Plagiatsvorwurf gegen Autor Rolf Dobelli:Fehlerteuflisch

Rolf Dobelli

Der Schweizer Autor Rolf Dobelli

(Foto: Arno Burgi/dpa)

Hat der Bestseller-Autor Rolf Dobelli abgeschrieben? Das wirft ihm zumindest der Mathematiker Nassim Nicholas Taleb vor. Dobelli habe Passagen aus seinen Schriften in abgewandelter Form verwendet. Der Hanser-Verlag will die Vorwürfe prüfen.

Von Franz Viohl

Welterklärung steht hoch im Kurs, besonders dann, wenn sie auch noch einen guten Rat bereit hält. Mit seinen Büchern über "klares Denken" und "kluges Handeln" zählt Rolf Dobelli seit fast zwei Jahren zu den Stammgästen auf der Spiegel-Bestsellerliste für Sachbücher. Sollte stimmen, was nun der Mathematiker Nassim Nicholas Taleb sagt, könnte sich das ändern.

Taleb wirft Dobelli vor, diverse Passagen aus seinen Schriften kopiert und in abgewandelter Form verwendet zu haben. Er wolle zwar "keine juristische oder ethische Behauptung" aufstellen, so Taleb, führt auf seiner Website aber einen minutiösen Nachweis über Dobellis plagiatorische Aktivitäten. Etwa aus dem Satz "Die Qualität einer Entscheidung kann nicht nur anhand ihres Ergebnisses beurteilt werden" wurde bei Dobelli der Titel eines Artikel in der Zeitschrift Psychology Today: "Beurteile eine Entscheidung nie nur nach ihrem Ergebnis".

Dobelli habe Zitate nicht wortwörtlich übernommen, betont Taleb. Doch ihrem Inhalt nach seien sie klar als Plagiate zu erkennen. Dieser Vorwurf wiegt umso schwerer, als Dobelli sich auch am damals noch unveröffentlichten Buch "Antifragile" bedient haben soll. Passagen aus dem Manuskript fand Taleb in Dobellis Zeit-Kolumne "Klarer denken", die als "Die Kunst des klaren Denkens" bei Hanser erschien.

"Kein bisschen Abstand, kein bisschen Scham"

Dabei kannten sich die beiden gut, gemeinsam traten sie noch 2011 in der von Dobelli gegründeten Stiftung Zurich.Minds auf. Taleb sagt, er habe Dobelli einige Manuskripte geschickt im Vertrauen, er würde sie für einen "guten Roman" verwenden. Dafür dankt ihm Dobelli in seinem Vorwort zur "Kunst des klaren Denkens". Warum aber erhebt Taleb die Vorwürfe erst jetzt? Dobelli hat auf Deutsch geschrieben, erst im Frühjahr erschienen seine Bücher in englischer Übersetzung. Skeptisch wurde Taleb jedoch bereits, als er "via negativa" bei Google eingab und nicht auf seiner eigenen Seite, sondern bei Dobellis Kolumne landete.

"Via negativa" ist eine zentrale Denkfigur von Nassim Taleb, der als einer der schärfsten Kritiker der Wahrscheinlichkeitstheorie gilt: Nur weil etwas hundert Mal funktioniert habe, bedeute das nicht, dass es auch beim nächsten Mal so ist. Taleb, der aus dem Libanon stammt und als Finanzberater bei verschiedenen amerikanischen Unternehmen tätig war, warnt beharrlich vor dem Glauben, den Zufall berechnen zu können. In seinem Buch "The Black Swan" warnte er bereits 2007 vor einer Finanzkrise.

Auch Rolf Dobelli steht an der Schwelle von Unternehmertum und Schriftstellerei. Der Luzerner war Geschäftsführer mehrerer Tochtergesellschaften von Swissair. Seit 2011 widmet er sich dem Schreiben. Talebs Vorwürfe mögen naiv klingen, hat er doch Dobelli die eigenen Texte zugespielt. Doch auf seiner Website entschuldigt sich Dobelli für einige Fremdpassagen, sogar eine Rubrik "Book Corrections" hat er eingefügt. Er freue sich über Zuschriften, sollte jemand "weitere Fehler" entdecken.

Damit wird es wohl nicht getan sein. Bei Hanser heißt es, man prüfe die Vorwürfe. Mittlerweile haben sich auch Christopher Chabris und Daniel Simons, die Autoren von "Der unsichtbare Gorilla", zu Wort gemeldet. In "Die Kunst des klaren Denkens" hätten sie fünf nicht kenntlich gemachte Stellen aus ihrem Buch gefunden. Taleb hält Dobelli auf Twitter vor, "kein bisschen Anstand, kein bisschen Scham" zu haben. Dobelli nennt ihn weiterhin "meinen Freund". Im Augenblick muss Dobelli erst mal nicht die Welt erklären, sondern sich selbst.

© SZ vom 16.09.2013/ahem
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