Süddeutsche Zeitung

Dystopien:Zugriff verweigert

Philipp Schönthalers Roman "Der Weg aller Wellen" spielt in einer total technisierten Zukunft. Dabei wäre doch die Gegenwart interessant genug.

Ist es nicht praktisch, dass es Kalifornien gibt? Kalifornien, wo alles schon da ist: die Hitze, die Wüste, die Klimaanlagen, die großen Schlitten und die weiten Räume, die Wildnis, die alten Hippies, die verwirklichten Utopien und die transparenten Träume des digitalen Fortschritts, der uns immer glücklicher, vernetzter, kommunikativer macht, inkarniert in gläsernen Firmenzentralen, die Ufos gleichen und eigene Welten sind. Ringförmig ist die Zentrale, in welcher der Ich-Erzähler arbeitet, sie lässt uns sogleich an die neue Apple-Zentrale in Cupertino denken (und natürlich auch an Dave Eggers Bestseller "The Circle").

Aber Namen werden keine genannt. Alles ist offen und ein wenig vage, von kulissenhafter Ähnlichkeit mit einer Wirklichkeit, über die schon die Theorien des letzten Jahrhunderts sagten, sie sei nicht real, sondern simuliert, von Medieneffekten durchdrungen. "Der Weg aller Wellen" beginnt mit einem Motto von Paul Virilio: "- denn wir sind alle Wellen." Der neue Roman des 1976 in Stuttgart geborenen Schriftstellers Philipp Schönthaler enthält neben markierten Zitaten auch viele versteckte, eingearbeitet in Dialoge oder Monologe, wie etwa den Titel der Autobiografie von Andrew S. Grove, dem aus Ungarn emigrierten Mitbegründer von Intel: "Nur die Paranoiden überleben" ("Only the Paranoide Survive").

Dass die Angst vor Verfolgung, gerade, wenn sie zum Wahn wird, einmal ein cooles literarisches Stilmittel war, lässt einen vom heutigen technischen Stand aus fast nostalgisch werden. Das Werk Thomas Pynchons etwa ist ohne den Begriff der Paranoia nicht zu denken. Paranoia und Utopie waren lange Jahre verschwistert. Wo der eine Begriff fiel, war der andere nicht weit.

Die Autorisierung per Handvenenerkennung schlug fehlt, aber was soll's

Die Lage, die Philipp Schönthaler mit seinem Roman zu fassen versucht, wirkt zunächst harmloser. Dem Erzähler ist eigentlich nichts Schlimmes passiert - außer, dass er nicht an seinen Arbeitsplatz kommt. Das könnte auch Anlass zur Freude sein: die Autorisierung per Handvenenerkennung schlug fehl, aber was soll's, das müsste sich eigentlich regeln lassen. Und vielleicht springen ein paar zusätzliche freie Tage heraus, so wie damals in der Schule.

Doch auch die Angst von damals ist sofort da, die Angst, isoliert zu werden oder sich durch eine Ungeschicklichkeit selbst isoliert zu haben: "Das Wissen darum, dass man die Schulkameraden zurückgelassen hatte, erzeugte das flackernde Gefühl eines ungeheuren Triumphs und war zugleich von der dumpfen Sorge begleitet, sich mit der Krankschreibung von den anderen abzunabeln. In der Vorstellung, den Rest des Tages allein zu verbringen, hatten Freiheit und Furcht sich zu einem dumpfen Knäul verklumpt und im Magen festgesetzt und dort bis in den späten Nachmittag als dunkle Materie gebrütet."

Gerade die Lächerlichkeit des Problems hindert ihn daran, es zu lösen (falls es sich lösen lässt). Ein bisschen mehr Durchsetzungsfähigkeit an der "Schleuse", an der ein herbeigerufener externer Wachdienst, den er zuvor noch nie wahrgenommen hat, sich für nicht zuständig erklärt, ein paar deutlichere Worte, als der Vorgesetzte per Smartphone auf das bevorstehende Meeting hinweist, etwas mehr Geduld, bis sich Kollegen um das Problem kümmern, und es wäre bei einer kleinen Irritation geblieben.

