Süddeutsche Zeitung

Kampf um Hambacher Forst:Haben Pflanzen Rechte?

  • Hinter dem Streit um die Rodung des Hambacher Forsts steht die Frage, ob Pflanzen - wie Menschen und Tieren - Rechte zustehen, die ihnen das Gesetz garantieren müsste.
  • In der Philosophie- und der Religionsgeschichte gibt es verschiedene Antworten darauf, die diese Frage in unterschiedlichem Grad bejahen.
  • Aber Pflanzen umfassende Rechte zu gewähren, würde auch Probleme aufwerfen.

Von Rainer Erlinger

Deutschland im Herbst 2018. Man kämpft um Bäume. Im Hambacher Forst, einem über 10 000 Jahre alten Mischwald mit bis zu 350 Jahre alten Bäumen. Fast schon ironischerweise soll er gerodet werden, um an noch ältere Wälder und Bäume zu gelangen, die darunter vor Millionen Jahren zu Braunkohle geworden sind. Dagegen wehren sich Aktivisten, teilweise mit Gewalt, wogegen die Polizei vorgeht - ebenfalls teilweise mit Gewalt. Auch beim Protest gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 war es zu Tätlichkeiten gekommen. Und auch hier waren Bäume im Spiel. Berühmt wurde dann jedoch der Juchtenkäfer, dessen Schutz das Bauvorhaben verzögerte und verteuerte. Wie die Kleine Hufeisennase, eine Fledermausart, den Bau der Waldschlösschenbrücke in Dresden. Nun aber, im Hambacher Forst, geht es wirklich - neben der Grundsatzfrage des Kohleausstiegs - in erster Linie um Bäume, also Pflanzen. Und auch wenn man sich ein wenig an die Baumumarmer aus den Siebzigerjahren erinnert fühlt, drängt sich eine Frage auf: Worum geht es beim Erhalt des Waldes? Kommt Bäumen, also Pflanzen tatsächlich ein eigener Wert zu? Er muss nicht genauso groß sein, aber im Grundsatz dann doch ein eigener Wert, wie er bei Tieren immer weniger umstritten ist und beim Menschen unbestritten.

Deutschland streitet und kämpft um Bäume. Man ist versucht zu sagen: Als hätte es nichts Besseres zu tun. Oder umgekehrt: Als hätte es nicht gerade genug anderen Streit. Aber abgesehen davon, dass man sich fast schon freut, wenn es mal nicht um den anderen Streit geht, überraschen die Inbrunst und die Gewalt, mit denen gestritten wird, was die Frage interessant macht.

Die aktuelle Lage im Hambacher Forst

Im Hambacher Forst haben am Sonntag erneut mehrere Tausend Menschen gegen die Räumung und die geplante Rodung des Waldgebiets demonstriert. Der Veranstalter des sogenannten Waldspaziergangs hatte mit rund 5000 Teilnehmern gerechnet. Wie viele Demonstranten genau bei schmuddeligem Regenwetter in das Braunkohlerevier kamen, blieb offen. Die Polizei wollte sich am Vormittag auf keine Zahl festlegen. Der Veranstalter meldete rund 7000 Teilnehmer.

Die Polizei hatte am Samstag den "Waldspaziergang" als Demonstration durch den Forst untersagt. Das Oberverwaltungsgericht in Münster bestätigte im Eilverfahren in der zweiten Instanz die Auflagen für den Veranstalter. Diese erlauben nur eine Kundgebung an einem festgelegten Ort, um die Sicherheit der Teilnehmer gewährleisten zu können.

Bäume sind für uns so etwas wie die Menschen unter den Pflanzen

Vielleicht nähert man sich ihr am besten phänomenologisch. Von den Bäumen her. Nicht erst seit Peter Wohllebens Bestseller "Das geheime Leben der Bäume" scheinen Bäume für viele offenbar fast so etwas wie die Menschen unter den Pflanzen zu sein. Nicht nur der senkrechte Stamm erinnert an den aufrechten Gang des Menschen, auch das Wachsen und langsame Altern sowie das Auftreten alleine wie in Gesellschaft haben sie gemeinsam. Und außer Fichten in Monokultur kann man wohl nur Menschen dazu bringen, ohne Gatter so ordentlich in Reih und Glied zu stehen.

