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Philosophen zu Corona:Soft und sicher

Eine Zusammenstellung der öffentlichen Wortmeldungen von Philosophen offenbart: Zur Pandemie fiel ihnen außer Banalitäten erstaunlich wenig ein.

Von Jens-Christian Rabe

Die ehrwürdige Zeitschrift Information Philosophie, das vierteljährlich erscheinende Branchenblatt der deutschsprachigen (akademischen) Philosophie, hat sich die Mühe gemacht, in ihrer aktuellen Ausgabe eine erste ausführliche Dokumentation der medialen Kommentare von (hauptsächlich deutschsprachigen) Philosophinnen und Philosophen zur Corona-Pandemie vorzulegen. Zu keinem Thema, so die Herausgeber, hätten sich in den Medien zuletzt in so kurzer Zeit so viele Vertreter des Fachs geäußert. Das stimmt sicher. Umso auffälliger ist allerdings auch, wie gering die Originalität und Substanz der Wortmeldungen war.

Es ist ein einziger fröhlicher Einerseits-andererseits-Brei, garniert mit Banalitäten aller Art aus dem Handbuch für Sonntagsreden: Eine Gesellschaft zu schließen sei wirklichkeitsfremd, das Ziel, das Infektionsgeschehen zu verlangsamen, könne jedoch tief greifende Einschränkungen rechtfertigen (Gertrude Lübbe-Wolff). Es gehe um ein Abwägen: "Welche Kosten sind wir bereit, in Kauf zu nehmen?" (Julian Nida-Rümelin) Unabdingbar sei der Rückgriff auf die "Ethik der Menschenwürde" (Gunzelin Schmid Noerr), weil menschliches Leben wichtiger sei als wirtschaftliche Interessen (Oliver Hallich). Wobei: "Kippte die Weltwirtschaft", wäre der Preis wiederum zu hoch (Nida-Rümelin). Da das Virus alle treffen kann, schränke jeder mit seiner Entscheidung, sich dem Risiko einer Infektion auszusetzen, die Freiheit aller anderen ein (Henning Hahn). Gefährlich auch, dass ein Boom von Überwachungstechnologie bevorstehen könnte (Robert Pfaller) - oder sogar die "softe Cyberdiktatur" (Markus Gabriel).

Die Krise offenbarte, dass "wir vielleicht etwas zu heftig unterwegs waren"

Durch die Krise werde allerdings auch gesehen, welche Berufe wirklich wichtig seien: Krankenschwestern, Pfleger, Mitarbeiter der Müllabfuhr (Lisa Herzog, Philipp Hübl). Und es gebe nun neue Chancen: die Chance zur Gelassenheit (Andreas Urs Sommer), die Chance zu erkennen, dass "wir vielleicht etwas zu heftig unterwegs waren in den vergangenen Jahren" (Wilhelm Schmid), die Chance, zu sehen, dass wir vom Tod umgeben sind, "der auf uns wartet" (Svenja Flaßpöhler), die Chance, endlich "Der Trost der Philosophie" von Boethius zu lesen, oder einfach die Chance, dass die Gesellschaft eine Chance habe (Martin Booms).

Fast schon überraschend, weil so schmerzfrei seherhaft dahinfabuliert, klingt da die Frage: "Ist das Coronavirus eine Immunreaktion des Planeten gegen die Hybris des Menschen?" (Markus Gabriel). Tja, und dann habe die Krise zu einem Aufbruch geführt, offen ist bloß noch, wohin (Peter Sloterdijk). Und so weiter.

Schon richtig, nicht alles davon ist in der Sache überflüssig gewesen, manches sogar wichtig, nur wurde es eben meistens von anderen Beobachtern längst bemerkt, bevor es die Philosophen wiederholten. Anders gesagt, es wäre wünschenswert, die deutschen Philosophinnen und Philosophen, die ja eine hohe Meinung von sich haben, läsen sich die Sammlung ihrer Corona-Beiträge aufmerksam durch. Geht man mit demselben kritischen Bewusstsein daran, das die Philosophie in ihren besten Momenten gelehrt hat und lehrt, liest sie sich in ihrem intellektuellen Gehalt nämlich doch arg dürftig.

Es ist eine Stärke der Philosophie, gerade das vermeintlich längst Gewusste immer neu zu bedenken. Sie bildet sich auch nicht zu Unrecht einiges darauf ein, sehr gut im Fragenstellen zu sein. Nur: Wenn man sich heute als Philosoph zu Wort meldet, würde mehr Gespür für Trivialität nicht schaden - und mehr Ehrgeiz, etwas über das längst Gewusste hinaus zu sagen oder zu fragen, etwas, das sich für den Rest der Welt noch nicht komplett von selbst versteht. Es würde auch helfen, dann und wann daran zu denken, dass es das Fach seit ein paar Tausend Jahren gibt und manche seiner Tricks inzwischen auch anderswo verstanden wurden und angewendet werden.

© SZ vom 23.07.2020

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