Oder steckt mehr dahinter? Die Furcht wächst sich aus. Und so verwickelt er sich immer weiter in eine kafkaeske Situation. Wohin er auch gerät, seinen Gesprächspartnern fallen schlaue Sachen ein - und seinen Gesprächspartnerinnen erst recht -, er selbst aber verliert jede Souveränität. Er reagiert nicht auf Nachrichten, nicht einmal auf die Anrufe seines Vorgesetzten, schon die Vorstellung, kommunizieren zu müssen, löst Stress aus. Seine Bank entzieht ihm die Bonität und verändert die Konditionen des Kreditvertrags. Die Mitarbeiterin am Telefon sprudelt Beschwichtigungsformeln hervor, aber ändern kann sie die Sache nicht. Er steigert seine Dosis Ritalin, beginnt exzessiv im Fitnessstudio seines Apartmentkomplexes zu trainieren. Doch irgendwann schlägt dann selbst an seinem Apartment die Identifizierung fehl. Zunächst helfen Tricks, bis er aufgibt und sich ein Auto kauft, um von der Westküste an die Ostküste zu fahren. Fahren, fahren, fahren - im Land der unbegrenzten Möglichkeiten immer die ultimative Lösung.

Was ist schlimmer, von anderen ausgeschlossen zu werden oder Opfer eines technischen Effekts zu werden, der sich dem Verstehen entzieht? Die Ursache der fehlgeschlagenen Identifizierung (insofern man in diesem Zusammenhang von Ursache sprechen kann), könnte ein unvorhersehbares Phänomen sein, das man mit einem Begriff aus der Raumfahrt "Glitch" nennt. Das wäre eine rationale Erklärung und ein dringender Hinweis darauf, solche Dinge auf keinen Fall persönlich zu nehmen.

Leichte Verwischungen der realen Verhältnisse, eine Mischung aus Strebertum und Ängstlichkeit

Aber was ist damit gewonnen? Wenn sich niemand dafür interessiert, die Sache in Ordnung zu bringen, endet die betroffene Person als statistischer Kollateralschaden: Es ist billiger, solche Fehler in Kauf zu nehmen, als sie zu eliminieren. Was bedeuten diese Effekte? Stehen sie für absolute Kontingenz oder für das, was man früher Schicksal nannte?

In der deutschsprachigen Literatur wird seit einigen Jahren eine Zunahme von Dystopien beobachtet, von negativen Zukunftsentwürfen. Die Vorstellung, die Dinge könnten sich zum Besseren wenden, ist fast vollständig aufgebraucht. Oder sollte man sagen: war fast aufgebraucht? Momentan sieht es so aus, als werde aus den weltweiten Klima-Demonstrationen eine Gegenbewegung, mit der sich die Stimmung ändert. Das wäre dann das, was der Soziologe Ulrich Beck, Denker der Risikogesellschaft und unerschütterlicher Optimist, in seinem letzten, posthum edierten Buch, "Die Metamorphose der Welt", erhoffte: dass die "Anerkennung des globalen Klimarisikos" zu neuen Emanzipationsbewegungen führt.

Im Lichte dieser Überlegung sieht man umso klarer, was es mit den Dystopien auf sich hat. Anders als in der amerikanischen Tradition, etwa bei Cormac McCarthy, Colson Whitehead oder der Kanadierin Margret Atwood, sind die deutschsprachigen Dystopien keine wüsten Untergangsfantasien mit Splatter-Elementen, die alles an Komik aufbringen, was der Untergang so hergibt. Es sind eher zahme Fortschreibungen der Gegenwart, leichte Verwischungen der realen Verhältnisse, eine Mischung aus Strebertum und Ängstlichkeit.

Ein paar Nerd-Kenntnisse, einige nicht markierte Zitate, und schon hat man Distinktionsmerkmale generiert. Nur Eingeweihte erkennen dann, dass sie von Steve Jobs, dem Paypal-Gründer und Facebook-Investor Peter Thiel oder von Marc Zuckerberg stammen, dessen Geschäftsstrategie persönlicher Identifizierung und Adressierbarkeit in der zweiten Hälfte von Schönthalers Roman ausgiebig zu Wort kommt - allerdings aus dem Mund eines hippiesken Unternehmers, der bessere Tage gesehen hat. An einem stinkenden "Lake", hinter dem man den Lake Salton vermuten darf, baut er energieeffiziente Serverfarmen und lässt die bunte Truppe, die sich um ihn versammelt hat, auch ökologisch und sozial experimentieren.

