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Comeback in London:Collins ist einer der intelligentesten Popmusiker, die es gibt

Nach der Pause legt er zum Beispiel mit "I Don't Care Anymore" von seiner zweiten Soloplatte los, tatsächlich eines seiner besten, zornigsten Stücke, das auf nicht viel mehr basiert als auf einer bolerohaften Schlagzeugfigur, und von seinem Sohn lässt er sich für die Ballade "You Know What I Mean" von seinem ersten Album "Face Value" alleine am Klavier begleiten.

Es sind ausgerechnet diese Nicht-Hit-Momente, in denen klar wird, dass die Popkritik über keinen Künstler verlässlich einen derartigen Mist zusammengeschrieben hat wie über Collins, vor allem in den 80ern, als man den Leuten empört abriet und stattdessen die ewige Weltbedeutung von Les Rita Mitsouko und John Lurie and The Lounge Lizards beschwor, um mal nur zwei Darlings zu nennen, nach denen aus unerfindlichen Gründen kein Hahn mehr kräht, während Collins von sämtlichen jungen R&B- und Rap- und HipHop-Helden maßlos verehrt wird. Es sei höchste Zeit, anzuerkennen, dass Phil Collins der einflussreichste Pate der populären Kultur ist, gestand vor zwei Jahren schließlich per Kniefall der Guardian.

Das ist wohl schlicht wahr, ob man den Mann nun mag oder nicht, und ersichtlich wird an diesem Abend, an dem er nun mal nicht den Entertainer geben kann, sondern auf sich selbst als vortragender Künstler zurückgeworfen ist in seinem Sessel, dass der beispiellose Erfolg seiner immergrünen Klassiker einen einfachen Grund hat: Phil Collins hat einige sehr große Songs geschrieben, er ist einer der intelligentesten Popmusiker, die es gibt - und in seinen ersten beiden, zeitlosen Soloalben "Face Value" und "Hello, I Must Be Going" liegt das Fundament, hier war alles angelegt: ein berstendes Songwritertalent, der Jazz, der Soul, die Hochbegabung, eine tatsächlich ungeheure Spannung in einem paarminütigen Drama zu erzeugen. Nein, Phil Collins ist nicht Chris de Burgh.

Mit "Take Me Home" endet der Abend. Ein kurzer Wink mit dem Stock. Ein Griff ans Herz: Denn da genau spielte nun mal stets diese Musik.

Dann geht er ab, langsam, gestützt. In London spielt er nun vier Abende lang weiter, es folgt eine weitere En-suite-Woche in Köln, es folgt ein Auftritt vor Hunderttausenden im Hyde Park, es ist alles ausverkauft. Im Hyde Park? Vor 300 000 Menschen auftreten, in einem Bürosessel sitzend? Es muss dies endlos anstrengend sein für Phil Collins. Und dementsprechend wichtig. Er war immer einer der größten Selbstironiker im Pop. Aber an diesem Sonntagabend ist es ihm mit seiner Botschaft todernst: I am not dead yet.

Die Leute in London sind sehr gerührt. Der Mann kann kaum noch gehen - aber wieso sollten sie ihn gehen lassen? Es ist ja auch ihr Leben.

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