":

"My computer thinks I'm gay/ I threw that piece of junk away/ On the Champs Elysées/ As I was walking home."

Eh, ja. Brian Molko wird in diesem Leben kein großer Lyriker mehr. Wer nicht auf die Texte achtet, der wird von Loud Like Love aber nicht enttäuscht - zumindest dann nicht, wenn er sich an dem seit 20 Jahren immer gleichen Placebo-Sound erfreuen kann. An Molkos leicht larmoyanter Stimme etwa, der sich die Instrumente wie eh und je unterordnen. Die Band experimentiert wie schon auf "Sleeping With Ghosts", "Meds" oder "Battle For The Sun" mit Elektronischem und versucht sich etwa an einer Thom-Yorke'schen Soundwelt ("Scene Of Crime"). In der Ballade "Bosco", hübsch arrangiert mit Piano und Streichern, besingt Molko die Liebe und den Alkohol, was ihm dann doch besser liegt als das mit diesen Banken. Make love, Brian, not politics.

Wäre das Album ein Schauspieler, dann wäre es: Nicolas Cage.

Wäre das Album eine Mahlzeit, dann wäre es: Ein Miesmuschelrisotto in Weißweinsoße.

Dieses Lied muss auf mein nächstes Mixtape drauf: "Hold On To Me".

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Arctic Monkeys - "AM"

Weihnachten 2005, am Rechner unter dem Hochbett in dem abgedunkelten Zimmer eines Bekannten, Typ Bier und Pizza: "Da, das haben wir noch nicht", sagt er und klickt. "Ravey Ravey Ravey Club - Live at The Grapes", steht auf dem Bildschirm, daneben: 128 kbps, mono. Die Soundqualität mit miserabel zu umschreiben, wäre ein Euphemismus, egal, Hauptsache dabei sein, beim ersten großen Myspace-Hype.

Die Band der Stunde kommt aus Sheffield und heißt Arctic Monkeys. Bis Silvester finden sich 20 Songs im Internet, die meisten davon eingestellt von Alex Turner und seinen Jungs, die anderen: nun ja. Das wenig später veröffentlichte Album "Whatever People Say I Am, That's What I'm Not" verkauft sich dennoch hervorragend (und macht sich gut in der Sammlung, obwohl die unfassbar hässliche Aschenbecher-CD jedes Mal wieder den Würgreiz aktiviert).

Mit dem Indie-Rock verschwinden auch die Arctic Monkeys nach und nach von der Bildfläche. 2013 erlebt das Genre allerdings ein (kleines) Comeback, mit neuen Alben von den Strokes, Franz Ferdinand, den Babyshambles - und nun eben von den Arctic Monkeys. "AM" unterscheidet sich aber schon dadurch von den Werken der Konkurrenz, weil es gar nicht erst versucht, das erfolgreiche Alte in eine neue Version zu verpacken. Das rotzige Garagengeschrammel, das einen anno 2006 noch durch die Clubs fetzen ließ? Spielt hier nur noch eine Nebenrolle (etwa in "R U Mine").

Die Arctic Monkeys arbeiten sich viel lieber mit Elan durch 50 Jahre Rock- und Popgeschichte. Sie huldigen den Rolling Stones und den Queens Of The Stone Age - wohlgemerkt in einem Song ("Arabella") -, sie bewerben sich mit "No. 1 Party Anthem" um einen Platz auf der nächsten Kuschelrock-CD, spielen lässig mit Hiphop-Beats ("Why'D You Only Call Me When Your'Re High?") und schließen das Album doch tatsächlich mit einer R'n'B-Ballade ab ("I Wanna Be Yours").

Das wirkt alles so überlegt, reif und smart, dass man sich fragt, ob die Arctic Monkeys dieses Album nur für Kritiker eingespielt haben. Sei's drum: "AM" macht einfach Spaß.

Wäre das Album ein Schauspieler, dann wäre es: Brad Pitt in Ocean's Eleven.

Wäre das Album eine Mahlzeit, dann wäre es: Ein Kobe-Rinderfiletsteak mit der neuen Kräuterbutter von Nelson Müller.

Dieses Lied muss auf mein nächstes Mixtape drauf: "Do I Wanna Know?".

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MGMT - "MGMT"

Lysergsäurediethylamid, das: Halluzinogen, ohne das die neue MGMT-Platte nur schwer zu genießen ist. Die New Yorker Hipster Andrew Van Wyngarden und Ben Goldwasser machen mit ihrem selbstbetitelten dritten Album "MGMT" in etwa dort weiter, wo sie mit dem Vorgänger "Congratulations" aufgehört haben. Sie bewegen sich in einem psychedelischen Kosmos, der einem auch beim achtunddreißigsten Durchhören fremd bleibt, weil man einfach keinen Zugang zu ihm findet.

Das war schon immer so eine Sache mit MGMT. Das Duo spricht mit großer Zuverlässigkeit den Kopf an, aber nur selten das Herz. Das gilt vielleicht nicht für die ersten fünf Songs ihres Debüt-Albums "Oracular Spectacular" (darunter die Indie-Hits "Time To Pretend", "Electric Feel" und "Kids"), aber für alle anderen. Wie seltsam bemüht das Projekt MGMT ist, lässt sich nun wieder an dem Titel eines neuen Stücks ablesen. Es heißt: "Cool Song Nr. 2".

Van Wyngarden und Goldwasser entführen auf dem neuen Album in einen üppigen Sounddschungel. Es blubbert überall, es zirpt, es fiept; an jeder Lichtung aber lauert auch ein fies verzerrter Bass, wummert ein mächtiger Beat. Eine Flöte versteckt sich irgendwo im Dickicht und da hinten, waren das Streicher? Von oben schwebt eine Stimme in die Szenerie und versucht, diese Welt zu erklären. Die schöne bunte Welt von zwei New Yorker Hipstern.

Wäre das Album ein Schauspieler, dann wäre es: Jim Carrey in Die Maske.

Wäre das Album eine Mahlzeit, dann wäre es: Ein Tintenfischsalat (wenn die Space Cookies grad aus sind).

Dieses Lied muss (dennoch) auf mein nächstes Mixtape drauf: "Introspection".

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