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"Pieces of a Woman" von Kornél Mundruczó:Am hauchdünnen Faden

Pieces Of A Woman Film Vanessa Kirby

Oh, diese Schmerzen! Vanessa Kirby schaut zu Shia LaBoeuf in "Pieces of a Woman".

(Foto: Netflix)

"Pieces of  Woman" erzählt von einem Paar, das bei einer Hausgeburt sein Baby verliert. Das ist sensationell gespielt und fast unerträglich intensiv - aber dann kippt etwas.

Von Johanna Adorján

Schauspieler werden diesen Film lieben. Es ist ein actors film, eine Studie in Sachen menschliche Gefühlsregungen. Eingefangen in vielen Großaufnahmen von Gesichtern, in deren Augen sich dann das ganze menschliche Drama spiegelt. Von Trauer bis Hoffnung über Verzweiflung in einem hinausgezögerten Lidschlag. Dies ist ein Film, der seinen Zuschauer ganz tief in seinen Sessel drückt. Er hat aber auch ein schweres Thema: "Pieces of Woman" erzählt von einem Paar, das bei einer Hausgeburt sein Baby verliert.

Der Film beginnt mit kurzen Szenen, in denen das Milieu erzählt wird, in welches das Baby hineingeboren wird: die Mutter, Martha, gespielt von Vanessa Kirby, ist aus einer hochnäsigen Bostoner Familie, in der alle Frauen blond sind; der Vater, Sean, Shia LaBoeuf, arbeitet irgendwas beim Brückenbau - ein Underdog, nuschelt, sieht immer aus, als ginge er gleich zum Boxtraining. Die Liebe hat die beiden zusammengeführt, und nun werden sie also eine Familie. Das Kinderzimmer ist fertig eingerichtet, die Hebamme für die Hausgeburt nur einen Anruf entfernt. Kann losgehen. Es geht los.

In einer einzigen ungeschnittenen 23-minütigen Kameraeinstellung wird die Geburt gezeigt

Und dann folgt eine wirklich eindrucksvolle Szene: In einer einzigen ungeschnittenen 23-minütigen Kameraeinstellung wird, vom Einsetzen der Wehen über den Blasensprung bis zu dem Moment, in dem das Baby, eine Tochter, auf die Welt gebracht ist, die Geburt gezeigt. 23 Minuten, das mag in der Wirklichkeit eine märchenhaft schnelle Geburt sein - in einem Film ist es ewig.

Man kann in dieser Zeit mehrere Höhen und Tiefen durchleben und dazwischen unendlich widersprüchliche Gefühle. Man tut es hier. Kirby und LaBoeuf spielen die werdenden Eltern als die Frau und der Mann, die sie vorher waren, sind flirty miteinander, aufgeregt, unsicher, bemüht. Und ohne dass man sagen könnte, warum, hängt über dieser Szene die ganze Zeit eine große Bedrohung. Die Ahnung, nein, das sichere Wissen darum, dass das Schicksal an einem hauchdünnen Faden hängt.

Es ist wirklich eine sensationelle Szene, in der man kein einziges Mal darüber nachdenkt, dass es da eine Kamera gibt, die von jemandem geführt wurde, der in den Szenen nah bei den Schauspielern war. Der mit ihnen Zimmer wechselte, mit dem werdenden Vater die Ersatzhebamme hereinließ, da die eigentliche Hebamme ausgerechnet an diesem Abend in einer anderen Geburt steckt.

Was natürlich etwas beunruhigend ist, aber was soll's, und der schließlich mit Hebamme und Paar im Schlafzimmer landet, wo die Geburt stattfindet. Teile des Geschehens dort fängt dieser sagenhafte Kameramann, Benjamin Loeb heißt er, kommt aus Norwegen, in einem Spiegel ein, um nicht alles zu zeigen. Die Choreografie seiner Kamera hält die ganze Zeit die Spannung, macht einen demütig vor dem existenziellsten aller Wunder, der Geburt.

Und dann stirbt das Baby, nach wenigen Atemzügen. Und der Hauptteil des Films beginnt.

Es ist dies die erste englischsprachige Produktion des ungarischen Regisseurs Kornél Mundruczó, der oft am Theater inszeniert, auch an deutschen Bühnen oder etwa bei den Salzburger Festspielen, und dessen letzter großer Film, "Underdog" (2014) in Cannes den Hauptpreis der Reihe Un Certain Regard erhielt; er handelte von einem Aufstand von Mischlings-Hunden in Budapest gegen böse Menschen, und das Besondere war, dass tatsächlich bis zu 280 Hunde in einzelnen Massenszenen zu sehen waren, dass einzelne Hunde wichtige Rollen spielten, ohne dass Trick eingesetzt wurde. Alles war echt, echte Schauspieler spielten mit echten Hunden, allein dadurch war der Film bemerkenswert.

Man könnte sagen, der Film weidet sich am Leid seiner Protagonisten

Nun gibt es zwei ganz unterschiedliche Auffassungen von Kunst. Die eine findet besonders kunstvoll, was die Realität möglichst real nachbildet. Die andere verspricht sich von Kunst eine Auflösung der Realität, eine Transformation in etwas der Realität Enthobenes. Anders als bei seinem Hundefilm, der absolut der Realität etwas ganz Eigenes entgegenstellte, das an ein Märchen grenzte, hat sich Mundruczó diesmal einer möglichst realen Erzählweise verschrieben. Und weil das Thema ein so besonders grausames, trauriges ist, hat sein Film ein Problem. Man könnte etwas undiplomatisch sagen, er weidet sich am Leid seiner Protagonisten. Auf jeden Fall lebt der Film von Schmerz. Und bei aller Schauspielkunst, die da versammelt ist, kommt es dabei leider zu ungewollt komischen Momenten.

