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Philanthrokapitalismus:Geld für die Welt

Mark Zuckerberg, Priscilla Chan

Sozial engagiert: Mark Zuckerberg und seine Ehefrau Priscilla Chan vor einem Auftritt in San Francisco.

(Foto: Jeff Chiu/dpa)

Warum unterstützen die großen Wohltäter aus dem Silicon Valley so gerne Bildungsprogramme? Wer sich die Projekte im Einzelnen ansieht, die etwa Mark Zuckerberg oder Bill Gates finanzieren, erkennt darin ganz klare Ziele.

Die Welt, in der Milliardäre ganz unverblümt daran arbeiteten, sie zu plündern, statt zu behaupteten, sie zu verbessern, war weit weniger verwirrend. Die Räuberbarone des Industriezeitalters wie Henry Ford, Andrew Carnegie oder John D. Rockefeller spendeten immer ein wenig von ihrem Reichtum für wohltätige Zwecke. Aber zwischen Wohltätigkeit und Profit gab es bei ihnen immer einen klaren Unterschied. Öl und Stahl brachten das Geld, Bildung und Künste halfen ihnen, das dann auszugeben.

Die Stiftungen der Stahl- und Ölmagnaten waren auch weder neutral noch unpolitisch. Die Projekte, die sie förderten, standen selten im Widerspruch zur US-Außenpolitik. Meistens vertraten sie die gleichen Werte von Modernisierung und Demokratie. Sie verfolgten einen zivilisatorischen Imperativ in ihrer Arbeit, der mitunter problematisch war. Einige Stiftungen bereuten sogar, dubiose Projekte finanziert zu haben, so wie die Rockefeller-Stiftung ihre fragwürdige Unterstützung für die indische Politik der Geburtenkontrolle durch Massensterilisierungen.

Die alten Stahl- und Ölmagnaten wie Carnegie und Ford machten nie einen Hehl aus ihrer Profitgier

Heute gehören zu den mächtigsten Konzernen der Welt fünf Technologie-Unternehmen, bei denen man kaum erkennen kann, wo ihre Geschäftstätigkeiten enden und die Wohltätigkeit anfängt. Als digitale Plattformen bilden sie die Grundlage für Industrien, das Bildungs-, Transport- und Gesundheitswesen. Damit haben sie ganz andere Möglichkeiten als die Öl- und Stahlmagnaten. Sie können als Wohltäter einfach weiter ihr Kernprodukt verkaufen. Zumeist ist das Hoffnung, verpackt in unendliche Datenmengen, Bildschirme und Sensoren. Um wohltätig zu sein, müssen Tech-Konzerne ihre Investitionen nicht aus ihrem Kerngeschäft abziehen. Ihr Kapital wird auf Posten verschoben, von denen sie langfristig auch selbst profitieren.

Die Chan-Zuckerberg-Initiative wurde von Mark Zuckerberg und seiner Ehefrau Priscilla Chan im Dezember 2015 gegründet, so hieß es, damit sie ihren Wohlstand mit der Welt teilen können. Die Initiative hat die Rechtsform einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung, ungewöhnlich für eine Wohltätigkeitsorganisation. Zuletzt kündigten die Gründer an, dass sie drei Milliarden Dollar spenden werden, um alle Krankheiten ausrotten zu können.

Betrachtet man, wie wenig Steuern seine Firma zahlt, kann sich Mark Zuckerberg das sicher leisten. In den britischen Steuerakten steht, dass Facebook 2015 Einnahmen von 210,7 Millionen Pfund erzielte. Darauf zahlten sie 4,17 Millionen Pfund Steuern, also zwei Prozent. Und das ist schon eine tausendfache Steigerung von dem, was sie 2014 zahlen mussten.

Hier von "Philanthrokapitalismus" zu sprechen, wie es viele tun, erscheint verfehlt. Denn die Wohltätigkeit der Tech-Konzerne hat wenig mit klassischer Philanthropie zu tun. Die philanthropischen Anstrengungen von Carnegie, Ford und Rockefeller muss man nicht bewundern. Aber ganz gleich welche politischen Ziele auch immer dahinter standen, sie waren nicht darauf ausgelegt, Profit zu generieren. Die alten Stahl- und Ölmagnaten wollten als Mäzene kein Geld verdienen. Und unsere neuen Tech-Barone? Zuckerbergs Spendenprogramm für das Gesundheitswesen hat eine zu kurze Geschichte, um das zu beurteilen. In Bildung investiert er allerdings schon länger. Nach einer privaten Spende in Höhe von 100 Millionen Dollar an Schulen in New Jersey investierte die Chan-Zuckerberg-Initiative in Unternehmen, die den Ausbau von Bildungsmöglichkeiten in Entwicklungsländern vorantreiben sollen. Die Initiative spendete für die Firma Andela. Das ist ein Start-up aus Lagos, das Programmierer ausbildet. Ähnliches tut auch GV, der Risikokapitalfonds, der zu Google gehört, sowie das Omidyar Network, ein ähnlicher Philanthropiefonds, der zu einem anderen Tech-Konzern gehört.

Zwanzig Ingenieure und Manager von Facebook helfen bei der Entwicklung der Lern-Software

Einige Wochen nach der Geldausschüttung an Andela verließ einer der Gründer das Unternehmen. So wie es aussieht, gründete er mit dem Geld von Zuckerbergs Initiative ein Start-up, das neue Zahlungsmethoden entwickelt. Es gibt offensichtlich viele gute Geschäftsgelegenheiten, wenn man die Welt rettet.

