Phrasenmäher:Toxisch

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Trump, Männlichkeit, Aktienmarkt, Impfpflicht: gilt alles als toxisch. Aber was meint der inflationäre Begriff eigentlich? Und was sagt die angeblich so toxische Gegenseite dazu?

Von Bernd Graff

Es gibt eine Zeichnung von Loriot, in der sieht man auf blankem Grund zwei Männer, die aneinander vorbeigehen. Der eine trägt Badehose, der andere einen dicken Wintermantel. Beide Männer starren sich in absoluter Fassungslosigkeit an. Wer von den beiden spinnt? Welche Wirklichkeit gilt? Man erfährt es nicht. Man erfährt nur die Verachtung des jeweils anderen, der ganz offensichtlich die Zeichen der Zeit nicht erkannt hat.

Man muss beim Begriff "toxisch" an Loriots Bild denken: Während die eine Menschheitsfraktion damit nicht duldbare Unangemessenheit und gefährliches Fehlverhalten zum Ausdruck bringen will, kann die andere Fraktion kein Fehlverhalten feststellen, sondern nur ihr angestammtes Recht.

"Toxisch", das ergibt schon eine Google-Suche, ist mittlerweile ein inflationär eingesetzter Begriff: Impfpflicht gilt als toxisch, Männlichkeit ist es sowieso, aber auch ein Fußballer im falschen Verein, der Aktienmarkt, Cancel Culture und Dating-Plattformen. Toxisch meint die schleichende Vergiftung. Man unterstellt subkutane Wirkungen, die in Zerstörung enden. Wer sagt, es bestehe kein Zweifel daran, dass der abgewählte Trump toxisch für seine Partei und die amerikanische Nation war, der sollte sich daran erinnern, dass noch nie in der Geschichte der USA ein unterlegener Kandidat so viele Stimmen auf sich vereinen konnte. Und das, nachdem er vier Jahre lang als Amtsinhaber Anstand, Stil, Maß, Umgangsformen und gute Sitten verhöhnt hat.

Toxisch erscheint dieser Präsident allerdings nur jenen, die ihn nicht gewählt haben. Die, die ihn wählten, haben nicht nur überhaupt kein Problem mit diesem Mann, seiner Ignoranz und ätzenden Verachtung für die Politik und die Gefühle der Gegenseite. Sie wollen all das sogar genau so. Auf vielen Fahnen, die Trump-Anhänger beim Sturm auf das Kapitol bei sich trugen, konnte man lesen: "Trump 2020. Fuck your Feelings" (es gibt sie für 12,64 Euro bei Amazon). Die Unvereinbarkeit beider Lager ist so groß, dass egal ist, wer hier Badehose und wer Wintermantel trägt. Denn die Differenz bezeichnet die völlige Sprachlosigkeit angesichts unvereinbarer Realitäten. Sie ist der "weiße Grund" in der Loriot-Zeichnung. "Toxisch" will also keine toxische Gegenseite entgiften. Sie ist der semantische Ausweis von Zugehörigkeit. Die andere Seite macht das mit Fahnen.

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