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Phänomen "Hipster":Cool unter Coolen

Ob Williamsburg, Södermalm oder Berlin-Mitte: Der Hipster ist unter uns. Oder nicht? Über eine tragische Rolle der Gegenwart, die niemand spielen will, obwohl sie überall herbeigeredet wird.

Jens-Christian Rabe

Wer in den vergangenen Jahren, Monaten, Tagen, Stunden auch nur mit einem halben offenen Auge durch die Presse, das Internet, die Welt gestolpert ist, der hat überall dort, wo es um die Frage ging, wo denn so etwas wie der Puls der Gegenwart schlage, immer schon besondere Gesellschaft gehabt. Am maßgeblichen Ort für dieses oder jenes, für Urlaub, Musik, Essen, Trinken, Sein, hat er sie getroffen. Und auch die maßgeblichen, die "angesagten" Dinge, die zu lesen sind, anzusehen und anzuziehen, all dies haben sie schon gelesen, gesehen und angezogen: die "Hipster".

Auf Lisbeths Spuren: Södermalm ist Stockholms Szeneviertel

Sorgfältig zerzauste Frisuren, Umhängetaschen und eine große Brille mit schwarzem Plastikgestell: Den Hipster trifft man auch in Stockholms Szeneviertel Södermalm an.

(Foto: dpa)

Die Zeitschrift Neon sieht sie in ihrer aktuellen Ausgabe in einem Club in Moskau, der Berliner Tagesspiegel hat sie in dieser Woche wieder einmal in den Bars in der Oranienstraße entdeckt, die taz meldete, dass es in der "US-Hipster-Szene" cool sei, sich als Indianer zu kleiden, die Neue Zürcher Zeitung weiß, dass es die Stockholmer Hipster in den Stadtteil Södermalm zieht und wo sie sich in Reykjavik herumtreiben, Geo Saison stand mit ihnen in Prag an der Bar, die Welt fand sie in Australien zwischen Sydney und Brisbane, die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung kennt die "Hipster-Labels" in Paris und die Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung bemerkte kürzlich, dass "Großstadt-Hipster" ihre Wohnungen jetzt mit ausgestopften Tieren dekorieren. Bei Google Trends ist deutlich zu sehen, dass sich die Kurve der Popularität des Suchbegriffs "Hipster" seit Mitte der Nullerjahre bis heute kontinuierlich nach oben bewegt.

Eine ambivalente Figur im Personal der Gegenwart

Vor nur etwas mehr als einem Jahr veranstaltete sogar die renommierte New Yorker New School for Social Research eine Tagung zum Thema. Das sie den historisierenden Titel "What was the Hipster?" trug, war natürlich kein Zufall. Im Gegensatz zum anderen inflationär erwähnten quasi-subkulturellen Phänotyp der Nullerjahre, dem Nerd, ist er die ambivalentere Figur im Personal der Gegenwart. Denn obwohl er offenbar eine unverzichtbare Planstelle besetzt, will längst niemand mehr einer sein.

Meist wird der Hipster als eine mehr oder weniger lächerliche, auch tragische Figur vorgestellt, dem sein Distinktionswahn den Blick dafür verstellt hat, was für eine uniformierte und alberne Gestalt er eigentlich ist. In Robert Lanhams "Hipster Handbook" wird er als irrer Idiosynkrat vorgestellt, als einer, der Geschmacksurteile, Verhaltensweisen und Ansichten habe, die von den Coolen für cool gehalten werden, sowie im Idealfall nicht mehr als einen Körperfettanteil von zwei Prozent.

Der Hipster benutze ununterbrochen den Begriff postmodern, gerne auch in der Kurzform "pomo", trage sorgfältig zerzauste Frisuren, Umhängetaschen und eine große Brille mit schwarzem Plastikgestell, er gebe vegetarische Dinnerpartys, spreche von seinem einen konservativen Freund als seinem "einen konservativen Freund" und erwähne gerne unvermittelt, dass er auch schon mal einen Partner gleichen Geschlechts geküsst habe.

Zwischen Straße und Marketing-Abteilung

Und dort, wo er nicht als Lächerling oder krampfiger Exzentriker porträtiert wird, ist er nicht mehr als junger Konsum-Avantgardist in engen Hosen, ein seelenloser Trendsetter mit Wohnsitz im Mission District in San Francisco, in Londons Shoreditch, in Berlin-Mitte oder eben im Hipster-Viertel schlechthin, dem New Yorker Stadtteil Williamsburg, das der Schauspieler Vincent Gallo einmal als riesiges Studentenwohnheim beschrieb, nur ohne die Hausaufgaben. Der New Yorker Autor Mark Greif entwarf den Hipster auf der New-School-Tagung dementsprechend als Mittelsmann zwischen Straße und den Marketing-Abteilungen der Konsumgüterindustrie, der den Ausverkauf alternativer Quellen sozialer Macht vorantreibt.