Dass man nie genau versteht, ob diese Investitionen aus Profitinteresse oder aus Eigeninteresse geschehen, ist kein Fehler, sondern ein wesentliches Merkmal. Der Gedanke hinter der Wohltätigkeit der Fords und Carnegies war es, für die Sünden eines raubgierigen Kapitalismus zu bezahlen. Die Logik, die Zuckerberg und Omidyar antreibt, besteht darin, uns zu zeigen, dass raubgieriger Kapitalismus viel Gutes tun wird, sobald er vollkommen entfesselt ist.

Die Chan-Zuckerberg-Initiative investierte auch in Byju, eine indische Firma, die eine App entwickelt hat, mit der Studenten eigenständig Naturwissenschaften und Mathematik lernen können. Das wirkt wie ein edles Unterfangen. Nur gab Zuckerberg selbst zu, dass ihn vor allem die Technologie interessiert hat, weil sie sich sehr stark auf personalisiertes Lernen verlässt, was nur möglich ist, wenn große Mengen von Nutzerdaten gespeichert und analysiert werden. Erinnert einen das nicht an das Geschäftsmodell eines großen Tech-Konzerns?

Der Schwerpunkt auf personalisiertem Lernen bestimmt auch ein anderes Bildungsprojekt, das von Zuckerberg unterstützt wird: die Lern-Software eines Unternehmens namens Summit Basecamp, für die nun mehr als zwanzig Facebook-Angestellte arbeiten, Ingenieure und Produktmanager helfen bei der Entwicklung. Die Folge davon, dass Zuckerberg so viel in Schulen investiert, ist auch, dass Summit Basecamp expandiert. Nach Recherchen der Washington Post wird die Software in mehr als 100 Schulen bereits 20 000 Mal verwendet.

Die Eltern der Schüler müssen hoffen, dass Summit Basecamp Wort hält und persönliche Daten der Schüler nicht weiter verwendet. Solche Versprechen wirken allerdings kaum glaubwürdiger als die Versprechen der Whatsapp-Gründer, dass nach der Übernahme des Konzerns durch Facebook keine Daten an Facebook weitergegeben werden. Einige Monate nach der Übernahme wurde dann verkündet, dass die Daten doch geteilt werden.

Sogenannte Charter Schools sollen die Konkurrenz im Bildungswesen beleben

Zusammen mit Bill Gates und Steve Jobs Witwe Laurene Powell Jobs investierte Zuckerberg auch in AltSchool, ein Start-up, das von einem ehemaligen Google-Manager gegründet wurde. AltSchool hievt personalisiertes Lernen auf ein ganz neues Niveau. Als wäre es von F. W. Taylors Verständnis von effizienter Arbeit inspiriert, sind die Klassenräume der AltSchool mit Kameras und Mikrofonen ausgestattet. Dadurch kann jede kleine Störung im Lernprozess analysiert und beseitigt werden. Die AltSchool will nun expandieren, indem sie Lizenzen für ihre Software verkauft.

Was heutzutage als Philanthropie gilt, ist häufig nur ein geschickter Versuch, Geld mit Technik zu verdienen. Die rational, unternehmerisch und quantitativ denkenden Unternehmer wollen damit neue Bereiche personalisierter Daten erschließen. Diese Form des Lernens kommt den großen Unternehmensberatungen und Tech-Konzernen natürlich entgegen. In einer Reportage über die AltSchool im New Yorker wurde erwähnt, dass die Schüler dort die "Ilias" von Homer lesen und mithilfe einer Tabelle markieren, wie oft das Wort Rache im Text vorkommt. Solche Schulen werden exzellente Wirtschaftsprüfer ausbilden. Für Dichter scheinen sie eher ungeeignet zu sein.

Die Silicon-Valley-Elite unterstützt außerdem das System der Charter Schools. Das ist ein seit Langem betriebener Versuch, mehr Konkurrenz ins Bildungssystem zu bringen, indem man Schulen fördert, die privat betrieben, aber zugleich öffentlich finanziert werden. Technologie-Milliardäre von Bill Gates bis Mark Zuckerberg unterstützen dieses System lautstark. Es wäre nicht überraschend, wenn sie ihre Big-Data-Waffen als Argument dafür verwenden, dass das traditionelle Bildungssystem komplett saniert werden müsse.

Man muss vorsichtig sein, damit man nicht dem Stockholm-Syndrom verfällt und mit den Konzernen sympathisiert, die unsere Demokratie kidnappen wollen. Zum einen ist es nicht überraschend, dass der öffentliche Sektor so wenig innovativ ist. Große Tech-Konzerne zahlen eben auch wenig Steuern. Allerdings gewähren wir der Privatwirtschaft einen Vorsprung, indem wir ihre Technologien benutzen. Dadurch stellen Tech-Konzerne immer aufs Neue sicher, dass die Öffentlichkeit elegante und zugleich privatisierte Technologie-Lösungen nicht ganz so perfekten, aber dafür öffentlich getragene Lösungsmodellen vorzieht.

Dass wir nicht länger zwischen Philanthropie und Risiko-Investment unterscheiden können, gibt Anlass zur Sorge, nicht zum Feiern. Die Silicon-Valley-Elite ist sehr scharf darauf, die Welt zu retten. Doch wer rettet die Welt vor dem Silicon-Valley?

Aus dem Englischen von Lukas Latz