Eine Ähnlichkeit ist also da. Vielleicht liegt ja es an ihr, dass Menschen seit langer Zeit Bäume als heilig verehren und eine spezielle Beziehung zu manchen Exemplaren entwickeln. In Japan, dem Land der Kirschblüte, wird in der Stadt Hokuto ein Kirschbaum verehrt, der knapp zweitausend Jahre alt sein und in dem eine Gottheit wohnen soll. In Mexiko ranken sich viele Legenden um den Baum von Tule, eine etwa 1500 Jahre alte Zypresse. Mit einem Stammdurchmesser von mehr als zehn Metern ist er einer der größten Bäume der Welt. Er wird "Baum des Lebens" genannt. Hierzulande wurde die Bavaria-Buche im Altmühltal mit ihrer majestätisch symmetrischen Krone vor allem durch Fotos im Jahresverlauf berühmt und fast schon zu einem Sinnbild Bayerns. Mehr als 500 Jahre wurde sie alt, bevor sie 2006 erst auseinanderbrach und 2013 dann endgültig starb. Man hatte sich gegen eine Sanierung oder Stützung entschieden mit der Begründung, man solle den Baum "in Würde sterben" lassen.

Ganz so abwegig scheint die Idee des eigenständigen Werts der Pflanzen also nicht zu sein. Tatsächlich gibt es eine Diskussion darum, in der man im Grund vier Sichtweisen identifizieren kann: die aristotelische, die kantianische, die benthamsche und die schweitzersche.

Aristoteles stellte in seinem Werk "De Anima" (Über die Seele) zunächst fest, dass alle Lebewesen eine Seele besitzen, also auch Pflanzen. Jedoch sah er eine Stufung der Seelenkräfte: Wachstum, Nahrungsaufnahme, Bewegung, Wahrnehmung und als höchste "Nous", was sich mit Geist, Denken oder Verstand wiedergeben lässt. Dem entspricht grob eine Einteilung in eine ernährende, eine wahrnehmende und eine denkende Seele, über die Lebewesen in eine Rangordnung gebracht werden können: Mensch - Tiere - Pflanzen. Menschen können denken, das trennt sie von allen anderen Lebewesen, Tiere können wahrnehmen und sich bewegen, Pflanzen jedoch nur wachsen und sich ernähren. Diese Annahme scheint heute überholt, vielleicht einer der Gründe, warum die Diskussion um den Wert der Pflanzen wieder neu entflammt ist.

Man müsste eher fragen, warum Pflanzen keine eigene moralische Position zukommen sollte

Immanuel Kant reduzierte und erweiterte diese aristotelische Einteilung. Einerseits reduzierte er moralische Rechte und Pflichten in seiner auf den Verstand gründenden Ethik dezidiert auf Verstandeswesen und somit auf den Menschen, schloss Tiere und Pflanzen explizit aus. Andererseits kam er über einen Rückgriff zu einer Erweiterung: Man dürfe Tiere nicht quälen, meinte er, weil, wer Tiere quält, damit abgehärtet würde dagegen, auch Menschen zu quälen. Und man solle alte Haus- und Nutztiere gut behandeln in Anerkennung der Dienste, die sie dem Menschen geleistet haben. Pflanzen, "das unbeschreiblich Schöne im Gewächsreich", solle der Mensch achten, weil "etwas auch ohne Absicht auf Nutzen zu lieben" die Moralität fördern könne. Diese Pflichten bestünden aber, betont Kant, über diesen Umweg gegenüber den Menschen, nicht gegenüber den Tieren und Pflanzen selbst. Deren Stellung ist somit keine eigene, sondern abgeleitet von der des Menschen. Kant war damit so wirkmächtig, dass selbst eine Ikone der Umweltbewegung wie Hans Jonas Ende der Siebzigerjahre in seinem "ökologischen Imperativ" den Schutz der Erde vom Menschen ableitete: "Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden."

Der englische Philosoph Jeremy Bentham hingegen räumte Tieren eine eigenständige Position ein, indem er auf die Leidensfähigkeit abstellte: Die Frage sei nicht, ob Tiere denken oder reden könnten, sondern: "Können sie leiden?" Dann dürfe man nicht beliebig mit ihnen umgehen, und das Gesetz sollte sie schützen: "Warum sollte das Gesetz seinen Schutz irgendeinem empfindenden Wesen verweigern? Die Zeit wird kommen, da die Menschheit ihren Schutzmantel erweitern wird auf alles, was atmet." Auch hier, um die Frage, ob und was sie empfinden, gibt es bei den Pflanzen neue Diskussionen.

Den weitesten Schutzmantel aber breitete der Arzt und Philosoph Albert Schweitzer über der Natur aus. Auf einer Flussfahrt auf dem Ogooué in Gabun entwickelte er angesichts der überbordenden Natur seine These von der "Ehrfurcht vor dem Leben": "Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will." Es ist von Umfang und Tiefe her die weitreichendste Idee. Umfasst wird jegliches Leben, und dieses Leben hat eine eigene, nicht abgeleitete Berechtigung und einen Wert aus sich selbst heraus, allein, weil es "leben will". Ein wenig scheint die Idee der Seele bei Aristoteles durchzuschimmern. Überhaupt eine Seele zu haben, das genügt als Begründung einer eigenen Position, die deshalb jedem Lebewesen zukommt.

Einem alten Baum mag man Wert zuschreiben, aber einem Grashalm?

