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Phänomen "Hipster":Auf die Haltung kommt es an

Der Hipster war einmal der Mensch, dem gegen alle Widrigkeiten das Unmögliche gelang, nämlich das richtige Leben im falschen zu führen. Der Hipster war der ganz selbstverständlich Wissende, einer, wie es in Mezz Mezzrows und Bernard Wolfes Buch "Really The Blues" aus dem Jahr 1946 heißt, "der Bescheid wusste, alles begriff, vollkommen geistesgegenwärtig" war.

Seinen Platz in der Weltliteratur erhielt er mit Norman Mailers 1957 erschienenen Essay "The White Negro - Superficial Reflections on the Hipster". Die Urszene darin ist das Gespräch eines schwarzen Hipsters mit einer jungen weißen Intellektuellen. Der Schwarze hat noch nie ein Buch zur Hand genommen, er hatte nichts von dem, was das Mädchen ihm erzählte, je gehört, und doch entwickelt sich ein gutes Gespräch: "Er fühlte ihren Charakter, indem er mit den Nuancen ihrer Stimme mitschwang."

Die geheimnisvollen Mysterien des Hip

Für Mailer war hip die "Kultur des weisen Primitiven in einem gigantischen Dschungel. Deshalb entzieht sich das Verständnis des Hip dem zivilisierten Bürger (...) Die Bürger würden ihre Republik lieber an die Russen als an die Hipsters fallen lassen, denn der sowjetische Sinn für Wissenschaft und rationale Prozeduren muss ihnen doch viel attraktiver erscheinen, als die ungenauen und geheimnisvollen Mysterien des Hip."

Als Gegenkultur darf man dieses Ur-Hipstertum dennoch nicht verklären. Im Gegenteil. Die politische Dissidenz brachten erst die Beats und Hippies in den sechziger Jahren ins Spiel. Das Hipstertum Mailers ist eher eine schlaue Überlebensstrategie in feindlicher Umgebung. "Der Hipster", schrieb der deutsche Jazzkritiker und Essayist Joachim Ernst Berendt 1977, "entstand in Amerika, denn erst dort wurde es für den Schwarzen notwendig, es in der weißen Welt zu ,machen' und trotzdem er selbst zu bleiben."

Das Gegenteil von hip war square, also alles Logische, Klassische, Ordentliche. Dave Brubeck war square, Thelonious Monk hip. Intuition und Instinkt sind wichtiger als provokativer Protest. Und eine effektive Verkleidung entscheidender als ostentative Authentizität. Lässigkeit bedeutender als Nachlässigkeit.

Der Schein bestimmt das Bewusstsein

Das gute, alte Hipstertum lässt sich genau deshalb nicht so einfach gegen seine vermeintlich degenerierte aktuelle Version in Stellung bringen. Abgesehen davon, dass nicht jeder, der das neue iPhone als erster besitzen will, ein Hipster ist, sind die Parallelen zu groß. Die Anschlussfähigkeit des Modells in einer Gegenwart, in der man auf dem Weg in die Opposition zur Gesellschaft auf so viel Bequemlichkeit verzichten müsste wie vielleicht noch nie in der Geschichte, ist unübersehbar. Der Hipster ist der Marginalisierte, der eigentlich nichts lieber hätte, als dabeisein zu dürfen. Er wird deshalb wie seine Vorfahren zum Strategen der Anpassung. Die wesentliche Lektion ist: Der Schein bestimmt das Bewusstsein.

Der Vorrang der Haltung vor der Überzeugung ist ihm deshalb nur verständlich. Und übrigens ebensowenig eine zeitgenössische Verfallserscheinung. Helmut Lethen hat in seinem Buch "Verhaltenslehren der Kälte" über Lebensversuche zwischen den beiden Weltkriegen darauf hingewiesen: "Gegen Ende der (Weimarer) Republik wird ,Haltung' - die auf Dauer gestellte Entscheidung - ins Zentrum der politischen Ethik gerückt. (...) Wer sich in die Entscheidung mächtiger Institutionen eingebettet hat, will durch entschiedene Haltung darauf hinweisen, dass er zumindest seiner eigenen Entscheidung gefolgt ist."

Als traumatisierten Helden muss man sich den Hipster aus einem anderen Grund vorstellen: Er wurde vom Nerd, dem Inbegriff des square, links überholt. Man sehe sich nur einmal auf einer TED- Konferenz um. Und die Nerds haben längst das Geld, um ihn aus seinen Vierteln zu verdrängen. So steht der einst stolze Hipster traurig da als Modeberater und Probewohner.

© SZ vom 17.07.2010/luc

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