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Philosoph Hans Albert wird 100:Gegen den Selbstbetrug

Der Philosoph Hans Albert wurde vor 100 Jahren, am 8. Februar 1921, in Köln geboren.

(Foto: Evelin Frerk/Giordano-Bruno-Stiftung)

Der Wissenschaftstheoretiker und Philosoph Hans Albert, der bedeutendste lebende Vertreter des Kritischen Rationalismus, wird 100 Jahre alt.

Von Markus C. Schulte von Drach

Vor allem für die Naturwissenschaften gehört das kritisch-rationale Denken so sehr zum Alltag, dass es nur sehr selten infrage gestellt wird. Zu groß ist der Erfolg der Methode, Hypothesen und Theorien aufzustellen und sie so lange mit Gegenargumenten zu traktieren, bis sich etwa zeigt: Eine Aussage ist derzeit kaum zu widerlegen. Damit ist sie freilich noch lange nicht endgültig bewiesen, aber sie gilt doch vorerst als Erkenntnis.

Dass diese Philosophie, der "kritische Rationalismus", für viele eine solche Selbstverständlichkeit ist, ist selbst nicht selbstverständlich. Maßgeblich zu dieser Selbstverständlichkeit beigetragen hat mit seinem Werk auch der Philosoph und Wissenschaftstheoretiker Hans Albert, der am Montag 100 Jahre alt wird. Als bekanntester lebender Vertreter des Kritischen Rationalismus hat er die Ideen des 19 Jahre älteren Karl Popper, den er Ende der Fünfziger auch persönlich kennenlernte, unermüdlich weiterverfolgt. Sein "Traktat über kritische Vernunft" ist ein Standardwerk der Erkenntnistheorie.

Nach Kampfeinsätzen als Wehrmachtssoldat im Zweiten Weltkrieg und anschließender amerikanischer Kriegsgefangenschaft begann Albert 1946 an der Universität seines Geburtsortes Köln ein Studium der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Bald beschäftigte ihn jedoch vor allem die philosophische Frage schlechthin: Was können wir über die Welt, die Realität, über das Dasein überhaupt wissen? Schließlich setzen wir unser Bild von der Welt nur mittels unserer Sinneseindrücke im Kopf zusammen.

Sicheres Wissen ist für den Menschen nicht möglich

Zu dieser Frage hatten sich vor dem Zweiten Weltkrieg zwei wichtige Denkschulen entwickelt: Der "neopositivistische" Wiener Kreis um den Wissenschaftler Rudolf Carnap ging davon aus, es könne anhand von Erfahrungen, die sich überprüfen und mit logischen Argumenten darstellen lassen, etwas über die Wirklichkeit ausgesagt werden. Dem gegenüber stand die Frankfurter Schule mit ihrer Kritischen Theorie. Max Horkheimer, Theodor Adorno und Herbert Marcuse, stark der marxistischen Philosophie verbunden, betrachteten die moderne Wissenschaft als Produkt der Ideologie der bürgerlichen Gesellschaft, für die sie die Mittel zur kapitalistischen Produktionsweise bereitstellte. Davon unabhängige Erkenntnisse wären ihr nicht möglich.

Albert orientierte sich am Wiener Kreis, fand dann jedoch Karl Popper, der dem Wiener Kreis nahestand, noch überzeugender. Für beide war klar: Sicheres Wissen ist für den Menschen tatsächlich nicht möglich. Weder lässt sich etwas endgültig beweisen, noch widerlegen, erklärte Albert in seinem sogenannten "Münchhausen-Trilemma". Aber: Durch bestimmte Regeln können wir versuchen zu verhindern, in die Falle der Voreingenommenheit, Vorurteile und des Selbstbetrugs zu laufen: Offenheit und Aufgeschlossenheit gegenüber anderen Vorstellungen ist Pflicht, Hypothesen müssen präzise formuliert sein, damit sie sich eindeutig widerlegen lassen, wenn sie falsch sind, und Erkenntnisse sind gewissermaßen nie wahr, sondern nur weniger falsch als andere Behauptungen. "Wir irren uns empor'", hat der Philosoph Gerhard Vollmer diese Philosophie zusammengefasst.

