Süddeutsche Zeitung

"Phantastische Tierwesen" im Kino:"Phantastische Tierwesen" - charmanter und unberechenbarer Blockbuster

J.K. Rowling erweitert ihr Harry-Potter-Universum - ganz ohne den Zauberlehrling. Ihr Fantasy-Abenteuer "Phantastische Tierwesen" ist nah dran am Amerika der Hassredner.

Filmkritik von Annett Scheffel

Zu Beginn des Films steht der Magizoologe Newt Scamander (Eddie Redmayne) an Deck eines Atlantikdampfers und blickt auf die Wolkenkratzer Manhattans, auf eine neue Welt, die in goldenem Licht erstrahlt.

Der verhuschte und überaus kauzige englische Zauberer, der Forschung und Artenschutz von Fabelwesen betreibt, kommt Mitte der Zwanzigerjahre mit seinem magischen Lederkoffer nach New York. Den muss er irgendwie durch die Immigrationskontrolle auf Ellis Island schmuggeln, denn darin verwahrt er jene "Phantastischen Tierwesen", die diesem Film seinen Titel geben. Und von denen werden bald ein paar besonders schräge Exemplare ausbüxen und die amerikanische Magiergemeinschaft mächtig in Bedrängnis bringen.

Was man hier zu sehen bekommt, ist nicht nur eine neue Geschichte der Harry-Potter-Erfinderin J. K. Rowling, die ganz ohne Harry Potter auskommt, sondern auch ein großer Schritt heraus aus der Kinderwelt von Hogwarts und hinaus in die dunklere und, nun ja, echtere Welt, wenn man so will.

Ihre Potter-Romane hatte sie noch von versierten Hollywoodautoren fürs Kino adaptieren lassen, nun gibt sie ihr Debüt als Drehbuchautorin. Darin zeigt sie sich nicht nur als wunderbar einfallsreiche, vielleicht beste Fantasy-Fabulierkünstlerin unserer Zeit, sondern auch als begabte Kinoautorin jenseits der Romanform. Das ist eine sehr beruhigende Nachricht, denn nach dem finanziellen Erfolg der Potter-Filme, wollte das Studio Warner Brothers so schnell wie möglich neue Storys aus der Zauberwelt und hat bereits jetzt vier weitere Folgen der "Tierwesen" angekündigt.

Man könnte meinen, dass eine neue Rowling'sche Filmreihe unter diesem zentnerschweren Dollardruck nur allzu leicht den Irrwegen der endlos durchexerzierten Blockbuster-Variationen von Sequels und Prequels anheimfallen müsste. Aber ihre neueste Erfindung ist stets ein bisschen charmanter und unberechenbarer als die meisten anderen Blockbuster des Jahres.

Der Film, bei dem abermals David Yates Regie führte (wie bereits bei den letzten vier "Harry Potter"-Filmen), spielt in derselben Welt, nutzt aber nur ein winziges Detail der Originalbücher als Portal in eine neue Geschichte und Zeit. Das New York, das Newt Scamander mit glänzenden Augen betritt, ist das der Roaring Twenties, der Jazz-getriebenen Geschäftigkeit und zwielichtigen Flüsterkneipen. Scamander, dieser magische Tierwesen-Experte, wird später sein gesammeltes Wissen in ein Lehrbuch für Zauberschüler gießen: "Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind". Dieses fiktive Sachbuch tauchte in den Potter-Romanen als Schullektüre auf, wurde 2011 sogar als Merchandise-Artikel für Fans aufgelegt. Nun ist es Rowlings Ticket in einen weit entfernten Teil ihres Zauberuniversums, das sich scheinbar endlos ausdehnen lässt.

Im wilden New York der Jazz-Ära leben die Magier mitten unter den Menschen - ein Hexenkessel

Das Beste an dieser Erweiterung ist wohl, dass die Geschichten erwachsen geworden sind. Erst wenn man dem Magizoologen dabei zusieht, wie er mit seinem Pinguingang durch die quirlige Metropole watschelt, begreift man vollends, wie beengt und hermetisch die Internatswelt von Harry Potter eigentlich war. Im alten New York leben die Hexen und Zauberer im Geheimen mitten unter den Menschen, die in Amerika nicht mehr Muggel, sondern No-Majs heißen, Nicht-Magier. Erst durch die Reibung zwischen diesen beiden Welten, durch die Berührung des Zauberhaften mit dem Alltag, wird es richtig spannend.

Rowling arbeitet passenderweise ein paar Verweise auf aktuelle Entwicklungen ein. Der Zuschauer trifft auf ein Amerika der gesellschaftlichen Spaltung und Angstmacherei. Eine rassistische Gruppierung macht in populistischen Hassreden Stimmung gegen Zauberer, weswegen der Magische Kongress der Vereinigten Staaten ständig seine Enttarnung fürchtet. Das Fantasy-Abenteuer wird zur düsteren Gegenwartsparaphrase auf den gesellschaftlichen Hexenkessel.

Johnny Depp spielt den Zauberer Grindelwald in der Tradition von Lord Voldemort

Seit Kurzem treibt ohnehin schon eine unbekannte Macht in Form einer schwarzen Materienwolke ihr Unwesen in den Straßen. Da kommen die Tierwesen des Newt Scamander natürlich überhaupt nicht recht: ein Niffler, ein putziges, diebisches Schnabeltierdings oder ein riesiger goldener Donnervogel. Rowling wäre aber nicht Rowling, wenn es ihr nicht in allererster Linie um die Details und die Figuren ginge. Letzteren merkt man ihre tiefe Liebe für Schrulligkeiten und Skurrilitäten an.

Mit seinem Spitzbubenlächeln ist Eddie Redmayne fabelhaft in der Rolle des schüchternen Tierforschers. Ebenso Dan Fogler, der als menschlicher Muggel-Sidekick für Situationskomik sorgt. Er spielt den tollpatschigen Bäckermeister Kowalski, mit dem Scamander versucht, die entwischten Tierwesen wieder einzufangen. Er erweitert den Erfahrungshorizont des Zauberers durch eine sehr proletarische Sichtweise aufs Leben.

Gemeinsam mit einer Beamtin der Zauberbehörde und deren Schwester bilden sie ein Heldenquartett. Und weil bis 2024 noch vier weitere Filme folgen, wird schließlich noch ein neuer Chef-Bösewicht von der Liga eines Lord Voldemort eingeführt, Johnny Depp hat einen Kurzauftritt als fieser Zauberer Grindelwald. Aber wenn Rowling die Fortsetzungen so gelingen wie dieser Film, muss man sich wegen der Magierinflation keine Sorgen machen.

Fantastic Beasts and Where to Find Them, GB, USA 2016 - Regie: David Yates. Buch: J. K. Rowling. Kamera: Philippe Rousselot. Mit Eddie Redmayne, Katherine Waterston, Dan Fogler, Alison Sudol, Colin Farrell. Warner Bros. 133 Minuten.

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SZ vom 22.11.2016/doer
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