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Roman "Die Rattenlinie":Wächters Anstand

Der Anwalt und Schriftsteller Philippe Sands.

(Foto: Antonio Zazeta Olmos)

Sind Nazis womöglich einfach nicht komplex? In seinem Buch "Die Rattenlinie" rekonstruiert der englische Jurist Philippe Sands das Leben des SS-Gruppenführers Otto Wächter.

Von Fabian Wolff

"Die Mörder sind unter uns", wusste ein Defa-Spielfilm schon 1946. Ein paar Jahre später, nach Beginn des Kalten Krieges, wurde dieser Satz umgeschrieben: in der DDR zu "die Mörder sind in der BRD", dort wiederum zu "die Mörder sind in Südamerika". Das Bild von hochrangigen Nazis, die unbehelligt in Südamerika Kaninchen züchten oder Autofabriken leiten, hat die Popkultur lange beschäftigt, mehr jedenfalls als die (west-)deutsche Justiz. Das "Odessa-Netzwerk", das SS-Mördern die Passage zum Beispiel in das peronistische Argentinien ermöglicht hat, spukt, etwa als Vorbild für "Spectre" in James-Bond-Filmen, noch heute durch Filme und Serien.

Der schneidige Nazibaron Otto (von) Wächter, als leitender SS-Mann in Polen und Galizien für die Ermordung Hunderttausender Juden verantwortlich, stand dank seiner guten Kontakte zu alten Kameraden und dem Vatikan schon auf der Warteliste, diesen Weg über die sogenannte "Rattenlinie" zu nehmen. Es gehört zu den wenigen unausgesprochenen Ironien von Philippe Sands' Buch "Die Rattenlinie", dass diese eigentlich keine Rolle spielt, denn Wächter stirbt 1949, unter falschem Namen und nicht ganz klaren Umständen, in einem Krankenhaus in Italien.

Sands' Buch über Lemberg wurde zum Welterfolg

Sands, eigentlich Anwalt und Professor für internationales Recht in London, stieß auf Wächters Geschichte, nachdem sein Buch "East West Street" zum Welterfolg wurde. Jenes Buch war eine Art Viererbiografie von Männern, deren Leben mit Lwow/Lwiw/Lemberg verknüpft ist: Hans Frank, Generalgouverneur für die besetzten polnischen Gebiete und in Nürnberg zum Tode verurteilt, die beiden Lemberger Anwälte Raphael Lemkin und Hersch Lauterpacht, die nach 1945 den Begriff des "Genozid" im internationalen Recht verankern, und schließlich Sands' eigener Großvater Leon Buchholz. In der aktuell so beliebten Sachbuchmischung aus persönlich motivierter Recherche, Ideengeschichte und Memoir erinnerte Sands an die Blütezeit jüdischen Lebens der Stadt und dessen Zerstörung. "Die Rattenlinie" ist eine Art Fortsetzung.

Über Niklas Frank, dessen Lebensthema die Schuld seines SS-Vaters ist, lernt Sands eine ganz andere Art von Nazi-Sohn kennen. Horst Wächter, wie Frank 1939 geboren, lebt in einem kalten Schloss in Hagenberg und verbringt sein Leben im Balanceakt zwischen "Papa war ein Nazi" und "Papa war kein Mörder". Sands fasziniert sein nur scheinbar ganz offenes Sprechen, das die totale Leugnung der Verbrechensgeschichte seiner Familie nur mühsam überdeckt.

Er schreibt ein Porträt von Horst für die Financial Times und produziert die Dokumentation "What Our Fathers Did" und einen Podcast für die BBC über die Geschichte von Horst und dessen Vater und schreibt schließlich das vorliegende Buch. Wir sind also, auch wenn die Verbrechen weiter zurückliegen und größer dimensioniert sind als dort üblich, direkt im Genre true crime gelandet, mit widersprüchlichen Erinnerungen, verdrängter Schuld und geheimen Archiven, alles besonnen-atemlos erzählt von Sands, der mit großzügigem Reisebudget ausgestattet seinem Bauchgefühl durch die ganze Welt folgen kann.

Getragen wird die Liebe durch den Glauben an den Führer

"Die Rattenlinie" ist eher ein Arbeitstagebuch denn eine fertige, allwissende Reportage, eine Detektivgeschichte, bei der Sands nicht nur an private Familienaufzeichnungen und verschwundene Geheimdienstunterlagen herankommen muss, sondern dann auch lernen muss, sie zu verstehen, intellektuell, emotional. Der klassische Dreier-Untertitel "Liebe, Lügen und die Suche nach der Wahrheit" gibt die Richtung vor.

Die Liebe ist die zwischen Baron Otto und seiner Frau Charlotte, zwei junge und verliebte Nazis aus Wien. Otto kommt aus einer deutschnationalen Militärfamilie und schließt sich schon in den Zwanzigern der nationalsozialistischen Bewegung an, Konflikte mit dem Gesetz und der Polizei radikalisieren ihn zusätzlich. 1934 ist er in das Attentat auf Engelbert Dollfuß verwickelt.

Auch seine Ehefrau Charlotte glüht für die Partei. Durch seine Freundschaft zu Arthur Seyß-Inquart macht Otto schnell Karriere im Parteiapparat und übernimmt nach dem "Anschluss" leitende Führungspositionen. Durch Briefe und Tagebücher bekommt Sands Einblick in die Beziehung von Otto und Charlotte, die gelegentlich von untreuen Verliebtheiten gestört, aber durch den Glauben an Führer und Volk durch jedes Unwetter getragen wird, auch nach 1945.

