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Pianist Igor Levit:Er wollte mal so was wie Thelonious Monk werden

Er ist zudem ein Musiker, der selbst sperrigste Stücke sinnvoll sinnlich spielen kann. Man sehe und höre auf Youtube, wie der achtzehnjährige Igor Levit 2005 beim Rubinstein-Wettbewerb (er war der jüngste Teilnehmer aller Zeiten) die herbe "Suite 1922" seines geliebten Paul Hindemith in eine fulminant packende Erzählung verwandelt. Und wie visionär selbstverständlich er in der Schlussfuge aus den durchgeknallten Telemann-Variationen von Max Reger das hüpfig Barocke mit dem orgelhaft Bombastischen zusammenschließt. "Plötzlich wird es da wie ,Götterdämmerung' oder ,Walküre'-Ende. Reger ist superkonsequent." Das war, schon damals, ganz große Klavierspielerkunst.

Levit ist einer, der auf besondere Menschen besonders stark reagiert. Schon immer. In der Schule ("ich war kein guter Schüler, aber ich war wegen der Mitschüler sehr gerne in der Schule") waren das sein Direktor ("ein richtiger Humanist, ein richtiger Mensch"), ein Diskussionen befeuernder Deutschlehrer, ein fantastischer Musiklehrer und ein musikbesessener Politiklehrer. An der Hochschule war das Lajos Rovatkay, der ihm Cembalo, Hammerklavier und ausgefallenes Repertoire von Josquin bis zur Hardcore-Avantgarde nahebrachte.

Gängige Interpretationsmodelle zu reproduzieren, das war ihm nie wichtig. Sondern eben immer nur Menschen. Unter den Klassikpianisten sind das die Legenden Artur Schnabel und Svjatoslav Richter. An der Hochschule wollte Levit so wie der Jazzpianist Thelonious Monk werden. Er hat sich aber auch vorgestellt, wie Beethoven gespielt haben könnte. Der Extremvirtuose Marc-André Hamelin hat ihm Ferruccio Busoni nahegebracht, den er mittlerweile rauf und runter spielt, dessen Einsichten er gern zitiert. Hamelin hat ihn aber auch mit "The People United" bekannt gemacht. Levit schrieb Rzewski und lernte ihn 2007 kennen.

Ohne es zu wissen, hat ihn Rzewski aus einer Krise gerettet. Levit versuchte damals in seinem Spiel, allzu viel bewusst zu machen. "So aber wird's belehrend. Dann kam Frederic in mein Leben und damit wurde das Belehrende niedergerissen." Jetzt sind sie Freunde. Gerade kam noch der Jazzpianist Fred Hersch dazu. "Ich hatte das Glück, in den richtigen Momenten Menschen zu begegnen, die mich, ohne es zu wollen, rausgezogen haben aus einer Gefahrenzone."

Für einen Klassikpianisten ist das eine ungewöhnliche Ahnenreihe. Und sie erklärt auch, warum er sich zunehmend aufs Improvisieren verlegt. Dabei geht noch manches schief. Wie kürzlich daheim in der Impro-Nummer von "The People United": "Da hab ich mich gnadenlos verirrt. Es ging endlos weiter und ich kam nicht mehr zurück. 15 Minuten Improvisation!" Er lacht. "Dann war ich wahnsinnig sauer und hab mit beiden Händen einen in die Klaviatur geschlagen und das Thema weitergespielt. Weil ich einfach nicht mehr weiterkam." Fred Hersch hat ihm dazu gesagt: "Wenn du dich langweilst, ist das langweilig." Aber er wird weitermachen, auch in Konzerten improvisieren. Und wieder mehr reisen "um des Reisens willen". Um dabei Menschen zu treffen. Und gern würde er seine Beobachtungen als Reporter aufschreiben.

Wie über Musik erzählt wird, erscheint dem 31-Jährigen "brutal eng"

Levit lebt in Deutschland, er ist hier großgeworden, seine Familie lebt hier. "Aber ich hab kein raumbezogenes Heimatgefühl." Seehofer dürfte entsetzt sein. An Deutschland stört ihn die Ängstlichkeit. Das Land "geht mit Fremden anders um, als ich damit umgehen würde". Er verweist auf die Flüchtlingskrise: "Mit welcher Geste der Herbst 2015 begann und was daraus wurde". Als Kent Nagano letztes Jahr in Hamburg vor Trump, Merkel und den anderen G-20-Bossen Beethovens Neunte dirigierte, empfand er das als Missbrauch der Musik - "ein übel riechendes Konzert".

Er regt sich darüber auf, dass das Schreiben über klassische Musik immer den politischen Aspekt ausblenden würde. "Wie über Musik erzählt wird, ist brutal eng." Sein Beispiel ist Franz Schuberts "Die Schöne Müllerin", die während der restaurativen Repression der Metternich-Zeit entstanden ist.

Wenn man das weiß, dann würde das Stück in einem ganz anderen Kontext erscheinen als nur: "Der Bursche ist verknallt und begeht Selbstmord. Das Stück ist in Zeiten allergrößter Zensur entstanden. Aber das wird nicht erzählt. Und wenn man dann politisch sein will, dann kommt die Neunte, Beethoven. Na herzlichen Glückwunsch."

Auf die Frage, ob er in seinem Regensburger Programm bewusst den Antisemiten Wagner auf den Juden Meyerbeer hetzen wollte, sagt er vergnügt glucksend: "Ich genieße und schweige." Das sei nur ein Nebeneffekt des Programms, das auf den Tod seines besten Freundes reagieren würde. "Es ist aus dem Gefühl heraus entstanden, dass ich mich ein bisschen neu erfinden musste." Er habe deshalb Stücke gesucht, die er "Lebensfeier-Werke", "Lebensfeier-Musiken" nennt.

Dann ist er wieder bei Rzewski. Als er das erste Mal dessen "People United" öffentlich gespielt hatte, verharrte er nach dem letzten Ton in der klassiküblich ergriffenen Pose erstarrt am Klavier. Rzewski nannte das schlicht Humbug. Er möge doch einfach die Noten zuklappen und abgehen. Das hat Levit probiert, es fiel ihm aber "sehr schwer, weil ich gefangen war in diesem Gefühl: Ich muss mit Gesten manipulieren." Rzewski bemerkte dann noch, dass ein nüchterner Abgang "gigantisch" aufs Publikum wirken würde: "Da hatte er wieder recht. Schluss ist Schluss, vorbei und Schluss."

© SZ vom 28.04.2018/cag

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