Kampf um Hambacher Forst:Man müsste eher fragen, warum Pflanzen keine eigene moralische Position zukommen sollte

Immanuel Kant reduzierte und erweiterte diese aristotelische Einteilung. Einerseits reduzierte er moralische Rechte und Pflichten in seiner auf den Verstand gründenden Ethik dezidiert auf Verstandeswesen und somit auf den Menschen, schloss Tiere und Pflanzen explizit aus. Andererseits kam er über einen Rückgriff zu einer Erweiterung: Man dürfe Tiere nicht quälen, meinte er, weil, wer Tiere quält, damit abgehärtet würde dagegen, auch Menschen zu quälen. Und man solle alte Haus- und Nutztiere gut behandeln in Anerkennung der Dienste, die sie dem Menschen geleistet haben. Pflanzen, "das unbeschreiblich Schöne im Gewächsreich", solle der Mensch achten, weil "etwas auch ohne Absicht auf Nutzen zu lieben" die Moralität fördern könne. Diese Pflichten bestünden aber, betont Kant, über diesen Umweg gegenüber den Menschen, nicht gegenüber den Tieren und Pflanzen selbst. Deren Stellung ist somit keine eigene, sondern abgeleitet von der des Menschen. Kant war damit so wirkmächtig, dass selbst eine Ikone der Umweltbewegung wie Hans Jonas Ende der Siebzigerjahre in seinem "ökologischen Imperativ" den Schutz der Erde vom Menschen ableitete: "Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden."

Der englische Philosoph Jeremy Bentham hingegen räumte Tieren eine eigenständige Position ein, indem er auf die Leidensfähigkeit abstellte: Die Frage sei nicht, ob Tiere denken oder reden könnten, sondern: "Können sie leiden?" Dann dürfe man nicht beliebig mit ihnen umgehen, und das Gesetz sollte sie schützen: "Warum sollte das Gesetz seinen Schutz irgendeinem empfindenden Wesen verweigern? Die Zeit wird kommen, da die Menschheit ihren Schutzmantel erweitern wird auf alles, was atmet." Auch hier, um die Frage, ob und was sie empfinden, gibt es bei den Pflanzen neue Diskussionen.

Den weitesten Schutzmantel aber breitete der Arzt und Philosoph Albert Schweitzer über der Natur aus. Auf einer Flussfahrt auf dem Ogooué in Gabun entwickelte er angesichts der überbordenden Natur seine These von der "Ehrfurcht vor dem Leben": "Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will." Es ist von Umfang und Tiefe her die weitreichendste Idee. Umfasst wird jegliches Leben, und dieses Leben hat eine eigene, nicht abgeleitete Berechtigung und einen Wert aus sich selbst heraus, allein, weil es "leben will". Ein wenig scheint die Idee der Seele bei Aristoteles durchzuschimmern. Überhaupt eine Seele zu haben, das genügt als Begründung einer eigenen Position, die deshalb jedem Lebewesen zukommt.

Einem alten Baum mag man Wert zuschreiben, aber einem Grashalm?

Daraus lassen sich die unterschiedlichen Ansätze der Umweltethik ableiten: Die Anthropozentrik stellt den Menschen in den Mittelpunkt, die Pathozentrik leidende Lebewesen, die Zoozentrik alle Tiere, die Biozentrik alle Lebewesen, die Ökozentrik ökologische Systeme und der Holismus alle natürlichen Dinge.