Der namenlose Ich-Erzähler der ersten Hälfte taucht im Bericht einer Ich-Erzählerin nun als "Ringer" auf, der ein halbes Jahr dort strandete, aber schon wieder verschwunden ist. Die "Ästhetik des Verschwindens", eine der Metaphern von Virilios Dromologie, wütet überall. Aber wurde nicht längst das "Grand Hotel Abgrund", wie Georg Lukács die Frankfurter Schule nannte, zu einem komfortableren Hotel ausgebaut, dem "Grand Hotel Apokalypse"? Denn der Apokalyptiker ist immer im Vorteil: bleibt die Katastrophe aus, wird ihm das niemand vorwerfen, trifft sie ein, hat er wenigstens recht gehabt.

Ein in die Zukunft verschobener Realismus hat den Vorteil, vage bleiben zu können

Die unterschiedlichen Romane von Jan Brandt, Dorothee Elmiger, Roman Ehrlich, Leif Randt, Nis-Momme Stockmann, Julia von Lucadou, Matthias Nawrat oder Josefine Rieks, um nur einige zu nennen, kann man nicht über einen Kamm scheren. Sie haben ihre Qualitäten, und zwar vor allem dann, wenn sie Technik als Handlungselement benutzen, um ihr eigenes Ding zu drehen. Wenn Josefine Rieks in "Serverland", einem Zukunftsroman mit Roadnovel-Elementen und einer an Arno Schmidt angelehnten Vintage-Ästhetik, fantasiert, das Internet sei abgeschaltet worden, dann ist gerade die Chuzpe reizvoll, mit der sie auf weitschweifige Erklärungen verzichtet und ihre Figuren auf freiem Feld agieren lässt. Disruption einmal anders.

Wollen Dystopien wirklich warnen, wie man gemeinhin annimmt? Oder sind sie nicht eher ein Spielfeld, auf dem die Literatur überwintert, bis es sich lohnt, aus der Deckung zu gehen? In gewisser Weise ist die Dystopie die Nachfolgerin der Avantgarde, die sich auch von den Zwängen des Realen und des Sinns befreien wollte. Ein leicht in die Zukunft verschobener Realismus hat den Vorteil, vage bleiben zu können, auch in Hinsicht auf zukünftige Entwicklungen.

Aber ist das wirklich ein Vorteil? Dass Romane, die in der Gegenwart spielen, immer Gefahr laufen, veraltet zu sein, weil die Technik die Karten während des Schreibens neu mischt, muss keine Zwangslage sein. Schließlich verstehen wir auch die Romane des 19. Jahrhunderts, ohne dass wir uns ständig überlegen, warum Anna Karenina sich vor einen Zug und nicht vor ein Auto wirft. Die Erzählbarkeit der Gegenwart steht nicht zuletzt in der unendlichen Vielfältigkeit zur Disposition, mit der verschiedene Menschen die vermeintlich gleichen Gadgets verwenden. Was für ein gefundenes Fressen für die Beschreibungskunst könnte allein die unterschiedliche Nutzung des Smartphones sein. Denn es stimmt ja nicht, dass alle den ganzen Tag mit gesenktem Nacken auf seiner Oberfläche herumwischen. Mag es morgen schon ein anderes Gerät geben, das wir uns heute noch nicht ausdenken können: allein in den Schattierungen von Erreichbarkeit, Reizbarkeit, Sprach- und Bilderwitz, Gruppenkonstellationen und Lappalien-Kommunikation sind eine Vielzahl von Charakterisierungs- und Vernetzungsmöglichkeiten eingebaut, die geistesgegenwärtigen Realismus auf der Höhe der Zeit erfordern.

Wo sind die Gegenwartsromane, die das in die Figurenkonstellation einbeziehen, wie beispielsweise Jonas Lüscher in "Kraft" oder Lukas Bärfuss in "Hagard", ohne sich in den theoretischen Fallstricken zu verheddern? Philipp Schönthaler glückt es dort am besten, wo die kalifornische Landschaft seine Technikparabel unterstützt, wo er also Mythen und Formationen abrufen kann, die im kulturellen Gedächtnis des Westens ihre Bildkraft entfalten. Seine Hauptfigur ist dabei nur ein Spielball, nervös an Stellen, wo es längst keine Verschwörungen mehr gibt.

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Quelle:
SZ vom 05.08.2019
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