Phrasenmäher Kulturpessimismus

Kulturpessimismus gab es schon seit Plato. Seither ist er nicht gerade angenehmer geworden. In der letzten Zeit hat sich das Wort mit dem "Früher war alles besser"-Unterton zum Kampfbegriff des digitalen Fortschritts gemausert.

Von Andrian Kreye

Kulturpessimismus ist eine unangenehme Eigenschaft. Man denkt an notorisches Nölen mit "Früher war alles besser"-Unterton. In den letzten Jahren hat sich das Wort allerdings zum Kampfbegriff des digitalen Fortschritts gemausert. Im Silicon Valley und seinen weltweiten Ablegern ist es ein Schimpfwort, das jede weitere Debatte unmöglich macht. Das wurzelt auch im historischen Kern des Begriffes. Zwar gab es den Kulturpessimismus schon bei Plato. Das Endgültige des Vorwurfs liegt allerdings in der jüngeren Geschichte. In seinem 1953 erstmals erschienen Buch "Kulturpessimismus als politische Gefahr" beschrieb der Historiker Fritz Stern die Wurzeln des nationalsozialistischen Denkens im Kulturpessimismus des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Wenn man Kulturpessimisten eine Nähe zu den Nazis unterstellt, hat sich natürlich jede weitere Debatte erledigt. Doch selbst wenn man diesen Subtext außer acht lässt, spricht man jedem des Kulturpessimismus Verdächtigen mit dem Mangel an Zukunftsglaube automatisch die Zukunftsfähigkeit ab. So argumentieren Ideologen, und die dulden weder Kritik noch Dissenz. Das ist auch einer der Gründe, warum so viele Kritiker der digitalen Entwicklung in ihren Texten erst einmal Treueschwüre auf die Zukunft leisten. Als wäre schon Zweifeln verdächtig.