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Plattenkabinett:"Interlude" von Jamie Cullum

Jamie Cullum, dieser ewige Mittzwanziger, er ist mittlerweile auch schon 35 Jahre alt. Ein gutes Alter, um mal zurückzublicken, dachte er sich wohl, als er sich zu einem neuen Album entschloss. In seinen eigenen Worten: "Um dahin zu gelangen, wo man sein möchte, muss man manchmal zurück an den Punkt gehen, an dem alles angefangen hat."

Zurück auf Los heißt bei Jamie Cullum zurück zum Jazz. So strotzt "Interlude" nur so von Coverversionen teils sehr bekannter Jazz-Klassiker. Und Jamie Cullum strotzt nur so vor Mut, nein besser: Er hat keine Angst.

Es hat was Schwerelos-Unbeschwertes, wie der Brite Songs einsingt, die andere Künstler bereits für die Unsterblichkeit interpretiert haben. Wir erleben einen Interpreten, der weiß, was er kann. Cullums souliges "Don't You Know" etwa, eigentlich eine Ray-Charles-Nummer, steht dem Vorbild in Sachen "Cockiness" praktisch nicht nach.

Durch Cannonball Adderleys "Sack o' Woe" swingt sich Cullum gekonnt und kokettiert dadurch mit den vor Selbstmitleid triefenden Zeilen. An Nina Simones "Don't let me be misunderstood", das seine Bekanntheit wohl eher dem Disco-Act Santa Esmeralda verdankt, wagt er sich ebenfalls unerschrocken heran - mit gefühlvoller Unterstützung von Gregory Porter. Und "Out of this world" des Komponisten Harold Arlen, von dem immerhin Versionen von Frank Sinatra und Tony Bennett vorliegen, reißt er mit Verve an sich.

Doch dieses gesunde Selbstbewusstsein kippt an manchen Stellen des Albums in Übermut. In "Walkin'" etwa, einem Stück, das Nat King Cole schon vor 60 Jahren gesungen hat. Hier fehlt Cullum das Verzweifelte, Unsichere, das Nat King Coles Interpretation so eindringlich klingen ließ.

Oder in Hank Williams' "Lovesick Blues", in dem er bisweilen einfach nur albern klingt. Oder in "My One and Only Love", das Sinatra für alle nachfolgenden Interpreten unmöglich gemacht hat, in dem Cullum die Gravitas fehlt, in dem er arg beiläufig daherkommt.

"Make someone happy, Make just one someone happy, And you will be happy, too" singt der 35-Jährige (auf den Spuren von Tony Bennett) am Ende nach knapp 45 Minuten seines Back-to-the-Roots-Albums. Mit "Interlude" wird ihm das nicht schwerfallen. Bei seinen Fans ohnehin nicht - aber womöglich auch bei Menschen, die mit ihm bislang nichts anfangen konnten.

Wenn diese Platte einen Wunsch erfüllen könnte, dann den: Lass mich in die Vergangenheit reisen!

Wenn die Platte ein Hashtag wäre: #jamiejazz.

Wenn die Platte eine Stadt wäre: New York.

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