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"Oben" in der SZ Cinemathek:Den Grant fest im Griff

Abenteuer auf die alten Tage: Rentner Carl Fredricksen will noch mal was erleben.

(Foto: imago stock&people)

Das Leben ist nicht immer pappsüß: Pixars "Oben" ist kein reiner Kinderfilm, sondern einer für Erwachsende, die mit ihrem inneren Kind im Reinen sind.

Von Susan Vahabzadeh

Nirgendwo lässt es sich so herrlich phantasieren wie im Zeichentrickfilm, wo keine langweiligen Fragen nach den Möglichkeiten und ihren Grenzen die Imagination je stören. Umso faszinierender ist es, zu sehen, was man sich bei den Meistern des Zeichentricks, bei Pixar, so zusammenträumt. Denn eigentlich ist die wahre Erfüllung der Sehnsüchte in "Oben", dem Pixar-Film, den Bob Peterson und Pete Docter (unter anderem Autor von "Wall-E") gemacht haben, kein wundersames Phantasiegebilde; sie können inzwischen alles auf die Leinwand zaubern und haben es getan, haben exotische Tiere erfunden, lassen Hunde sprechen, malen Landschaften, die es so nie geben könnte, tricksen die Schwerkraft aus - aber im Kern ist das, was in diesem Film glücklich macht, schlicht und einfach und völlig normal.

"Oben" hat eine wunderschöne Sequenz am Anfang, ein kleines Wunderwerk an erzählerischer Ökonomie - Carl und Ellie, die beiden Hauptfiguren, haben wir gerade dabei gesehen, wie sie sich kennenlernen, große Entdecker wollen sie werden wie ihr gemeinsamer Held - Charles Muntz. Nun kommt ein kleiner Film im Film: Carl und Ellie werden groß, aber sie werden keine Entdecker, sie machen keine Reisen in ferne Länder; und doch steckt kein Bedauern darin, weil sie stattdessen leben, ihr Glück in kleinen Dingen finden - und zu schätzen lernen: weil sich eben nicht alle Träume erfüllen. Man sieht dieses einfache gemeinsame Leben im Zeitraffer, ohne Dialog, von der Jugend über die traurige Kinderlosigkeit und die Träume von den Abenteuern als Ersatz bis hin zu dem fürchterlichen Augenblick, als Ellie stirbt und Carl, inzwischen ein alter Mann und fürderhin missmutig, allein zurückbleibt. Sein Publikum gleich mal zum Einstieg in so kurzer Zeit emotional in den Griff zu kriegen - das muss den Pixar-Leuten erst einmal jemand nachmachen.

Es geht in "Oben" immer wieder darum, welche Träume es sind, die es wirklich wert sind, gelebt zu werden. Carls romantisches altes Häuschen, in dem er all die Jahre mit Ellie verbracht hat, steht einem glitzernden Neubau im Weg - es soll der Moderne weichen, und Carl beschließt: Da weicht er gleich mit. Er hat eine selbstmörderische Menge Luftballons am Haus befestigt und hebt ab, Richtung Lateinamerika, nach Paradise Falls, wo Charles Muntz seinerzeit verschollen ist, nachdem man ihn wissenschaftlicher Betrügereien überführt hat, und wo Carl immer mit Ellie hin wollte. Was immer Carl Trostloses im Sinn hatte, er muss sein Leben neu sortieren: Das Schicksal hat ihm den hartnäckigen kleinen Pfadfinder Russell auf der Türschwelle abgestellt - mitgefangen, mitgehangen. Sie fliegen nach Lateinamerika, und treffen Muntz, der nicht nur ein Betrüger ist, sondern ein echter Bösewicht.

Ein Aufstand alter Männer

Bei Pixar, vor ein paar Jahren erst endgültig bei Disney untergekommen, ist der Erfolgsdruck immer besonders hoch - denn wer "Findet Nemo" gemacht hat und "Toy Story" und "Monster's Inc." und "The Incredibles", muss sich an eine sehr hohe Latte für Erfolg gewöhnen: Bitte einen Geniestreich, den sich die halbe Menschheit ansehen will. Vielleicht ist Pixar so erfolgreich, weil man dort ein gutes Gespür dafür hat, wann man die Konventionen gegen den Strich bürsten muss - "Oben" ist ein Film mit lustigen tierischen Begleitern und einem kindlichen Helden, wie man das eben so hat im Zeichentrickfilm. Dass der eigentliche Held ein Greis ist, einer mit Gehhilfe und Falten und immerwährender schlechter Laune, der sich im großen Finale mit einem anderen Greis anlegt - das ist nun wirklich ungewöhnlich.

Das hat mit "Oben" wieder ganz gut funktioniert, und in den USA, wo der Film während der Sommerferien lief, war der Erfolg sehr groß - einer der großen, spektakulären 3D-Starts. Nun ist es einfach so: Dass "Oben" dreidimensional ist, ist mindestens zehn Minuten lang wirklich faszinierend. Aber man kommt dann doch aus dem Staunen heraus. Es ist also kein großes Drama, sollte man sich "Oben" in einem Kino ansehen, in dem er nicht in 3D gezeigt wird.

Über die zweidimensionalen Qualitäten dieses Films kann man wirklich nicht streiten - er ist wunderschön und spannend und aufregend. Und er ist keineswegs nur niedlich, seine Figuren sind nicht alle bis zum Erbrechen knuddelig und das Leben nicht immer nur pappsüß - genau das macht "Oben" so charmant. Man kann sich vielleicht schon fragen, für welche Art von Publikum dieser Film denn eigentlich gemacht ist; in reiner Kinderfilm ist "Oben" sicherlich nicht, vielleicht kommt er Erwachsenen am nächsten, die mit ihrem inneren Kind im Reinen sind. Aber das gleiche gilt für viele Zeichentrickfilme, die schönsten zumal.

UP, USA 2009 - Regie: Pete Docter, Bob Peterson. Drehbuch: Pete Docter, Bob Peterson und Thomas McCarthy. Im Original mit den Stimmen von Ed Asner, Christopher Plummer, Jordan Nagai. Disney, 96 Minuten.

© SZ/crwe
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