Daneben gibt es noch theologische Sichtweisen. Die Heiligkeit der Natur war in alten Religionen, aber auch in der griechischen Mythologie weit verbreitet. Erst die griechische Philosophie und der Monotheismus beendeten das. In der Schöpfungsgeschichte der Bibel im Buch Genesis findet sich nach der bekannten Unterwerfung der Tiere "Seid fruchtbar und mehrt euch, füllt die Erde und unterwerft sie und waltet über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die auf der Erde kriechen!" die Wegscheide der Abwertung von Pflanzen auch gegenüber den Tieren, ihre Reduktion auf einen instrumentellen Wert: "Siehe, ich gebe euch alles Gewächs, das Samen bildet auf der ganzen Erde, und alle Bäume, die Früchte tragen mit Samen darin. Euch sollen sie zur Nahrung dienen. Allen Tieren der Erde, allen Vögeln des Himmels und allem, was auf der Erde kriecht, das Lebensatem in sich hat, gebe ich alles grüne Gewächs zur Nahrung." Eine ähnliche Trennlinie findet sich in den östlichen Religionen zwischen dem Hinduismus und Jainismus, die alle lebenden Wesen ähnlich sahen, und dem Buddhismus, der den Schutz der Tiere in den Mittelpunkt rückte.

Von einem kulturell und religiös neutralen Standpunkt aus müsste man also eher fragen und begründen, warum Pflanzen als lebenden Wesen, besonders im Gegensatz zu Tieren, keine eigene moralische Position zukommen sollte.

Dies alles spiegelt sich wider im Verfassungsrecht. Seit 1994 gibt das Grundgesetz in Artikel 20a dem Staat auf, "auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen" zu schützen. 2002 wurde das um die Formulierung "und die Tiere" ergänzt, was neben der des Menschen eine Sonderstellung auch der Tiere innerhalb der Natur feststellt. Tiere werden "als Lebewesen und Mitgeschöpfe geachtet und geschützt", wie es seit 1984 in Artikel 141 der Bayerischen Verfassung heißt. Beide Verfassungen haben gemeinsam, dass sie sich "auch" auf die Verantwortung für die künftigen Generationen als Grund für den Schutz von Tieren und Natur berufen. Die Natur selbst und mit ihr die Pflanzen werden nicht einmal explizit eigenständig genannt, sondern jeweils nur die "natürlichen Lebensgrundlagen". Das zeigt eines ganz deutlich: Der Verfassungswert der Natur leitet sich ab aus ihrer Bedeutung für den Menschen. Das ist ein streng kantianischer Ansatz.

Dinkelkorns Traum: Es möchte keimen und leben. Und nicht gegessen werden

Einen anderen Weg geht die Schweizerische Bundesverfassung von 1999. Sie spricht neben dem "Schutz des Menschen und seiner natürlichen Umwelt", auch vom "Naturschutz" sowie dem "Schutz der Tier- und Pflanzenwelt". Vor allem aber nennt sie in Artikel 120 ausdrücklich die "Würde der Kreatur", also eine Würde, die jedem Geschöpf und somit auch den Pflanzen zukommt.

Allerdings wirft eine umfassende ethische Position von Pflanzen Probleme auf, die auch die wesentlichen Argumente gegen sie darstellen. Manche fürchten, dass durch die Ausweitung der moralischen Positionen auf alle Lebewesen die besondere moralische Stellung des Menschen infrage gestellt wird. Eine Problematik, die man schon von der Tierrechtsdiskussion her kennt. Ein weiteres Hindernis dürften schlicht Gefühl und Gewohnheit sein. Wenn man auch intuitiv geneigt sein mag, komplexen Wesen wie den jahrhundertealten Bäumen einen eigenen Wert zuzuschreiben, wird man das bei einem Grashalm kaum tun wollen, obwohl beides Pflanzen sind. Ethische Positionen, die der moralischen Intuition vollkommen zuwiderlaufen, sind jedoch schwer zu vermitteln. Zumal sie geeignet sind, stark in das menschliche Leben einzugreifen. Ganz banal: Was darf man dann noch ruhigen Gewissens essen? Selbst eine streng vegane Lebensweise, die sich an Tierrechten orientiert und deshalb keinerlei tierische Produkte umfasst, wäre plötzlich ethisch fragwürdig. Schließlich würde selbst das Dinkelkorn lieber keimen als gegessen werden.

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Peter Wohlleben born in Bonn, 1964, is a German forester and author who writes on ecological themes in popular language. After graduation from forestry school in Rottenburg am Neckar , he took up a job as a government wood ranger in the Rhineland-Palatina

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