Süddeutsche Zeitung

Kolumne "Nichts Neues":Wen interessiert's?

Ach, dieser Makel, dieser menschliche Makel: Dem Philip Roth sein Biograf.

Von Johanna Adorján

Anfang April erschien in den USA eine umfangreiche Biografie über Philip Roth, Titel "Philip Roth". Ein paar Wochen später war zu lesen, dass das Buch von seinem Verlag, W. W. Norton, wieder vom Markt genommen werde, weil der Verfasser, ein gewisser Blake Bailey, von mehreren Frauen der Vergewaltigung beschuldigt wird. Seltsamerweise ist das Buch problemlos zu bekommen, jedenfalls hierzulande, sei es im Buchladen oder, für moralisch weniger Sensible, auf Amazon.

Eine unglaublich nervige Lektüre. Es geht hauptsächlich um das Sexleben von Philip Roth, über das Blake Bailey so pseudosachlich berichtet, als sei jeder Koitus des Schriftstellers für die Nachwelt von Bedeutung. Als ginge es uns etwas an, mit wem der Verfasser einer der schönsten Erzählungen des 20. Jahrhunderts ("Goodbye, Columbus", 1959) und vieler großer amerikanischer Romane in welcher Kalenderwoche etwas hatte. Oder auch nichts hatte: Mit Jackie Kennedy hatte er Bailey zufolge wohl nichts. Das scheint ihm erwähnenswert. Wie auch der Vaginismus einer Frau, mit der Roth als Student eine kurze Liaison hatte (und die der Biograf tatsächlich namentlich nennt), oder dass Roth mal in London mit einer Prostituierten mitging. Man würde sich nicht wundern, wäre die tägliche Ejakulationsmenge des Schriftstellers in Milliliter notiert.

Und alles, was der eilfertige Biograf zutage fördert, erscheint ihm gleichermaßen wichtig. Mehrmals bei der Lektüre, bei der es auch sehr lange um Philip Roths Kindheit geht (ja, auch er ging zur Schule), fühlt sich der Leser wie auf einer dieser Veranstaltungen, oft genug Lesungen, bei denen einen auf einmal mittendrin blitzartig die Angst durchfährt, dass sie vielleicht niemals endet. Weil es keinen Grund dafür gibt. Weil sie keiner erkennbaren Dramaturgie folgen. Weil sich bis in alle Ewigkeit alles mit einem weiteren "und" verbinden lässt. Und dann war dies. Und dann war das. Und dann das.

Blake Bailey bringt es mit allem, was er für interessant hält, auf 807 ziemlich großformatige Seiten. Hardcover. Nahezu unmöglich, das Buch länger als fünf Minuten in den Händen zu halten, physisch. Warum aber sollte man auch?

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