Einer breiteren Öffentlichkeit wurde Albert schließlich im Positivismusstreit bekannt. Adorno und Popper redeten bei ihrer öffentlichen Auseinandersetzung 1961 auf einer Tagung in Tübingen eher aneinander vorbei, aber der ebenfalls dort erfolgte Schlagabtausch zwischen Poppers Mitstreiter Hans Albert und dem Adorno-Schüler Jürgen Habermas war für beide eine Gelegenheit, aus dem Schatten ihrer Lehrer herauszutreten. Es folgte eine langjährige Debatte. Habermas löste sich zwar immer stärker von der Kritischen Theorie. Die Kluft zwischen ihm und Albert aber blieb tief. Uneinig blieben sie etwa in der Frage, ob für den kritischen Realismus Werte eine Rolle spielen und - wenn ja - ob diese selbst einer kritisch-rationalen Bewertung unterzogen werden könnten. Albert hielt das für möglich.

Die ewige Suche nach den Fehlern im eigenen Denken

Habermas wandte sich schließlich dem Streit mit postmodernen Denkern wie Michel Foucault zu, für den "Wahrheit" immer nur war, was die "Macht" als solche ausgibt, um sie im eigenen Sinne einzusetzen. Was Albert von den postmodernen Denkern hielt, zeigt sich in einem Brief, den er 1992 gemeinsam mit etlichen anderen Gelehrten in der Londoner Times veröffentlichte: Die Universität Cambridge möge bitte davon Abstand nehmen, dem Philosophen Jacques Derrida einen Ehrentitel zuzusprechen. Dessen Arbeit sei eher eine Form von Dadaismus als Philosophie. Ansonsten ignorierte Albert die zunehmend populären Poststrukturalisten weitgehend. Zu absurd erschienen ihm Schlussfolgerungen wie die, jede Kultur habe gewissermaßen ihre eigene gleichberechtigte Vorstellung von Wahrheit.

Statt in Geschichte, Sprache, Diskursen die Faktoren für die Verschiebung von Machtverhältnissen aufzuspüren und zu problematisieren, konzentrierte sich Hans Albert auf die Suche nach Fehlern im eigenen Denken. Für ihn ging es weiterhin um die schrittweise Wahrheitsannäherung, "auch wenn man nie sicher wissen kann, was eigentlich wirklich los ist", so der Soziologe Hartmut Esser, in seiner Laudatio auf seinen Lehrstuhl-Vorgänger in Mannheim. Diese Idee sei, so Esser, in großen Teilen der Sozialwissenschaften immer noch keine Selbstverständlichkeit, "und schon gar nicht in der Soziologie".

Albert meldete sich aber auch religionskritisch zu Wort. Er setzte sich etwa intensiv mit dem Versuch des späteren Papstes Joseph Ratzinger auseinander, den Glauben als vernünftiger darzustellen als die wissenschaftlichen Methoden, und er wies die Versuche des Theologen Hans Küng zurück, die Frage nach der Existenz Gottes beantworten zu wollen.

Dabei blieb er seinem Anspruch auf kritische Rationalität genauso treu wie seinem Lehrstuhl für Soziologie und Wissenschaftslehre an der Universität Mannheim, auf den er 1963 berufen worden war. Er verließ ihn, trotz vieler Angebote, aber ausgezeichnet mit einer Reihe von Ehrendoktorwürden, erst 1989 mit seiner Emeritierung. Zu seinem 99. Geburtstag wurde in Oberwesel das Hans Albert Institut gegründet, "zur Förderung des kritisch-rationalen Denkens in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft", wie es dort programmatisch heißt. Keine schlechte Idee in einer Zeit von Fake News und Verschwörungsmythen. Albert selbst hat sich schon lange aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Aus seinem Umfeld heißt es, er führe noch kurze Gespräche mit seinen ehemaligen Schülern. Worüber, kann man sich denken - wenn auch nur mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit.

(Ein Festakt findet online hier statt: "100 Jahre Hans Albert")

© SZ/crab
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