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Picasso und sein Nachfolger:Versuch eines Gipfeltreffens

Thomas Scheibitz ist einer der bedeutendsten deutschen Maler und Bildhauer der der Gegenwart. Die Berliner Sammlung Berggruen konfrontiert dessen Gemälde jetzt mit denen seines weltberühmten Vorgängers Pablo Picasso.

Das "Frauenbildnis", das Pablo Picasso im Jahr 1940 malte, war kein "Bildnis" sondern ein Schocker. Zwei Perspektiven, mindestens, zerschneiden das Antlitz: Augen versetzt, Mund zerteilt, unmöglich, die Frau in den Blick zu nehmen. Mit dem Pinsel hatte der Maler ein geliebtes Gesicht zugunsten der Gewichtungen auf der Leinwand zerlegt, Farbe und Umrisse liegen perfekt ausbalanciert da. Im Berliner Museum Berggruen begegnet diese klassische Komposition jetzt einem anderen Gesicht. Unweit hängt nämlich "Kopf / Head", vor wenigen Monaten von Thomas Scheibitz gemalt. Auch dieser Titel hält nicht, was er verspricht. Denn es fehlt der Kopf. Die Maske im Halbprofil wirkt wie eine Clownsbemalung, die sich abgelöst hat, eine zarte Haut, die still entschwebt. Das Leuchten der leeren, gezackten Augenhöhle hat der Maler mit Pigmentmarker und Neonfarbe zum Strahlen gebracht, die ruhige Versponnenheit des Motivs unterläuft er durch eine Farbigkeit, die nachdrücklich zeitgenössisch ist, man denkt unwillkürlich an Alarmblinken, Sicherheitsschleusen und Gelbwesten.

Fangen die beiden Köpfe etwas miteinander an? Treten sie gar, wie man es in den Pressetexten zu solchen Doppelausstellungen immer souffliert bekommt, "in einen Dialog"? Kurator Joachim Jäger hat mit dem im Jahr 1968 in Radeberg bei Dresden geborenen Thomas Scheibitz einen der bedeutendsten deutschen Künstler der Gegenwart in die Sammlung Berggruen eingeladen. Und im Titel "Pablo Picasso x Thomas Scheibitz" das Plus-Zeichen, das Symbol, das sonst bei solchen Begegnungen zwischen zwei Künstlernamen gesetzt wird, durch ein "x" ersetzt. Was nahelegt, dass er sich einen Mehrwert in der Größenordnung eines Multiplikation erhofft. Dass die Wirkung der Werke zu einem um vieles potenzierten Ganzen verschmilzt.

Kaum ein Vorgänger an der Leinwand ist so übermächtig wie Pablo Picasso, das Jahrhundertgenie.

Diese mutige Ansage muss allerdings nicht von Picasso eingelöst werden, der ja schon lange tot ist, sondern von Thomas Scheibitz. Der Maler und Bildhauer ist in Deutschland spätestens seit seinem Auftritt auf der Biennale in Venedig bekannt, wo er im Jahr 2005 den Deutschen Pavillon gemeinsam mit Tino Sehgal bespielte, der seine Sänger vor den Leinwänden und einer gewaltigen Skulptur "This is so contemporary" anstimmen ließ. Der Kontrast zwischen körperlosem Konzept und dem klassischen, gut 500 Jahre alten Genre Malerei war frappierend. Doch anderthalb Jahrzehnte später ist Malerei wieder eines der dominierenden Genres. Und der Brückenschlag zwischen Picasso und Scheibitz ist ein ungleicher. Schon weil jeder Maler Picasso in- und auswendig kennt.

Kaum ein Vorgänger an der Leinwand ist so übermächtig wie Pablo Picasso, das Jahrhundertgenie, der als Kubist die Malerei Anfang des vergangenen Jahrhunderts noch einmal so auffrischte, dass alle Maler, den künstlerischen Herausforderern wie Marcel Duchamp zum Trotz, erst einmal weiter machen konnten. Picassos Werk gilt als Meilenstein der Kunstgeschichte, bis heute. Der Künstler, der sich gerne für Kameras in Szene setzte, war ein erster Maler-Superstar auch in den damals noch jungen Massenmedien. "Oberflächlich wie auch tiefgründig übt Picasso einen Reiz aus", antwortet Scheibitz im Katalog auf die Frage des Kurators, er sei "eine Ausnahmeerscheinung, der aus meiner Sicht genauso populär wie inhaltlich ist".

