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Zum Tod von Philip Spector:Zwischen Genie und Wahnsinn

Spector

War so produktiv wie selbstzerstörerisch: Phil Spector.

(Foto: AP/AP)

Phil Spector hat die "Wall of Sound" erfunden und fast alles erschaffen, was groß und heilig ist in der Popmusik - und dann sein Lebenswerk zerstört. Nun ist er im Gefängnis an den Folgen einer Corona-Infektion gestorben.

Von Willi Winkler

Keiner hat größere Monster-Hits geschaffen, und niemand hat sein Lebenswerk gründlicher zerstört als der Teenie-Schmalzier, Studio-Diktator und Kokser Phil Spector, der Schöpfer von fast allem, was groß und heilig ist in der Popmusik: "Be My Baby" von den Ronettes, "River Deep, Mountain High" von Ike und Tina Turner, "Imagine" von John Lennon, "You've Lost That Loving Feeling" von den Righteous Brothers, "All Things Must Pass" von George Harrison, "Death of A Ladies' Man" von Leonard Cohen.

Aber er war rabiat nicht nur in seiner Musik, sondern saß bis zuletzt auch wegen Totschlags im Gefängnis. Mehrmals soll er im Lauf seiner jahrzehntelangen im Studio geschossen haben, wenn die Musiker nicht den Sound zustande brachten, der ihm vorschwebte, und dann, am Ende seiner musikalischen Karriere, erschoss er die Schauspielerin Lana Clarkson, und verbrachte die letzten 17 Jahre seines Lebens in einem Gefängnis in Kalifornien, wo er am Samstag im Alter von 81 Jahren an Covid-19 starb.

Jedem Triumph folgte ein Absturz

Spector kam 1939 in der Bronx zur Welt, spielte ein bisschen Gitarre in der Schule und gründete eine Band mit dem Namen Teddy Bears, der mit dem einschmeichelnden "To Know Him Is To Love Him" 1958 ein mittlerer Hit gelang. Der Titel war angeblich vom Spruch auf dem Grabstein seines Vaters inspiriert. Spectors Talente lagen jedoch in der Produktion. Er fing an, in der Schlagerfabrik Tin Pan Alley zu arbeiten, gerade lange genug, um die Tricks der Hitfabrikation zu lernen. Bald bekam er sein eigenes Label, Philles Records, und begann in einem nie gehörten Bombast-Stil "kleine Symphonien für Teenager" aufzunehmen. So bezeichnete Tom Wolfe, der 1965 ein legendäres Porträt des "ersten Tycoons der Teenager" zusammenfabulierte, die Kompresswerke, die in zwei bis dreieinhalb Minuten alles an Pubertätsleid und -leidenschaft zwischen himmelhochjauchzend und tiefstbetrübt erfassten.

Schon da erschien Spector als paranoider Wahnsinniger, der aus den Musikern, den Sängerinnen und den technischen Möglichkeiten des Studios mehr herausholte, als überhaupt drinsteckte. Er ließ Geigen schmalzen und die Bläser jauchzen, Tina Turner musste sich die Seele aus dem Leib brüllen und das alles musste gegen die Wall of Sound prallen, was dann hundertfach verstärkt auf den Platten landete, die unbedingt in Mono gehalten sein mussten.

Weil in der klassischen Erzählung die Kunst naturnotwendig mit dem Unglück verschwistert ist, heiratete er seinen Star Ronnie Spector und sperrte sie karrieretötend zu Hause ein. Die Beatles holten ihn raus, Dennis Hopper drehte "Easy Rider" mit ihm, die Ramones erhofften sich seinen Glanz für ihre Platten: jedem Triumph folgte ein Absturz ins halbe Vergessen, und dann kam der Mord.

Wenn, wie der Rock'n'Roller Bill Shakespeare wusste, Musik der Liebe Nahrung ist, dann spielt Phil Spector jetzt, verstorben und erlöst von aller Erdenschwere, im überirdischen Tonstudio weiter, waffenlos zum Glück und entwaffnend himmlisch.

© SZ
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