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"Planet der Affen: Survival" im Kino:Auch Primaten bilden eine Ellenbogengesellschaft

Was könnten wir von den Affen lernen, was die Affen von uns? Der neunte Teil der "Planet der Affen"-Reihe ringt um Antworten, findet aber nur eine allzu simple.

Angenommen, Affen wären so klug wie Menschen. Sie würden Werkzeuge benutzen, könnten sprechen, sich organisieren. Die Menschen wären, im Gegensatz dazu, wie wilde Tiere, zerzaust, zu keiner Artikulation fähig, nicht einmal in losen Gruppen organisiert.

Jeder der bisher neun "Planet der Affen"-Filme, die auf einem Science-Fiction-Roman des französischen Autors Pierre Boulle von 1963 basieren, geht diesem Gedankenexperiment nach und stellt diese verkehrte Ordnung nicht nur her, sondern gleich infrage.

Denn es gehört auch zu jedem "Planet der Affen"-Film, dass ein Mensch (oder ein Affe) auftaucht, der entgegen allen Erwartungen sprechen kann, intelligent ist und auf ganz unheimliche Art seinem fremden Gegenüber gleicht, obwohl sie doch grundverschieden sein sollten.

In den Remakes der Reihe, die seit 2011 entstanden sind, ist diese Figur der Affe Caesar, gespielt von Andy Serkis. Caesar ist der erste hochintelligente Affe, zufällig erschaffen als Nebenprodukt eines Experiments in der Alzheimerforschung.

Aufgewachsen ist er bei Menschen, und obwohl er klüger ist als viele von diesen, obwohl er sprechen und sogar lesen kann, bleibt er für die meisten Menschen ein Affe, ein wildes, gefährliches Tier, das unter Kontrolle gehalten werden muss. Caesar akzeptiert das nicht und zettelt einen Affenaufstand an.

Die letzten verbliebenen Menschen haben einen brutalen Herrscher

Im neuesten Film, der in Deutschland "Planet der Affen: Survival" (Regie: Matt Reeves) heißt, ist es nun zum offenen Krieg zwischen den klugen Affen und den letzten verbliebenen Menschen gekommen, die noch nicht von einem ebenfalls grassierenden Killervirus dahingerafft wurden.

Caesar hat in den Wäldern Kaliforniens eine naturverbundene Affenkommune aufgebaut, und obwohl es auch unter ihnen Kriegstreiber gibt, wollen die Tiere vor allem ihre Ruhe haben. Grund für den trotzdem endlosen Konflikt ist der finstere Anführer einer Gruppe Menschen, die im verschneiten Norden einen faschistischen Militärstaat aufgebaut haben.

Dieser Führer, nur Colonel genannt, wird von Woody Harrelson gespielt. Seine Markenzeichen sind ein kahlrasierter Schädel und eine dunkle Sonnenbrille. Wie Kurtz aus Joseph Conrads "Herz der Finsternis" hat sich dieser Colonel, als sich die Gelegenheit bot, zum brutalen Herrscher aufgeschwungen.

Bilder, wie sie kein menschliches Auge je selbst erblicken könnte

Er hat den Affen und den anderen, friedlicheren Menschengruppen den Krieg erklärt, weil er weiß, dass die Menschen gegen die körperlich überlegenen und nun geistig mindestens ebenbürtigen Primaten evolutionär keine Chance mehr haben. Dazu kommt, dass Menschen, die eine Infektion mit dem Virus überleben, große Teile ihrer kognitiven Fähigkeiten einbüßen. Sie degenerieren auf das Niveau eines Tiers. Die Rollen zwischen Menschen und Affen werden langsam vertauscht.

Der Krieg tobt durch unwirklich schöne Landschaften - verfallende Küstenstädte, urzeitliche Wälder, verschneite Geheimbasen wie aus "Star Wars", ein zum Eispalast erstarrtes Hotel - und der ganze Film scheint in seinen Bildern die Abschaffung des Menschen bereits akzeptiert zu haben.

Wenn die Kamera allwissend wie ein Spionagesatellit über die Schlachtfelder gleitet oder direkt durch eine Affenhorde fährt, sind das Bilder, wie sie kein menschliches Auge je selbst erblicken könnte.

Die Computeraffen werden immer noch von Menschen gespielt

Die Affen entstehen schon seit drei Filmen komplett am Computer. Sie sind deshalb ledriger und zotteliger, ihre Mimik zugleich echter und feiner, als es die besten Latexmasken darstellen konnten. In Caesars Gesichtszügen ist sogar Andy Serkis erkennbar.