Insofern ist so eine Doppelausstellung nie eine Konfrontation, sondern immer der Versuch eines Gipfeltreffen. Als Udo Kittelmann als Direktor der Nationalgalerie vor zwei Jahren den Amerikaner George Condo zum Picasso-Giprel einlud, gelang ihm eine der schönsten Ausstellungen des Jahres. Denn nicht nur der Kontrast zwischen den grob hingehauenen, drastisch, übersexualisierten Gestalten aus Condos Kosmos ließ die einstigen Aufreger Picasso fast lieblich erscheinen. Die Frechheit des Amerikaners triumphierte, weil er mit seinen Kompositionen und dem Kolorit locker mithalten kann, sich aber dem Anspruch, mit der eigenen Arbeit gleich ein paar Epochen Kunstgeschichte voran zu treiben, mit einem anmaßenden Grinsen entzieht.

Im Zeitalter eines "anything goes" so zu malen, so fiese, hämische, zerfledderte Figuren, das musste als Statement reichen. Der unbekümmerte George Condo, vor allem um seine eigene Wirkung besorgt, ließ in der Sammlung Berggruen erst einmal alle Gemälde abhängen, positionierte seine Leinwände und hängte das aus den Depots dazu, was die Ausstellung zum Funkeln brachte.

So sind es nicht die Momente, in denen Scheibitz sich um Picasso verdient macht, die gelingen. Sondern die, in denen sein Werk einfach da ist.

Thomas Scheibitz, noch eine Generation jünger, ist dagegen irgendwie zu klug, zu reflektiert und zu sehr auch um Augenhöhe bemüht, um auch einmal auszuholen. Aber kann man auf einer Bühne mit Picasso stehen, diesem antagonistischen, narzisstischen Genie, der zu seinen Lebzeiten, Lieblingssport Stierkampf, in künstlerische Begegnungen einstieg wie in eine Arena?

Die Ausstrahlung seines rot leuchtenden, zierlichen "Sitzender Harlekin" (1905) ist ungebrochen, Thomas Scheibitz fordert dessen Schönheit auch nicht heraus, sondern stellt ihm nur den ebenso schlanken "Spieler" (2019) gegenüber. Auch dies ein Hochformat, dessen Komposition ähnlich gewichtet ist und von dem ein eigentümliches Strahlen ausgeht. Es ist zu befürchten, dass Thomas Scheibitz das Gemälde für die Ausstellung gemalt hat. Vielleicht in der Hoffnung, dass eine Annäherung an Picasso möglich ist.

Und so sind es nicht die Momente, in denen Scheibitz sich um Picasso verdient macht, die gelingen. Sondern die, in denen sein Werk einfach da ist. Am schönsten unter allen Sälen ist wohl ausgerechnet der Durchgang zum Nachbarbau. Dort grüßt Picassos "Frau mit erhobenem Arm" (1961) die "Lichtfigur (Haus)" und eine "Kleine Skulptur" und die Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen den Werken zeigen sich mit angemessener Beiläufigkeit.

Es hätte der Ausstellung gut getan, wenn Thomas Scheibitz weniger Leinwände vorbereitet hätte, denn einfach die richtig harten Setzungen seines Ateliers in der Sammlung Berggruen abgeliefert hätte. Wenn es mehr von der gröberen Qualität des aufragenden, kantigen "Kristall / Crystal" (2014) zu sehen gäbe, glasklaren Formen aus mit Packband fixierter Pappe, dessen Alltags-Braun alle Farbe aus der Luft zu saugen scheint.

Oder diese eigenartige Edelstahlball, an einer Stange unter der Decke fixiert wie eine Discokugel. Das Mosaik auf seiner Oberfläche scheint eine Welt zu spiegeln, die von Thomas Scheibitz ausgemalt ist, eine Welt der elegant ausschweifenden Konturen und sanft kontrastierenden Farben. So ein Ding mitten in die der klassischen Moderne geweihten Säle zu hängen, das bringt die Verhältnisse fast physisch spürbar in Bewegung. So einer Aufgabe wird man tatsächlich mit einer Addition nicht gerecht, das ist mehr als Picasso plus Scheibitz. Es braucht eine Multiplikation, wenn die Rechnung aufgehen soll.

Pablo Picasso x Thomas Scheibitz. Zeichen Bühne Lexikon bis zum 2. Februar in der Sammlung Berggruen, Berlin. Der Katalog kostet 39,80 Euro.

© SZ vom 25.11.2019