Philosophie Odyssee im Weltraum

"Der Denker im Spukschloss" heißt ein Aufsatz in seinem neuen Buch: Peter Sloterdijk beim Suhrkamp-Empfang während der Frankfurter Buchmesse 2015.

(Foto: Regina Schmeken)

Kühl und panisch: Peter Sloterdijk erklärt in einer Aufsatzsammlung, was im 20. Jahrhundert geschah und in welchem Zeitalter wir jetzt leben.

Von Gustav Seibt

Ja, was geschah denn nun im 20. Jahrhundert? Wenn ein Philosoph diese Frage stellt, dann erwartet man Auskünfte über Geschehnisse, die die Natur des Menschen berühren, über Ereignisse zwischen Ursprung und Ziel der Geschichte. Es gibt Kandidaten dafür, die Relativitätstheorie, die sexuelle Befreiung, die Russische Revolution, den Holocaust, die Atombombe, die Mondlandung, den Fall der Mauer. Sie und einige mehr haben ihre Deutungen gefunden unter Titeln wie "Verlust der Mitte", "Antiquiertheit des Menschen", "Zivilisationsbruch", "Ende einer Illusion" oder "Ende der Geschichte". Alle diese Fakten und Diagnosen werden in Peter Sloterdijks Aufsatzsammlung direkt oder indirekt diskutiert, aber er legt den Hauptakzent auf eine ganz andere Stelle.

Das "wirkliche Novum des 20. Jahrhunderts", erklärt der Philosoph, sei "die Konstruktion des westlichen Systems der Lebensentlastung auf der Basis des extensiven Steuerstaats und der fossilenergetisch fundierten Zivilisation des Massenkomforts". Der ungeheuer gesteigerte Stoffwechsel des Menschen mit der Natur, der durch die Industrielle Revolution, das Maschinenwesen und vor allem das abrupte Verbrennen der in Kohle und Öl seit Jahrmillionen gespeicherten Sonnenenergie befeuert wurde, habe zu einer "Leidenschaft der Antigravitation" geführt, zur Entlastung von aller Schwere des Daseins, zur Befreiung von den "Galeeren des Mangels, der Not, der Ressourcenknappheit, der Gewalt, des Verbrechens", an die noch die klassischen Theorien der Moderne die Menschheit hatten schmieden wollen.

Erleichterung, materielle Befreiung, Konsum und Genuss statt Arbeit; dazu staatliche Systeme der Sicherung und Daseinsvorsorge, die Freiräume für Expressionen und Selbstentäußerungen jeder Art schaffen: Sloterdijk gibt sich alle Mühe, den sich vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts etablierenden Zustand des reichen Teils der Welt in eine nicht-triviale, geschichtsphilosophische Perspektive zu rücken. Seine Richtgröße ist dabei, in starkem Kontrast zu hegelianischen Formen der Geschichtsphilosophie, die "Einbeziehung der Naturgeschichte in die Humangeschichte", für die er übrigens schon Boccaccios Erzählungen im Schatten der Pest in Anspruch nimmt.

Die unterdrückte Klasse dieser neuen Welt ist die Tierheit

Geistesgeschichtlich erinnert das an Herder, man mag es auch als Überbietung des Marxismus lesen, ein wichtiger jüngerer Gewährsmann ist für Sloterdijk der ökologische Historiker und Kulturkritiker Rolf-Peter Sieferle. Sieferle machte vor der Jahrtausendwende mit ehrgeizigen universalhistorischen und zugleich kulturkritischen Entwürfen auf sich aufmerksam ("Epochenwende" von 1994 und vor allem "Rückblick auf die Natur" von 1997), jüngst war er etwas in Vergessenheit geraten. Sieferle hat das Thema des "Naturhaushalts" für die deutsche Geschichtswissenschaft eigentlich erst entdeckt. Zu diesem Griff in die Bibliothek kann man Sloterdijk nur gratulieren.

An die Stelle der Ausbeutung des Menschen und seiner zwangsläufig begrenzten Arbeitskraft tritt als durchaus anthropologisch einschneidende Novität die systematische, listenreiche, maschinengestützte Ausbeutung der Natur, deren innerste Gesetze in menschliche Regie genommen werden, bis zur Übernahme evolutionsbiologischer Verantwortung durch die Gentechnik oder auch in der Steuerung des "Raumschiffs Erde", für dessen Klima nun der Mensch hauptverantwortlich zeichnet. Die eigentlich unterdrückte Klasse dieser neuen Welt ist die in industrielle Verwertung genommene, milliardenfach gemordete Tierheit.

