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Nachruf auf Philippe Jaccottet:Zu immer ferneren Himmeln

Philippe Jaccottet 6 avril 2004 AUFNAHMEDATUM GESCHÄTZT PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY Copyr

Philippe Jaccottet wurde 1925 in der Westschweiz geboren, er schrieb auf Französisch.

(Foto: imago stock&people/imago/Leemage)

Der Lyriker, Essayist und Übersetzer Philippe Jaccottet ist mit 95 Jahren gestorben.

Von Joseph Hanimann

Der poetische Ausdruckswille, jene aus einer inneren Gestimmtheit nach außen drängende Kraft der Formsuche, ging ihm vollkommen ab. Eher ließ er sich von der Welt um ihn herum einstimmen. "Gewollt", schrieb der so diskrete wie bedeutende Dichter Philippe Jaccottet im Jahr 2002, habe er im Grund nie wirklich etwas in seinem Leben - außer vielleicht so wenig wie möglich zu mogeln. Das hieß für ihn, Widerstand zu leisten gegen die Versuchung der Eloquenz wie gegen die Reize des Ornaments, gegen die gebieterischen Vereinfachungen des Intellekts wie gegen den falschen Glanz des Okkultismus.

Das dichterische Subjekt war bei Jaccottet vor allem ein feiner Resonanzkörper, der das Flimmern ferner Berggipfel, den Schein verwaschener Steine und zertretener Blumen am Wegrand, den Klang fremder Texte, das Rätsel eigener Gedanken, die Botschaft unbekannter oder vertrauter Gesichter aufnahm und weitergab. Darum gab es zwischen dem dichterischen Werk, den Übersetzungsarbeiten und den literarischen Studien des umgänglichen Einsiedlers von Grignan keine Brüche.

Von 1953 an wohnte der 1925 im westschweizerischen Moudon geborene Jaccottet zusammen mit seiner Frau, der Malerin Anne-Marie Jaccottet, in einem großen Steinhaus am Nordrand der Provence, den Bergen näher als dem Meer. Nach einem Aufenthalt als Verlags- und Zeitungskorrespondent in Paris unmittelbar nach dem Krieg hatte er sich in der vormediterranen Landschaft der Drôme niedergelassen, deren Hochtäler, Flussläufe, Himmel und wechselnde Pflanzenstände mehr paradigmatisch als regionalistisch sein Werk durchziehen. Bei aller Zurückgezogenheit blieb Jaccottet der literarischen Welt aber nicht fern, sondern verfolgte deren Entwicklung, empfing bereitwillig Besucher und wurde in den späteren Jahren zu einer anerkannten Autorität. Ehrungen wie der Johann-Heinrich-Voss-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung (1966), der Friedrich-Hölderlin-Preis (1997) und der internationale Prix mondial Cino Del Duca (2018) bezeugten das.

Aus der schläfrigen Stadt, dem dunklen Meer dringt ein Murmelton

Zu den großen ästhetischen Bewegungen seiner Zeit hielt er eine aufmerksame Distanz. Der Surrealismus erschien ihm zu sehr System, der Existenzialismus zu aufgeregt, der Nouveau Roman interessierte ihn, als Erfahrung für andere. Abseits von Schulen und Moden pflegte er selbst in seinen Gedichten wie in seinen Übersetzungen von Hölderlin, Rilke, Musil, Ungaretti, Mandelstam, aber auch von Homers "Odyssee" jene Straffheit des Gedankens und Eleganz des Ausdrucks, die auch seine literarischen Essays auszeichnet. Dichten, Übersetzen, Vermitteln war für ihn gleich wichtig, seit er in jungen Jahren vom waadtländischen Dichter Gustave Roud in die Originaltexte von Novalis, Hölderlin, Trakl, Rilke eingeweiht wurde.

Schon in der 1953 erschienenen Gedichtsammlung "L'Effraie" ("Das Käuzchen", mit einem semantischen Anklang von "Das Schrecknis") war der bezaubernd unheimliche Murmelton zu hören, der aus der schläfrigen Stadt, dem dunklen Meer oder dem noch vogellosen Wald ins dichterische Subjekt eindringt. "Weitergeben", flüsterte auch später in einem Gedicht in dem Band "Nach so vielen Jahren" (1998) eine Stimme dem Fantasierenden ins Ohr, und sie enthielt eigentlich "keine Worte, keine Botschaft", sie war "nichts als ein Gemurmel dicht über dem Boden, ein klein wenig höher als mein Kopf, am Straßenrand".

Das war zeitlebens die Aktionshöhe von Jaccottets Schaffen: kein Wurzeltreiben in einer erträumten Wahlheimat und kein Ewigkeitsrausch auf vagen Berggipfeln. Der Dichter blieb ein "passeur": sorgfältig und leise im Weitervermitteln der russischen Weiten Dostojewskis aus dem "Osten des Herzens", der Farbspiele eines blühenden Kirschbaums direkt vor dem Haus, oder der winterlichen Verschwiegenheit der Stillleben von Giorgio Morandi ("Der Pilger und seine Schale", 2001).

2014 wurde sein Gesamtwerk in die "Bibliothèque de la Pléiade" aufgenommen

Die protestantische Nüchternheit von Jaccottets Westschweizer Herkunft, die früh vom poetischen Aufschrei Arthur Rimbauds und einem "etwas oberflächlichen Gefallen an der Hölle" durchkreuzt wurde, war über die Jahre zu einer skeptisch glühenden Welteinstellung gereift, nicht weit von einem religiösen Gefühl. Anlässlich einer Reise in den Nahen Osten notierte der Dichter 1993 sein Befremden vor dem religiösen Eifer an Klagemauer und Tempelberg, gleichzeitig aber auch seine Empfänglichkeit für den Ruf des monotheistischen Gottes: Autoritäre Wahrheiten führen nicht nur ins Verbrechen, sondern auch an die Grenzen der menschlichen Schaffenskraft. Dabei spricht Jaccottets Werk umso leiser, je höher die Themen liegen.

Neben den Gedichtsammlungen gehören dazu auch mehrere Bände mit Prosaaufzeichnungen, in denen sich Anekdotisches mit Bedeutsamem kreuzt. In den Jahren 1968 und 1987 erschienenen zwei Bänden mit Lesekommentaren, in denen Philippe Jaccottet im Spiegel anderer Autoren wie Claudel, Ramuz, Ponge, Mandelstam Züge seiner eigenen Poetik skizzierte. Dichtung sei demnach nicht Selbstzweck, sondern eine "halb geöffnete, oft schnell sich wieder schließende Tür zu einer tieferen Realität". 2009 fand er mit 84 Jahren einen Endpunkt in seinem Schreiben. 2014 wurde sein Gesamtwerk in die Bibliothèque de la Pléiade aufgenommen und damit zum Klassiker, was wenigen Schriftstellern zu Lebzeiten widerfährt. Zuletzt erschien auf Deutsch noch sein Gedichtzyklus "Gedanken unter den Wolken" (Wallstein Verlag, 2018) und die Sammlung später Prosa und Gedichte "Die wenigen Geräusche" (Hanser, 2020), jeweils übersetzt von Elisabeth Edl und Wolfgang Matz. "Die wenigen Geräusche, die noch vordringen ins Herz", heißt es in den titelgebenden Versen: "Keine Klagen jedoch, nichts, was die allerletzten Laute übertönen könnte; keine einzige Träne, die den Blick trübte auf den immer ferneren Himmel". Am 24. Februar ist Philippe Jaccottet mit 95 Jahren in Grignan, aus dem er sich nicht mehr entfernen wollte, gestorben.

© SZ/masc
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