Die Reinigungsfantasien erinnern an Bürgerdünkel

Die Ideologisierung ist hart und undurchdringbar, aber der Ton ist nicht manisch, nicht besessen. Die Reinigungsfantasien sind weniger Theweleit-kompatibel und erinnern eher an Bürgerdünkel. Das zeigt ein Tischgespräch, das Curzio Malaparte, als Kriegskorrespondent 1942 bei den Wächters zu Gast, in seinem Buch "Kaputt" notiert:

"Ich gehe nicht gern ins Ghetto", sagte Frau Wächter, "es ist sehr traurig."

"Sehr traurig? Weshalb?" fragte Gouverneur Fischer.

"Es ist so schmutzig", sagte Frau Brigitte Frank.

"Ja, so schmutzig", bestätigte Frau Fischer.

Die untertitelgebenden "Lügen" betreffen Wächters Rolle bei Massenerschießungen und Deportationen in Krakau und Lemberg, später dann im Kampf gegen Partisanen in Italien, als Kontaktmann zur Republik Salò. Sein Sohn Horst ist überzeugt: "Sein Vater war ein anständiger Mensch, ein Optimist, der versuchte, Gutes zu tun, aber in Gräuel verwickelt wurde, die auf das Konto anderer gingen."

Weil das blutige Tagesgeschäft nicht in den Familienaufzeichnungen auftaucht, baut Sands Erinnerungen von Überlebenden wie der "Schindler-Jüdin" Bronisława Horowitz oder Michael Katz aus Lvov, die erleben mussten, wie Wächters "Anstand" genau aussah. Mal wie ein Therapeut, mal wie ein Staatsanwalt, konfrontiert Sands Horst immer wieder mit Beweisen, mit Augenzeugenberichten, Anklageschriften aus Polen, schließlich sogar Fotos von Erschießungen. Horst - der zu keinem Zeitpunkt die Schoah leugnet und philosemitisch sein Leben lang die Nähe von Juden wie Friedensreich Hundertwasser und Sands sucht - lässt sich von seinem Glauben, von seiner Selbstlüge nicht abbringen.

Ein unerklärlich verblendeter Sohn eines Nazis

Sands abstrahiert das nicht zum Schaubild für eine alldeutsche Tendenz der Schuldabwehr oder familiäre Tätertraumatisierung hoch. Horst Wächter ist in seiner Erzählung einfach ein durchaus wohlmeinender, in seiner Mitteilungsfreude oft anstrengender und fast unerklärlich verblendeter Sohn eines Nazis.

Die "Wahrheit", nach der laut Untertitel gesucht wird, ist gleichzeitig das stärkste und schwächste Element des Buches. Zwischen 1945 und 1949 schlägt sich Otto Wächter, auf zahlreichen Fahndungslisten stehend, mit falschem Namen zwischen Österreich und Italien durch, arbeitet als Statist beim Film und Mittelsmann zwischen verschiedenen Fraktionen - alten Nazis, dem Vatikan, Geheimdiensten. Eine Schlüsselfigur ist Bischof Alois Hudal, der auch Josef Mengele und Walter Rauff zur Flucht verhilft.

Unterstützt wird Wächter dabei von seiner Ehefrau, mit der er in kodierten Briefen kommuniziert. Der narrative Haken, an dem Sands dieses komplizierte Netz aufwickelt, ist die Frage nach Wächters plötzlichem Tod nach einer Infektion: Wurde er vergiftet, und wenn ja, von wem? Sands' Nachbar John le Carré bringt jüdische Rache ins Spiel, Sohn Horst glaubt an die Sowjets, die in seiner Vorstellung seinen Vater als "gefährlichen Antibolschewisten" fürchteten. Die Geheimniskrämerei um Wächters Todesursache und die Cliffhanger an Kapitelenden sind der anderen Teile des Buches etwas unwürdig, das hat vielleicht auch Sands selbst gemerkt und bläst keine allzu großen Fragezeichen auf.

Dass es das große Rätsel überhaupt geben muss, hat mit dem Genre zu tun. Sands hat die Geschichte bereits 2018 im BBC-Podcast "Intrigue" erzählt. Als Dokumentarhörspiel funktioniert seine verzweigte Recherche sehr gut, das Format verzeiht Reporterklischees noch eher. Als Buch wirken die Schnitte zwischen erzählter Geschichte und gegenwärtiger Recherche oft eher unstrukturiert oder behäbig.

Mit bedeutungsschweren Epigrammen und ausufernden, unordentlichen Erzählschleifen verspricht "Die Rattenlinie" eine intellektuelle und moralische Komplexität, die letztlich nicht eingelöst wird. Das liegt vielleicht am Format, vielleicht an Sands' Erzählhaltung, aber vielleicht auch einfach an den Wächters selbst.

Möglicherweise sind Nazis einfach nicht komplex, und jeder Versuch, sie als komplex zu erzählen, scheitert spätestens dann, wenn Überbau auf banale Realität trifft. Das ist jedenfalls die Erkenntnis nach Lektüre des Buches. So ist Sands doch noch auf eine tiefere Wahrheit gestoßen.

Philippe Sands: Die Rattenlinie. Lügen, Liebe und die Suche nach der Wahrheit. Aus dem Englischen von Thomas Bertram. S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main, 2020. 544 Seiten, 25 Euro.

© SZ/fxs
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