Die Begriffsbögen, die Sloterdijk hier spannen kann, sind gewohnt atemberaubend: Im "Anthropozän", der vom Menschen dominierten Phase der Erdgeschichte, die in die Tradition archaischer Weltalterlehren eingeordnet wird, ist "Globalisierung" nicht einfach nur eine Steigerung des Weltverkehrs, sondern auch ein theoretischer Zustand, der vom Innewerden der Kugelgestalt des Planeten in Globen und Weltumsegelungen um 1500 ausgeht und im Blick der Astronauten auf die Erde einen realphilosophischen Gipfelpunkt findet. Ein Klang von "Odyssee im Weltraum" samt wiegender Walzerrhythmen strömt durch Sloterdijks oral unersättliche Metaphernmusik. Wir werden sogar mit einer "Philosophie der Raumstation" beschenkt.

Die alte Schwere der vormodernen Überlieferungen kommt in den schönsten Texten des Sammelbands wie mit Abschiedsblicken zur Ansicht. Dazu zählt die sich auf die Odyssee berufende Vorgeschichte der List und der Täuschung - Vorlauf der Antigravitation -, und eine nachdenkliche, ruhig und besonders schön geschriebene Betrachtung zu Heideggers fataler Politik, die Sloterdijk als Ausbrechen aus der idiosynkratischen Erfahrung des Endes der Geschichte als Langeweile und existenzielle Leere begreift. Vor allem aber kehrt die doch nur halb überwundene vormoderne Schwere zurück in der Frage, ob nach der Domestikation des Menschen in Zivilisationen die Zähmung der Zivilisationen möglich sei.

Die alten Völker und Nationen mit ihren harten, gewaltsam und heroisch verteidigten Außengrenzen mussten, etwa mit den Mitteln von Abschreckung, Diplomatie und Völkerrecht, mühsam zu interdependenten Systemen koordiniert werden; das "wilde Tier Kultur", die kämpfenden Weltkulturen Samuel Huntingtons, haben diese Zähmung noch vor sich. In auffälligem Kontrast zu seinen jüngsten gereizten Beiträgen zur Flüchtlingskrise sieht Sloterdijk die heraufziehende Epoche der Migrationen mit einem gewissen Fatalismus, als Rückschwung zur europäischen Welteroberung. Allerdings verkneift er sich nicht das Vokabular einer demografischen Panik, wenn er von den "verwilderten Kampffortpflanzungen, wie man sie seit längerem in arabischen Ländern beobachtet", spricht.

Ein paar Pointen und Metaphern bringt Sloterdijk einfach zu oft

So weltallkühl vieles in dieser zuweilen arg überschmückten Prosa daherkommt, der Ausblick bleibt brennend: "Aller Voraussicht nach wird die erste Hälfte des 21. Jahrhunderts an die Exzesse des 20. erinnern." Die Wette aufs Abheben von der Natur ist ja noch nicht gewonnen: Weder ist ein Energie- und Atmosphäre-Kollaps ausgeschlossen noch die finale Selbstzerstörung des Menschen mit Hilfe entfesselter Waffentechnik. Die Übertragung des westlichen Entlastungsmodells, das derzeit Migranten aus aller Welt ansteuern, auf deren Heimatländer bleibt ein technisch, sozial und politisch völlig offener Prozess. Vielleicht war die große Erleichterung unserer westlichen Weltstunde nie ein Ziel, sondern nur ein vorübergehender Moment der Geschichte.

Zuletzt eine stilistische Anmerkung: Einem genial verspielten Riesenkind wie Sloterdijk soll man selbstverständlich keine Vorschriften machen. Und wer sich über tanzende Metaphern beschwert, sollte nicht so tun, als verstünde er nicht, was gemeint ist. Nur, ein paar Pointen gebraucht Sloterdijk einfach zu oft. Dazu zählen Griffe ins Klavier mit den folgenden Titeltransformationen: "Prinzip xy", "Kritik der yz-Vernunft" und "Geburt von xx aus dem Geiste von zz".

Peter Sloterdijk: Was geschah im 20. Jahrhundert? Suhrkamp Verlag, Berlin 2016. 348 Seiten, 26,95 Euro. E-Book 22,99 Euro.