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Phrasenmäher:Super-GAU

Wenn irgendwo auf der Welt irgendetwas Schlimmes passiert, darf heutzutage nicht einfach irgendwo auf der Welt irgendetwas Schlimmes passiert sein, sondern wir haben den Mega-Blackout, die Total-Karambolage, oder am allerbesten: den Super-GAU!

Von Philipp Bovermann

Es gibt drohende Unfälle, die glaubt man kommen zu sehen, man starrt böse dorthin, wo sie zu erwarten wären, und dann haben sie die Frechheit, auch tatsächlich - BUMM! Der "größte anzunehmende Unfall" ist der König dieser Schadensklasse. VW-Chef Herbert Diess hat in einem Interview mit dem Tagesspiegel seine Bereitschaft bekundet, ihn für den Verkehrssektor auszurufen, falls nun tatsächlich ein zweiter Lockdown kommen sollte. Höchste Alarmstufe also mal wieder, sprachliche Kernschmelze steht unmittelbar davor.

Kurz nach dem 26. April 1986, dem Tag, an dem das Kernkraftwerk in Tschernobyl havarierte, hat im Phrasenreich eine zweite Detonation stattgefunden. Sie hat den (unbedingt großgeschriebenen!) "GAU", aus seinem an Nuklearrektoren angelagerten Bezirk gesprengt und ihn großflächig verteilt, mit dem "Super-GAU" als Atompilz drüber. Das Zeug strahlt bis heute.

Etwa in der Welt, wenn eine konservative Richterin am Obersten US-Gerichtshof ernannt wird: ein klarer "Super-GAU" für die Demokraten. Oder wenn der 1. FC Nürnberg in die 3. Bundesliga absteigt - zumindest aus Sicht der Nürnberger Nachrichten, die den "Club" zugleich "dem Totalschaden ganz nah", also offenbar in einer Karambolage befindlich sehen, die mit Tod und Verderben für ganze Landstriche endet. Oder wenn die Bild Deutschland auf einen großflächigen Stromausfall zusteuern sieht, einen sogenannten Blackout - pardon, einen "Mega-Blackout" natürlich.

Es nähme etwas Druck aus dem Diskursreaktor, wenn mehr die Rede wäre etwa von "in gewisser Weise misslichen", "nicht zu begrüßenden" oder gar "durchaus nachteiligen" Szenarien, die ja dann meist sowieso nicht eintreten, und wenn doch, na, dann fliegt uns der verdammte Laden halt um die Ohren.

© SZ vom 30.10.2020
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