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Plattenkabinett:Alter schützt vor Rock 'n' Roll nicht

Tom Petty & THE HEARTBREAKERS

Tom Petty ist der letzte Hippie, von Neil Young einmal abgesehen.

(Foto: WMG)

Tom Petty wollte wieder ein wildes Rock-'n'-Roll-Album einspielen. Das ist ihm gelungen. So, wie das einem 63-Jährigen möglich ist. Neue Alben im Plattenkabinett, der Musik-Kolumne von SZ.de.

Von Felix Reek

Gleich im ersten Song knarzt es gewaltig. Die Gitarren könnten auch von einer aktuellen Garagenrockband stammen. Das Schlagzeug ist so trocken, als stünde es direkt neben dem Hörer im Raum. Und Tom Petty singt, als halte er sich dabei die Nase zu. Ein richtiges Rock'n'Roll-Album wollte der 63-Jährige machen, so wie er es seit den Anfangstagen seiner Karriere nicht mehr veröffentlicht hat. Nach all den Hits ("Free Fallin", "Learning To Fly") in den 80er- und 90er-Jahren und den introvertierten letzten Werken. Und die ersten Sekunden von "Hypnotic Eye" klingen tatsächlich danach.

"I don't care what nobody say", also "Mir doch egal, was die anderen sagen", so etwas wie die essenzielle Aussage des Rock'n'Roll, haut Petty einfach mal heraus. Lang hält er das aber nicht durch. Im ersten Refrain von "American Dream Plan B" löst sich gleich wieder alles in Wohlgefallen auf. Da sind sie, die süßlichen Harmonien im Stile der Byrds, die Pettys Markenzeichen sind. Und er singt: "Ich werde kämpfen bis ich es richtig hinbekomme." Er bleibt eben doch der letzte Hippie, wenn man von Neil Young einmal absieht.

Nach diesem Schema geht es auf "Hypnotic Eye" munter weiter. Knarzende Strophe, sonniger Refrain. Der Klang bleibt bewusst Lo-Fi, entgegen dem heutigen Trend mit Lautstärke auf Kosten der Dynamik alles immer breiter und fetter klingen zu lassen. Seine Hausband, die Heartbreakers, agieren wie seit fast vier Jahrzehnten gewohnt zurückhaltend, Gitarrist Mike Campbell streut immer mal wieder ein Solo ein. Das Ergebnis ist Rock'n'Roll, wie ihn über Sechzigjährige spielen. Ohne fliegende Gitarren und große Posen, reduziert auf das Wesentliche.

Und wer mit soviel Understatement daher kommt, traut sich auch mal, das Tempo komplett runterzufahren, wie in "Full Grown Boy". Da könnte man schon fast sagen, habe sich ein wenig Jazz in die Heartbreakers eingeschlichen. So entspannt kann man Musik wohl nur im Pensionsalter angehen. Von der Rente sind Tom Pettty und seine Band aber glücklicherweise noch weit entfernt. "I feel like a forgotten man, I feel like a four letter word", also "Ich fühle mich wie ein vergessener Mann, ich fühle mich wie Sch...", lamentiert er in "Forgotten Man". Und da ist es wieder, das rebellische des Rock'n'Roll, das wohl auch im Alter nicht vergeht. Petty zumindest scheint damit seinen persönlichen Jungbrunnen gefunden zu haben. Und die Quelle für sein bestes Album seit 20 Jahren.

Wo hört man das Album am besten? Auf einem 60. Geburtstag. Wirklich. Wenn Sie sehen wollen, wie der Jubilar noch mal die Luftgitarre auspackt.

Dieses Lied muss auf mein nächstes Mixtape drauf: "American Dream Plan B"

Wer dieses Album hört, geht auch... zu Bruce Springsteen. Mehrmals hintereinander.

Blues Pills - Blues Pills

Modern ist an diesem Album so rein gar nichts. Digitale Produktion, Autotune? Fehlanzeige. Das Cover: ein psychedelischer Farbenmix, der vom Ansehen schon high macht. Die dazugehörige Band sieht aus, als sei sie direkt aus der Zeitmaschine gestiegen. Letzter Halt: Woodstock, 1969. Und während das Fernsehen und die Mode uns weiß machen wollen, dass die 90er Jahre zurück sind, orientiert sich der Rock'n'Roll der Gegenwart vor allem an der etwas früheren Vergangenheit mit ihren Schlaghosen, Schnurrbärten und langen Haaren. Kadavar, Graveyard, Horisont, Witchcraft - die Liste von Bands, die die Musik ihrer Eltern wiederaufleben lassen, ist mittlerweile lang. Gerne gesehen sind auch von Frauen angeführte Bands wie "The Devils Blood" oder "Spiders".

In diese Reihe gesellt sich nun das Multikulti-Quartett Blues Pills. Gitarrist Dorian Sorriaux ist aus Frankreich, Sängerin Elin Larsson aus Schweden, Zack Anderson und Cory Berry aus den USA. Bereits zwei Jahre nach ihrer Gründung nahm der deutsche Branchenriese Nuclear Blast sie unter Vertrag.

