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Phrasenmäher:Die "****" der Ultras

Ist es nicht verblüffend, dass sich die Geisterspiele aus der Großliga in ihren millionenteuren Gladiatorenarenen kein bisschen anders anhören als die Acker-Games in der Kreisliga? Und dass dort genauso geflucht wird?

Aus genetischer wie virologischer Sicht ist es nicht ratsam, sich der eigenen Großmutter ungebührlich zu nähern. Man muss hinzufügen: Auch in sonstiger Hinsicht wirft das, was Jean-Clair Todibo (Schalke 04) während des Revierderbys gegen Dortmund seinem Gegenspieler Erling Haaland zugeflüstert haben soll, Fragen auf. Der Franzose sagte auf Französisch offenbar das, was anschließend auf Englisch per Twitter so verbreitet wurde: "No fans = we hear everything. Jean-Clair Todibo to Erling Braut Haaland: ,Go **** your grandmother!'" So ist es. Also das mit den Fans. Nicht das mit Haaland, den vier Sternchen und der Großmutter.

Die coronal verstummten Geisterstadien, die das Fernsehen gerade überträgt, stimmen melancholisch. Man vermisst den kakofonischen Klangbrei der Fans. Der übrigens im Schnitt 105 Dezibel ausmacht. Das liegt über der Kreissäge (100) und unter dem Presslufthammer (110). Eigentlich ist es krankmachender Lärm. Aber, und das mag einer persönlichen Neigung zu kranken Dingen entsprechen, es ist auch herrlicher Lärm. Es ist eher die Stille in den Stadien, die einen verrückt macht. Doch wie jetzt auch Monsieur Todibo weiß: Ohne Fans hören wir Übriggebliebenen alles. Alles, was der Fall ist - im John-Cage-gemäßen Nichts zwischen Kreissäge und Presslufthammer.

Wer die letzten 15 Jahre als hauseigener Ultra zweier Söhne in der Kreisklasse verbracht hat, meist an ebenso frühen wie nieselhaften Wochenendstunden, am Rande diverser Äcker des Münchner Ostens, angefangen in der spielfreudigen F-Jugend von Helios Daglfing bis zur abgezockten A-Jugend vom TSV Waldtrudering, der kennt hinlänglich die Codes der Kreisklasse, die im frühen Nieseldunst über einsame Landstriche hallen: "klatsch" (etwa: ich will einen Doppelpass spielen, und du hast Gegendruck) oder "dreh" (du hast Zeit) oder "leo" (ich nehme den Ball, weil ich am besten stehe) oder "schieb" oder "kurz" oder "lang" oder "go, go, go" oder auch mal, was natürlich gar nicht geht, geht, geht: "****". So geht das eben. Am Acker. Vor leeren Tribünen auf leeren Fußballplätzen. Dort also, wo die wahren Ultras abseits der Vip-Bereiche in der Allianzarena stehen. Dort, wo es auch ohne Brazzo weh tut.

Umso verblüffender ist es, dass sich die Geisterspiele aus der Großliga in ihren millionenteuren Gladiatorenarenen kein bisschen anders anhören als die Acker-Games. Schalke gegen Dortmund: "schieb", "go, go, go" und "****". TSV Waldtrudering gegen SG Oberpframmern: "schieb", "go,go, go" und "****". Und so wie die Manager der F-Jugend, also die Eltern, hören sich auch die Manager der Stars an, also die Manager: "den muss er machen". Geisterspiele sind grausam und Phrasen sind Phrasen. Aber dass sich Milliardengeschäft und F-Jugend mal derart wundersam synchron anhören: Das ist eine so grotesk schöne Bude, fast müllert es.

© SZ vom 29.05.2020

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