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Phrasenmäher:Durchgreifen

Zur Frage danach, ob denn die vorgenommenen "Maßnahmen" zur Eindämmung der Corona-Pandemie greifen, ist die Formulierung, dass "endlich hart durchgegriffen werden müsse" der genervte große pubertierende Bruder.

Jede große Krise schwemmt gewohnte Wörter aus dem Gebrauch heraus und andere wieder hinein. Und oft erzählen diese Wörter dann nicht nur etwas über den neuen Moment, sondern offenbaren auch bislang unterdrückte (ideologische) Sehnsüchte. Die aktuelle Konjunktur des Wortes "durchgreifen" ist so ein Fall, bevorzugt benutzt in Verbindung mit dem Adjektiv "hart", dem Adverb "endlich" und dem Verb "müssen". Zur eher defensiv-bürokratischen Frage danach, ob denn die vorgenommenen "Maßnahmen" zur Eindämmung der Corona-Pandemie greifen, ist die Formulierung, dass "endlich hart durchgegriffen werden müsse" (damit die Ausgangsbeschränkungen allseits eingehalten würden o. Ä.), so gut sie gemeint sein mag, der genervte große pubertierende Bruder. "Durchgreifen" wollen - neben den notorischen starken Männern - immer all jene, die zwar schon genug von der Welt kapiert haben, um zu wissen, dass man sich an ein paar Regeln halten muss, aber noch nicht so viel, dass ihnen wirklich klar ist, warum eigentlich (und wieso eigentlich immer nur sie). Sie hegen deshalb gerne einen gewissen Grundgroll und wittern überall ihre Benachteiligung. Anders gesagt: Mit seinen Geschwistern, den Sprichwörtern "den Knüppel aus dem Sack holen" und "andere Saiten aufziehen", ist "Durchgreifen" die liebste Law-and-Order-Phantasie des autoritären Liberalismus.

© SZ vom 26.03.2020 / crab
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