Ausstellung Wie zeitgenössische Kunst außerhalb des musealen Raums wirkt

Gemälde und Skulpturen aus der Pinakothek der Moderne haben das Museum verlassen und entfalten in der rauen Backsteinarchitektur des nördlichen Rohbaus von Schloss Herrenchiemsee ihre Wirkung.

Von Evelyn Vogel

Sie haben den reinen White Cube des Museums verlassen, um einen Sommer lang in der rauen Backsteinarchitektur des nördlichen Rohbaus von Schloss Herrenchiemsee ihre Wirkung zu entfalten. Und nicht erst, wenn man die Ausstellung mit Gemälden und Skulpturen aus der Pinakothek der Moderne betritt, wird deutlich, wie viel anders zeitgenössische Kunst außerhalb des musealen Raums wirken kann. Denn auch, wenn der Weg hier nicht das Ziel ist, so ist er doch ein wesentlicher Bestandteil dieser Präsentation, die unter dem Titel "Königsklasse" im vergangenen Sommer ihre vierte Auflage erlebte und nun in leicht veränderter Form erneut gezeigt wird. Von den Machern wird das Gesamterlebnis deshalb nicht ganz unbescheiden als "Königsweg" bezeichnet.

Das hat zum einen natürlich mit dem glanzvollen, in den Jahren zwischen 1878 und 1886 im Auftrag von König Ludwig II. errichteten Schloss auf der Herreninsel im Chiemsee zu tun. Zum anderen aber mit dem von den Staatsgemäldesammlungen neu produzierten Film, der im Rahmen des Rundgangs gezeigt wird, an der Stelle, wo bisher Warhol seinen Platz hatte. Wer diesen Künstler nun vermisst, wird schon in Kürze wieder in München fündig: in der Jubiläumsschau zum Zehnjährigen des Museums Brandhorst, die in zwei Wochen eröffnet. Der Film nun soll die enge Verbindung zwischen der "Königsklasse" und dem Kunst- und Kulturnetzwerk in Bayern verdeutlichen. Ein Netzwerk, das sich von den Schlössern der Wittelsbacher bis hin zum Kunstareal in München erstreckt.

Wie bei einem "Making Of" geht der Blick hinter die Kulissen. Zu sehen sind Szenen von der Vorbereitung bis zur fertigen Einrichtung der Ausstellung. Gespräche zwischen den Wegbereitern, den Machern und Künstlern der "Königsklasse" verdeutlichen, dass Kultur nicht einfach entsteht, sondern aktiv gestaltet wird von allen, die sich auf den Weg zur Kunst machen, und dabei, wie Bernhard Maaz, Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, es ausdrückt, Zeit und Raum zu verlassen. Das Erlebnis, das die Besucher erwartet, beschreibt Franz Herzog von Bayern an einer Stelle so: "Es werden nicht Bilder oder Künstler gezeigt, sondern es wird Kunst gezeigt."

Und diese Kunst funktioniert in dem Ambiente oft hervorragend, öffnet die Augen für eine neue Sichtweise auf das, was zeitgenössische Kunst zu leisten im Stande ist. Mitunter aber hat sie keine Chance, gegen die Architektur anzukommen. Warum versucht man die kleinformatigen Werke der aus dem Libanon stammenden Künstlerin Etel Adnan in diesen Rahmen zu bringen? So schön jedes der abstrakten Landschaftsmotive einzeln mit dem Draußen korrespondiert, so wenig behaupten sich die Gemälde gegen das Innere des Schlosses, wirken in der seriellen Hängung völlig verloren.

Besser glückt die zweite Neuentdeckung: Gemälde aus dem Früh- und Spätwerk des japanischen Künstlers Kazuo Shiraga. An einem Seil an der Decke hängend, den ganzen Körper wie einen Pinsel benutzend, tauchte Shiraga in den Fünfzigerjahren sich erstmals in eine Flut von Farbe, die er kraftvoll auf Leinwand brachte - ein von Kriegserlebnissen wie auch von Kalligrafie- und Zen-Betrachtungen gleichermaßen inspiriertes Werk. Action-Painting, das der Ausstellungsarchitektur kraftvoll standhält.

Schön kühl und sachlich dagegen die von seinem Landsmann On Kawara über fünf Jahrzehnte hinweg gestalteten Wortbilder der "Today Series", die wie im vergangenen Jahr trotz ihrer Kleinformatigkeit einen starken Auftritt hinlegen und sich anders als Adnan behaupten. Schön auch die Wiederbegegnung mit den kühl-weißen "monuments" sowie der grün leuchtenden Barriere von Dan Flavin. Letztere weiß sich überall singulär zu behaupten, entfaltet hier aber einen ganz besonderen, raumgreifenden Reiz, den Heiner Friedrich, dem Flavin das Werk 1973 gewidmet hat, im Film auch königlich zu durchschreiten versteht.

Erneut eine Klasse für sich ist die Installation der Flugobjekte von Hans-Jörg Georgi in dem Apsisförmigen Raum in Herrenchiemsee: Outsiderkunst aus dem "Atelier Goldstein" der Lebenshilfe Frankfurt im Schloss. Auch dass die grafisch dichten Werke von Günther Förg wieder gezeigt werden, ist schön, ebenso dass die Metallskulpturen von John Chamberlain erneut wie Tänzer einen Raum vermessen. Der Kreuz-Raum von Arnulf Rainer wirkt an der Stirnwand sakral erstarrt, das einzelne Objekt funktioniert aber gut in der Blickachse zum nächsten Raum, wo die duftenden, mehr als vier Meter hohen, honiggelben, stufenförmigen Bodenskulpturen "Ohne Anfang und ohne Ende" von Wolfgang Laib locken, die mit der Flavin-Barriere als Publikumsliebling konkurrieren.

Bis ins Jahr 2013 zurück reicht der Anfang der "Königsklasse". Ihr Ende scheint nicht in Sicht. Doch nach diesem Sommer wird Pause sein in Vorbereitung auf die Landesausstellung Bayern, die 2021 an gleicher Stelle im nördlichen Rohbau von Herrenchiemsee Einzug hält.

Königsklasse IV. Gegenwartskunst in Schloss Herrenchiemsee, bis 3. Oktober 2019, Täglich von 9 bis 18 Uhr.

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