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Philologie:Spricht Holland bald nur noch Englisch?

Weil es immer weniger Interessenten gibt, streicht die Freie Universität Amsterdam ihre Niederlandistik. Dabei ist die Sprache nicht so randständig, wie es scheinen mag.

Von Thomas Kirchner

Niederländisch ist eine Weltsprache, gesprochen von 24 Millionen Menschen, Tendenz steigend. Es gibt mehr Wikipedia-Einträge auf Niederländisch als auf Spanisch, Russisch oder Chinesisch. Niederländisch sei "eine sehr lebhafte Sprache mit ausgezeichneten Überlebenschancen", befand die "Nederlandse Taalunie", die Sprachunion, im Jahr 2016. Doch ausgerechnet im eigenen Land hat es die Sprache zunehmend schwer.

Kaum jemand will in den Niederlanden noch Niederlandistik studieren, die Zahl der Studienanfänger sinkt und sinkt. Gerade mal 200 sind es im laufenden akademischen Jahr, bis 2010 waren es zwischen 400 und 600. Das ist wenig bei einer Bevölkerung von 17 Millionen. Zum Vergleich: in Deutschland sind 80 000 Studierende für Germanistik eingeschrieben. Gegrummel über das mangelnde Interesse an der eigenen Sprache ist schon länger zu hören bei den Nachbarn. Wie ein Donnerschlag kam aber nun die Ankündigung der Freien Universität Amsterdam, ihre Niederlandistik-Abteilung zu schließen. Sechs Studenten, die von sechs Dozenten betreut würden - das sei finanziell nicht mehr tragbar, erklärte die Fakultätsleitung betrübt. Von Herbst an bieten das Fach somit nur noch fünf Universitäten an.

Die Medien berichteten aufgeregt, Experten bekundeten ihre Sorge. Praktisch bedeutet der Rückgang, dass den Schulen die Niederländisch-Lehrer ausgehen. Mancherorts ist es schwierig geworden, freie Stellen mit Fachkräften zu besetzen. Man werde vielleicht bald Niederländisch-Lehrer aus Polen ausleihen müssen, ätzte der Taalunie-Vorsitzende Hans Bennis. Laut Bennis steht viel auf dem Spiel: "Unsere Identität beruht auf unserer Sprache und unserer Kultur." Das Land verändere sich durch Einwanderung, leitartikelte das NRC Handelsblad, die Kultur werde neu definiert - da sei es umso wichtiger, die niederländische Sprache und Literatur zu studieren. Niederlandistik stehe am Schnittpunkt von Identität, Geschichte, Kultur und Kunst. Stattdessen signalisiere der Schritt der Universität: "Brauchen wir nicht."

Die Gründe für die Misere? An den niederländischen Universitäten wird scharf kalkuliert. Geld für bestimmte Fächer gibt es nur, wenn es genügend Absolventen gibt, ansonsten wird gestrichen. Da geht es der niederländischen Philologie nicht anders als der Skandinavistik, Hungarologie oder anderen kleinen, vor allem sprachlichen Fächern. Eine "knallharte Output-Politik" nennt das Hans Beelen, Vorsitzender des deutschen Niederlandisten-Verbands. Wobei das Fach auch Opfer von Umgruppierungen ist. Teile der Niederlandistik sind in breitere, neu entstandene Studiengänge wie "European Studies" und Ähnliches eingeflossen. Hinzu kommt der Vormarsch des Englischen an niederländischen Unis. Ein Viertel aller Bachelor- und drei Viertel der Master-Studiengänge sind inzwischen rein englischsprachig. "Niederländisch können wir nur schwierig auf Englisch anbieten", sagt Marc van Oostendorp, Dozent an der Radboud-Universität in Nimwegen, trocken. "Wir haben eine Art Minderwertigkeitskomplex, was unsere Kultur und Literatur betrifft", zitiert die Zeitung Trouw einen Studenten. "Aus meiner Sicht könnten wir ein bisschen stolzer sein auf unser literarisches Erbe."

Ein weiterer Grund für die Misere ist der unbeliebte, als "langweilig" geltende Niederländisch-Unterricht in den Schulen. Dort geht es kaum um Literatur oder Kultur, sondern um sprachliche Fähigkeiten wie Interpretation und Textanalyse. In Abschlussprüfungen und dem Abitur dominieren Multiple-Choice-Aufgaben, die so knifflig sind, dass der Dozent Oostendorp im Selbstversuch nicht über 7,5 von 10 Punkten hinauskam: eine 2 bis 3. Ein solcher Unterricht animiere junge Menschen kaum, das Fach zu studieren, sagt er.

Bei Lehrplänen und Examina in der Schule müsse "so schnell wie möglich" etwas geändert werden, mahnen die Universitäten, die noch Niederlandistik anbieten, in einem gemeinsamen Papier. Auch gelte es, das Niederländische sprachpolitisch gegen das Englische zu verteidigen. Die Königlich Niederländische Akademie der Wissenschaften soll nun weitere Vorschläge zur Rettung der Niederlandistik erarbeiten.

© SZ vom 06.03.2019
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