Denn obwohl diese Computeraffen ihre Vorgänger mit Maske und Fellanzug in einer Weise beerbt haben, die an den Sieg der intelligenten Affen über die Menschen erinnert, werden sie noch immer von Menschen gespielt, deren Bewegungen und Mimik im Motion-Capture-Verfahren auf die Computerfiguren übertragen werden. Die Affen sind Menschen und sie sind es zugleich auch nicht. Auf dieser technischen Ebene spiegelt sich der ganze Konflikt des Films.

Auf der Seite der Affenperformer hat sich inzwischen eine Menge Expertise in Sachen Primatenverhalten angesammelt, das diffundiert inzwischen in anderen Filme hinein. In einer Sequenz von Ruben Östlunds "The Square", der in Cannes gerade mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde, gibt der Darsteller des Schimpansen Rocket, Terry Notary, eine Art Kunstperformance als dominantes Primatenmännchen - und mischt dann ziemlich brillant ein Benefizdinner für Superreiche auf.

Wenn diese Affen klug sind wie Menschen, handeln wie Menschen, sogar einige Menschen in ihre Reihen aufnehmen und die Menschen sich langsam zurückentwickeln - unterscheiden sich die beiden Spezies dann nur durch ihre Körper, die Haare, die andere Schädelform? "Wir waren Wanderer auf prähistorischer Erde, auf einer Erde, die wie ein unbekannter Planet aussah ... Es war unirdisch und die Menschen waren - nein, sie waren nicht unmenschlich," heißt es einmal in "Herz der Finsternis" über den Kongo und seine Bewohner.

"Planet der Affen" wurde auch oft als Rassismus-Allegorie verstanden. Der Film verwischt die Grenzen zwischen den vermeintlichen Oppositionen und stellt hierarchische Sehgewohnheiten infrage, nicht nur zwischen Mensch und Tier.

Bleibt die Frage, ob Affen nicht die besseren Menschen wären

Man könnte unterstellen, diese Menschlichkeit der Affen sei einfach nur ein Zugeständnis ans Hollywoodkino, denn natürlich müssen in einem solchen Actionfilm auch nervige Gestalten wie der tollpatschige Sprüchereißer-Affe, der weise Orang-Utan und der Action-Krawall-Schimpanse vorkommen. Mit einem philosophischen Gedankenexperiment über eine mögliche tierische Intelligenz und deren Darstellbarkeit ließe sich allerdings kein Kinosommer bestreiten. Oder doch?

Bleibt die Frage, ob jene Affen, die friedlich in ihren Baumhäusern ganz ohne Verbrennungsmotoren und Kriege leben würden, nicht die besseren Menschen wären.

Diese Idee klingt schon in den alten Filmen immer wieder an. In "Flucht vom Planet der Affen" (1971) gelangen drei kluge Affen ins Amerika der Siebzigerjahre, wo sie sich schnell zu Musterbürgern einwickeln. Ein Teil der Menschengesellschaft werden sie aber nicht, am Ende siegt die Angst vor dem Fremden.

Am Ende bleibt nur der Individualismus

Die Primatengesellschaft der Gutaffen im allerersten Film wiederum wollte zwar aus den Fehlern der Menschen lernen, hatte aber eigene Probleme - ein starres Kastensystem, Vermischung von Religion und Wissenschaft, Sklavenarbeit durch Menschen. Die Affen zeigen zwar, dass alles anders sein könnte, scheitern dann aber selbst.

Im neuesten Film, so knuffig die Affen als Einzelexemplare auch sind, gilt am Ende das Recht des Stärkeren mit Tendenz zur Diktatur. Der Führer Caesar handelt aus niedrigen Beweggründen, er möchte sich für seine getöteten Verwandten rächen und stürzt so die Horde mit ins Unglück.

Unterwerfung kennen beide der verfeindeten Lager, Tiere und Menschen, sowohl als Opfer, wie auch als Täter. Hervortun kann sich nur der Einzelne. Am Ende bleibt, wie so oft in den Stoffen des amerikanischen Kinos, nur der Individualismus.

War for the Planet of the Apes, USA 2017 - Regie: Matt Reeves. Buch: Mark Bomback, Reeves. Kamera: Michael Seresin. Mit Andy Serkis, Judy Grees, Woddy Harrelson, Steve Zahn. Fox, 140 Minuten.

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SZ vom 02.08.2017/pak
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