Daraus lassen sich die unterschiedlichen Ansätze der Umweltethik ableiten: Die Anthropozentrik stellt den Menschen in den Mittelpunkt, die Pathozentrik leidende Lebewesen, die Zoozentrik alle Tiere, die Biozentrik alle Lebewesen, die Ökozentrik ökologische Systeme und der Holismus alle natürlichen Dinge.

Daneben gibt es noch theologische Sichtweisen. Die Heiligkeit der Natur war in alten Religionen, aber auch in der griechischen Mythologie weit verbreitet. Erst die griechische Philosophie und der Monotheismus beendeten das. In der Schöpfungsgeschichte der Bibel im Buch Genesis findet sich nach der bekannten Unterwerfung der Tiere "Seid fruchtbar und mehrt euch, füllt die Erde und unterwerft sie und waltet über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die auf der Erde kriechen!" die Wegscheide der Abwertung von Pflanzen auch gegenüber den Tieren, ihre Reduktion auf einen instrumentellen Wert: "Siehe, ich gebe euch alles Gewächs, das Samen bildet auf der ganzen Erde, und alle Bäume, die Früchte tragen mit Samen darin. Euch sollen sie zur Nahrung dienen. Allen Tieren der Erde, allen Vögeln des Himmels und allem, was auf der Erde kriecht, das Lebensatem in sich hat, gebe ich alles grüne Gewächs zur Nahrung." Eine ähnliche Trennlinie findet sich in den östlichen Religionen zwischen dem Hinduismus und Jainismus, die alle lebenden Wesen ähnlich sahen, und dem Buddhismus, der den Schutz der Tiere in den Mittelpunkt rückte.

Von einem kulturell und religiös neutralen Standpunkt aus müsste man also eher fragen und begründen, warum Pflanzen als lebenden Wesen, besonders im Gegensatz zu Tieren, keine eigene moralische Position zukommen sollte.

Dies alles spiegelt sich wider im Verfassungsrecht. Seit 1994 gibt das Grundgesetz in Artikel 20a dem Staat auf, "auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen" zu schützen. 2002 wurde das um die Formulierung "und die Tiere" ergänzt, was neben der des Menschen eine Sonderstellung auch der Tiere innerhalb der Natur feststellt. Tiere werden "als Lebewesen und Mitgeschöpfe geachtet und geschützt", wie es seit 1984 in Artikel 141 der Bayerischen Verfassung heißt. Beide Verfassungen haben gemeinsam, dass sie sich "auch" auf die Verantwortung für die künftigen Generationen als Grund für den Schutz von Tieren und Natur berufen. Die Natur selbst und mit ihr die Pflanzen werden nicht einmal explizit eigenständig genannt, sondern jeweils nur die "natürlichen Lebensgrundlagen". Das zeigt eines ganz deutlich: Der Verfassungswert der Natur leitet sich ab aus ihrer Bedeutung für den Menschen. Das ist ein streng kantianischer Ansatz.

Dinkelkorns Traum: Es möchte keimen und leben. Und nicht gegessen werden

Einen anderen Weg geht die Schweizerische Bundesverfassung von 1999. Sie spricht neben dem "Schutz des Menschen und seiner natürlichen Umwelt", auch vom "Naturschutz" sowie dem "Schutz der Tier- und Pflanzenwelt". Vor allem aber nennt sie in Artikel 120 ausdrücklich die "Würde der Kreatur", also eine Würde, die jedem Geschöpf und somit auch den Pflanzen zukommt.

Allerdings wirft eine umfassende ethische Position von Pflanzen Probleme auf, die auch die wesentlichen Argumente gegen sie darstellen. Manche fürchten, dass durch die Ausweitung der moralischen Positionen auf alle Lebewesen die besondere moralische Stellung des Menschen infrage gestellt wird. Eine Problematik, die man schon von der Tierrechtsdiskussion her kennt. Ein weiteres Hindernis dürften schlicht Gefühl und Gewohnheit sein. Wenn man auch intuitiv geneigt sein mag, komplexen Wesen wie den jahrhundertealten Bäumen einen eigenen Wert zuzuschreiben, wird man das bei einem Grashalm kaum tun wollen, obwohl beides Pflanzen sind. Ethische Positionen, die der moralischen Intuition vollkommen zuwiderlaufen, sind jedoch schwer zu vermitteln. Zumal sie geeignet sind, stark in das menschliche Leben einzugreifen. Ganz banal: Was darf man dann noch ruhigen Gewissens essen? Selbst eine streng vegane Lebensweise, die sich an Tierrechten orientiert und deshalb keinerlei tierische Produkte umfasst, wäre plötzlich ethisch fragwürdig. Schließlich würde selbst das Dinkelkorn lieber keimen als gegessen werden.

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Quelle:
SZ vom 20.09.2018/khil
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