Als Larssons Stimme sich nach ein paar Sekunden zum ersten Mal heraufschraubt, ist das eine Offenbarung. Schnell fällt einem der schreckliche Begriff "Powerröhre" ein. Aber der bringt es tatsächlich so ziemlich auf den Punkt: Das klingt nach Aretha Franklin und Beth Ditto, ohne den nervigen Drang zu übertreiben. Oder für die Zuseher der RTL Chartshow da draußen: Pink mit richtigen Gitarren.

Natürlich erfinden Blues Pills den Rock'n'Roll nicht neu. Die ersten Titel klingen klar nach den späten 60er Jahren und den damals üblichen Blueseinlagen. So wie Fleetwood Mac während ihrer Zeit mit Peter Green. Nicht herausragend, aber solide. Interessant wird es, wenn die Blues Pills das Tempo herunterfahren und tatsächlich Blues spielen. "Black Smoke" klingt in der ersten Hälfte etwa wie ZZ Tops "Blue Jean Blues". Ganz ruhig wird es in "No Hope Left For Me" und "Little Sun". Das gibt Raum für Larssons Stimme und man sieht sie förmlich vor sich, wie sie mit ausgebreiteten Armen im Blumenkleidchen über die Bühne schwebt. Oder vielleicht war das doch Grace Slick von Jefferson Airplane beim Monterey Festival 1967? Letzten Endes ist das vollkommen egal. Blues Pills sind zwar in keiner Weise innovativ - aber sie klingen authentischer nach den 60ern und 70ern als die Originale heute.

Wo hört man das Album am besten? In einem bunt angemalten VW-Bus. Davon gibt es tatsächlich noch ein paar.

Dieses Lied muss auf mein nächstes Mixtape drauf: "Devil Man"

Wer dieses Album hört, geht auch... zu Black Sabbath. Da kann man nie etwas verkehrt machen.

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Marathonmann - "... und wir vergessen, was vor uns liegt"

Auf deutsch zu texten ist undankbar. Ein paar alberne englische Zeilen überhört man schnell. Doch wer das Publikum in seiner Muttersprache adressiert, kann sich nicht verstecken. Das kann schnell banal werden (wählen Sie den Schlagerstar Ihrer Wahl) oder in intellektuelle Sphären abdriften (Blumfeld). Die Balance zu finden, das ist die wahre Kunst. Marathonmann aus München gelingt das. Und noch mehr.

"... und wir vergessen, was vor uns liegt" ist ihr zweites Album und sie machen darauf vieles richtig. "Abschied" etwa behandelt den Tod des Großvaters von Sänger und Bassist Michael Lettner, den Verlust eines Menschen, der vom einen auf den anderen Tag einfach verschwindet und die Erkenntnis: "Es ist schwer einzusehen, dass man vieles nicht mehr ändern kann". Er berichtet, wie gemeinsame Situationen immer wieder durch seinen Kopf schießen und das "kein Tag vergeht, an dem ich vergessen kann, dass Hoffnung nie vergeht, so lange es zählt". Seine Stimme pendelt zwischen heiserem Gesang und Schreien, ohne eines von beidem richtig zu sein. Die Band spielt dazu hochmelodischen Punkrock aus den vielbeschworenen drei oder vier Akkorden. Neu ist daran nichts, aber so zwingend und effektiv machen das in Deutschland wenige.

In "Zwei mal zwei" arbeitet sich Lettner an dem Leben im Alltag, der Routine, dem Kampf mit sich selbst und dem Scheitern daran ab. Oder auch "die immer gleichen Fehler, bald zu spät, um wieder davor wegzulaufen". Es ist der grundsätzliche Tenor, der sich durch das Album zieht: "Das was dich stört bist du". Die Lösung, die die Münchner anzubieten haben, ist simpel: wieder aufstehen.

Auch wenn Marathonmann poppig und auf ihre eigene, ruppige Art höchstmelodisch sind, hört man die Ecken und Kanten in jedem Song. Das erinnert ein wenig an Jupiter Jones, als diese noch wie eine deutschsprachige Antwort auf Hot Water Music klangen oder auch Turbostaat. Aber das Potenzial für größere Bühnen ist schon jetzt erkennbar.

Was sie jedoch wirklich aus der Masse herausragen lässt, ist diese Kombination aus Verzweiflung und Melancholie, Hoffnung und Euphorie, wie sie nur wenige in diesem Genre beherrschen. Die Beatsteaks etwa, oder auch die Schweizer Favez. Die Vielseitigkeit dieser Bands fehlt ihnen noch, aber zumindest im letzten Song zeigen sie, was möglich wäre. Wenn sie das Tempo drosseln und Platz für die ganzen großen Gesten ist. Und der Titel wie eine Zukunftsprogonose klingt: "Manchmal kommen sie wieder".

Wo hört man das Album am besten? Auf der Abifeier.

Dieses Lied muss auf mein nächstes Mixtape drauf: "Onkalo"

Wer dieses Album hört, geht auch... zu Turbostaat. So lange die noch cool sind.

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Hier finden Sie Platten, die in dieser Rubrik kürzlich besprochen wurden.

© SZ.de/nema/holz

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