Zum Beispiel isst Martha, die vor nicht allzu langer Zeit also ihr Baby verloren hat, einmal einen Apfel. Ein Apfelkern fällt ihr auf die Hand. Sie betrachtet ihn. Die Symbolik ist natürlich klar: Kern = Leben. Man hofft, dass dies nur ein Moment sein wird, der ohne weitere Bedeutung vorüberzieht, aber es wird im Film noch eine große Rolle spielen. Denn: Martha wird noch einige Szenen darauf verwenden, Apfelkerne keimen zu lassen. Ja, so platt. Doch noch Leben schenken.

Dieser erschütternd banalen Symbolik wird sogar noch ein Denkmal gesetzt, indem ihr die hinten drangepappte, grausam kitschtriefende Schlussszene des Films gewidmet ist. Darin turnt auf einmal ein blondes kleines Mädchen, das wir nie zuvor gesehen haben, einen prachtvollen Apfelbaum hinauf, pflückt sich einen reifen Apfel und beißt krachend wie in der Zahnpastawerbung hinein, als es auch schon liebevoll zu Tisch gerufen wird: von Martha. Lieber Gott, bitte lass es eine Traumszene sein, möchte man da ausrufen, wird aber von dem Gedanken zurückgehalten, dass es selbst als Traumszene ein entsetzlich schlimmer Schluss ist. Da hat die arme Mutter also noch mal Glück gehabt und doch noch ein blondes Menschenkind geboren. Puh, noch mal gut gegangen, halleluja.

Der Zuschauer flüchtet sich angesichts der ausbuchstabierten Tragik in Ironie

Doch selbst wenn man sich diese Apfelsache schenkt, kommt es zu Momenten unfreiwilliger Komik. Etwa als einmal die feine ältere Bostoner Mutter der weiblichen Hauptfigur einen vor Emotionen geradezu berstenden Monolog hält. Sie wird von Ellen Burstyn gespielt, die 1973 die Mutter in dem berühmten Horrorfilm "Der Exorzist" war, eine Weile mit Al Pacino zusammen das berühmte Actors Studio in New York leitete und insgesamt sechsmal für einen Oscar nominiert war, zuletzt für ihre Hauptrolle in "Requiem for a Dream" (2001).

Sie ist inzwischen 88 Jahre alt und sieht fabelhaft aus, aber rein altersmäßig kommt es nicht hin, dass sie Marthas Mutter spielt, immerhin diesen Anflug eines Märchens erlaubt sich der Film. In ihrem Monolog möchte sie ihre Tochter davon überzeugen, gegen die Hebamme gerichtlich vorzugehen. Und bei all dem Leid mit dem toten Kind ist da auf einmal auch noch zusätzlich von ihrer eigenen, uns bisher unbekannten Vergangenheit als Kind im Ghetto die Rede. So überzeugend Burstyn da auch Tränen in den Augen glitzern, und so ergreifend die Szene auch sein soll - bei all dieser ausbuchstabierten Tragik bleibt dem Zuschauer kein Raum mehr für eigene Gefühle, und so flüchtet er in Ironie.

An dieser Stelle etwa, als vermutlich gedacht war, man würde nun nach einem Taschentuch greifen, fragt man sich leicht genervt, ob Sarah Snook, die tolle Rothaarige aus der Serie "Succession", die in dieser Szene mit anwesend ist - sie spielt eine Anwältin - eigentlich immer exakt dieselbe Rolle spielt (scheint so), warum die Musik so gefühlvoll daherdudelt, und wie lange das Ganze eigentlich noch geht. Oder anders gesagt: Der fast heilige Ernst der Geburtsszene weicht im weiteren Film einiger Enttäuschung.

Aber natürlich - es ist immer noch ein riesiges Tabu, ein Baby zu verlieren, sei es während der Schwangerschaft oder bei der Geburt. Die Eltern sind damit allein, trauern allein. Es gibt keine Tradition für Rituale des Abschieds, an denen man sich festhalten könnte. Eine Schwangerschaft, aus der kein Kind entsteht, ist immer ein heftiger Verlust, über den wenig geredet wird, schon gar nicht öffentlich, aber auch im Freundes- oder Familienkreis kaum. Insofern greift der Film ein wichtiges Thema auf. Denn nicht nur eine glückliche Geburt ist ein Wunder, sondern es grenzt auch an ein Wunder, damit zurechtzukommen, ein Baby zu verlieren. Und so ist jeder Film über diesen Verlust ein Gewinn, denn er vermittelt die wichtige Botschaft, den einzigen Trost: Du bist nicht allein.

Pieces of a Woman - Kanada, Ungarn, USA 2020. Regie: Kornél Mundruczó. Buch: Kata Wéber. Kamera. Benjamin Loeb. Mit: Shia LaBoeuf, Vanessa Kirby, Ellen Burstyn. 126 Minuten. Auf Netflix.

© SZ/Freu
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