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Peter Sloterdijks Sport-Theorien:Mein Gott, Sport

1896 stellte sich eine unbekannte Augenblicksgottheit dem Publikum vor: der Sport. Peter Sloterdijk über die Tour de France, Doping und Askese.

Als der große Filmregisseur Jean-Luc Godard vor zwei Jahren gefragt wurde, ob seine Begeisterung für die Tour de France durch die Dopingskandale keinen Schaden genommen habe, antwortete er: "Ich verstehe gar nicht, warum es da eine solche Aufregung gibt. Ich ziehe ja auch eine Brille auf, um das Rennen zu sehen." Im Übrigen schätze er den öffentlichen Wettbewerb im Radfahren, weil man dabei so viel von der Landschaft sehe. Menschen, die sich mehr für den Sport selber interessieren, sind hingegen offenbar durchaus anderer Ansicht: Die Radfahrer quälen sich über die letzten Berge der jüngsten Tour, und kaum einer schaut zu.

Eine Durchschnittsgeschwindigkeit von mehr als 50 km/h: Alberto Contador beim Einzelzeitfahren.

(Foto: Foto: afp)

Um zu verstehen, was da geschieht, lohnt ein Blick in eines der interessanten Bücher der vergangenen Monate. Peter Sloterdijks Ziele sind in "Du mußt dein Leben ändern" zwar hoch gesteckt, sie reichen hinauf zu einer Geschichtsphilosophie, die es an Universalismus mit Georg Wilhelm Friedrich Hegels Lehre vom Weltgeist und an Analogieschlüssen mit Oswald Spenglers Theorie des Untergangs aufnehmen kann. Aber wie so oft bringt die Maßlosigkeit, wenn sie sich durch den Stoff wühlt, die interessantesten Gedanken hervor. Einer davon ist Peter Sloterdijks Geschichte des Sports, als dessen Gründerväter Pierre de Coubertin und die olympische Bewegung des späten neunzehnten Jahrhunderts erscheinen, als dessen spiritueller Pate aber der Basler Theologe Karl Barth (1886 - 1968) auftritt. "Der wahre Gott", so fasst Peter Sloterdijk dessen Darstellung der christlichen Lehre zusammen, "ist jener, der den Menschen bedingungslos überfordert, während der Teufel ihn auf seiner Ebene abholt." In diesem Gegenüber spiegelt sich, wenn man die Theorie ausbuchstabiert, das Verhältnis von Sport und Doping.

Zu Recht erinnert Peter Sloterdijk an den Ursprung des Sports (nicht nur in seiner olympischen Variante) im Versuch, einen hellenistischen Kultus wiederzuerwecken. Religiös sind dabei nicht nur die Riten, die kalendarische Regelmäßigkeit, die Bindung an den Amateur, der Internationalismus, das Friedensgebot bei den Olympischen Spielen, der Ausschluss der Kinder, die Organisation einer Gemeinde, der totalisierende Impuls.

Religiös ist die Sache selbst: "Es war", erzählt Peter Sloterdijk über den ersten Marathonlauf im Jahr 1896, "als ob eine neue Energieart entdeckt worden wäre, eine Form von emotionaler Elektrizität, ohne die man sich den "way of life" der folgenden Ära nicht mehr würde vorstellen können. Was an jenem glühend heißen Nachmittag gegen fünf Uhr im Panathinaikon-Stadion geschah, muß man als eine neuartige Form der Epiphanie einstufen. Eine bis dahin unbekannte Kategorie von Augenblicksgöttern stellte sich damals dem modernen Publikum vor - die Götter, die keinen Beweis nötig haben, weil sie nur für die Dauer ihrer Manifestation existieren und nicht geglaubt, sondern erlebt werden. In dieser Stunde wurde ein neues Kapitel der Enthusiasmusgeschichte aufgeschlagen - wer von ihr nicht reden will, muß vom 20. Jahrhundert schweigen."

Viel ist seitdem im Sport geschehen, um den zutiefst kultischen Charakter dieser Veranstaltung, der bei Pierre de Coubertin noch offen ausgesprochen wurde, zumindest an der Oberfläche verschwinden zu lassen. Aber immer noch ist er deutlich zu erkennen: darin, dass der Sport eine "separate Kategorie menschlichen Handelns und Erlebens" bildet, das mit einem äußersten Maß an Übung und Askese, ja Selbstkasteiung verbunden ist - ohne in den allermeisten Fällen eine auch nur halbwegs angemessene diesseitige Belohnung vorzusehen. Peter Sloterdijk reißt diese Gedanken nur an. Aber es ist leicht, sich die entfaltete Theorie vorzustellen: Die Überlegung, dass der Sport eine Art gesteigerte Arbeit ist und also mit seinen unzähligen Disziplinen eine bis ins Feinste ausgearbeitete Parallelwelt zur Erwerbstätigkeit im Kapitalismus darstellt, zur Arbeitsteilung mit all ihren deformierenden Konsequenzen wie zum Prinzip des freien Wettbewerbs, müsste ebenso zu dieser Theorie des Sports gehören wie die innige Verknüpfung des Sports mit Nationalismus und Chauvinismus.

Der Zuschauer wendet sich von der Tour de France ab, weil er sie für vergiftet hält: Wer seinen Körper künstlich verbessert, verletzt das Prinzip der Askese. Dass dieser Standpunkt moralisch ist und einer genauen Prüfung nicht standhält, hat Jean-Luc Godard bemerkt. Dennoch fragt man sich, wie es mit dem Sport, der "Religion des Athleten" (Pierre de Coubertin) weitergehen soll. Denn nicht nur, dass alle Rekorde längst hundertfach eingestellt, alle Wettbewerbe längst tausendfach gewonnen und verloren sind. Bedrängender noch ist vielmehr das Offenbare, dass der menschliche Körper den Anforderungen einer rasender, immer wahnhafter werdenden kultischen Veranstaltung nicht mehr standhält. "Der Eine Gott und die Katastrophe haben mehr miteinander gemeinsam, als man bisher registrierte", sagt Peter Sloterdijk. Wie schlimm, dass er damit recht hat.

Doping-Ausreden

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