Tatsächlich ist der Hipster in seiner fleißigen Gegenwartszugewandtheit, seinem Qualitätsbewusstsein und seiner detailversessenen Lebensausstattung der Traum aller Zielgruppen-Strategen im heillos vernischten Informationskapitalismus. Die Anziehungs- und Erklärungskraft des Begriffs und des Lebensmodells "Hipster" wäre damit jedoch noch nicht wirklich erfasst.

Dass manche nun das Ende des Hipsters gekommen sehen, ist nicht denkbar ohne die Idealisierung der Geschichte des Phänomens.

Auf die Haltung kommt es an

Der Hipster war einmal der Mensch, dem gegen alle Widrigkeiten das Unmögliche gelang, nämlich das richtige Leben im falschen zu führen. Der Hipster war der ganz selbstverständlich Wissende, einer, wie es in Mezz Mezzrows und Bernard Wolfes Buch "Really The Blues" aus dem Jahr 1946 heißt, "der Bescheid wusste, alles begriff, vollkommen geistesgegenwärtig" war.

Seinen Platz in der Weltliteratur erhielt er mit Norman Mailers 1957 erschienenen Essay "The White Negro - Superficial Reflections on the Hipster". Die Urszene darin ist das Gespräch eines schwarzen Hipsters mit einer jungen weißen Intellektuellen. Der Schwarze hat noch nie ein Buch zur Hand genommen, er hatte nichts von dem, was das Mädchen ihm erzählte, je gehört, und doch entwickelt sich ein gutes Gespräch: "Er fühlte ihren Charakter, indem er mit den Nuancen ihrer Stimme mitschwang."

Die geheimnisvollen Mysterien des Hip

Für Mailer war hip die "Kultur des weisen Primitiven in einem gigantischen Dschungel. Deshalb entzieht sich das Verständnis des Hip dem zivilisierten Bürger (...) Die Bürger würden ihre Republik lieber an die Russen als an die Hipsters fallen lassen, denn der sowjetische Sinn für Wissenschaft und rationale Prozeduren muss ihnen doch viel attraktiver erscheinen, als die ungenauen und geheimnisvollen Mysterien des Hip."

Als Gegenkultur darf man dieses Ur-Hipstertum dennoch nicht verklären. Im Gegenteil. Die politische Dissidenz brachten erst die Beats und Hippies in den sechziger Jahren ins Spiel. Das Hipstertum Mailers ist eher eine schlaue Überlebensstrategie in feindlicher Umgebung. "Der Hipster", schrieb der deutsche Jazzkritiker und Essayist Joachim Ernst Berendt 1977, "entstand in Amerika, denn erst dort wurde es für den Schwarzen notwendig, es in der weißen Welt zu ,machen' und trotzdem er selbst zu bleiben."

Das Gegenteil von hip war square, also alles Logische, Klassische, Ordentliche. Dave Brubeck war square, Thelonious Monk hip. Intuition und Instinkt sind wichtiger als provokativer Protest. Und eine effektive Verkleidung entscheidender als ostentative Authentizität. Lässigkeit bedeutender als Nachlässigkeit.

Der Schein bestimmt das Bewusstsein

Das gute, alte Hipstertum lässt sich genau deshalb nicht so einfach gegen seine vermeintlich degenerierte aktuelle Version in Stellung bringen. Abgesehen davon, dass nicht jeder, der das neue iPhone als erster besitzen will, ein Hipster ist, sind die Parallelen zu groß. Die Anschlussfähigkeit des Modells in einer Gegenwart, in der man auf dem Weg in die Opposition zur Gesellschaft auf so viel Bequemlichkeit verzichten müsste wie vielleicht noch nie in der Geschichte, ist unübersehbar. Der Hipster ist der Marginalisierte, der eigentlich nichts lieber hätte, als dabeisein zu dürfen. Er wird deshalb wie seine Vorfahren zum Strategen der Anpassung. Die wesentliche Lektion ist: Der Schein bestimmt das Bewusstsein.

Der Vorrang der Haltung vor der Überzeugung ist ihm deshalb nur verständlich. Und übrigens ebensowenig eine zeitgenössische Verfallserscheinung. Helmut Lethen hat in seinem Buch "Verhaltenslehren der Kälte" über Lebensversuche zwischen den beiden Weltkriegen darauf hingewiesen: "Gegen Ende der (Weimarer) Republik wird ,Haltung' - die auf Dauer gestellte Entscheidung - ins Zentrum der politischen Ethik gerückt. (...) Wer sich in die Entscheidung mächtiger Institutionen eingebettet hat, will durch entschiedene Haltung darauf hinweisen, dass er zumindest seiner eigenen Entscheidung gefolgt ist."

Als traumatisierten Helden muss man sich den Hipster aus einem anderen Grund vorstellen: Er wurde vom Nerd, dem Inbegriff des square, links überholt. Man sehe sich nur einmal auf einer TED- Konferenz um. Und die Nerds haben längst das Geld, um ihn aus seinen Vierteln zu verdrängen. So steht der einst stolze Hipster traurig da als Modeberater und Probewohner.

© SZ vom 17.07.2010/luc
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