Peter Sloterdijk über Zukunft:Revolution des Geistes!

SZ: Heißt das nicht, dass unsere Gesellschaft total aus der Balance geraten ist?

Peter Sloterdijk: Auch die Erziehung bricht zusammen, sobald die Wenn-dann-Logik außer Kraft gesetzt wird. Sie können Ihren Kindern heute nur noch schwer erklären, dass, wenn sie sich so und so verhalten, dies oder jenes folgt. Es folgt ja nichts, wenn alles geht. Unser Sinn für Wenn-dann-Sequenzen ist ebenso demoliert wie der für Proportionen.

SZ: Aber haben wir nicht auch wichtige Gründe dafür, optimistisch zu sein?

Peter Sloterdijk: Bemerkenswert ist zunächst - das konnte man am florierenden Weihnachtsgeschäft in Deutschland und vielen anderen Ländern ablesen: Die Menschen immunisieren sich! Sie schirmen sich ab gegen die Schwindler und lassen sich ihr Lebensgefühl durch die Krisenrhetorik kaum trüben. Das ist ein Phänomen, das auf eine angemessene Deutung wartet. Ist es Teil des Frivolitätssyndroms? Oder handelt es sich um eine gesunde Reaktion?

SZ: Wir hoffen Letzteres! Vielleicht bietet der derzeit diskutierte philanthropische oder ethische Kapitalismus eine Perspektive?

Peter Sloterdijk: Das Konzept des philanthropischen Kapitalismus lässt sich auf eine einfache Idee herunterbrechen: Die zornigen Armen hatten zwei Jahrhunderte Zeit, um zu beweisen, ob sie imstande sind, die Welt zu verbessern. Die Ergebnisse waren teils verheerend, teils ambivalent. Am Anfang des 21. Jahrhunderts liegt der Gegenvorschlag in der Luft: Lasst mal die Reichen zeigen, wie sie es besser machen. Sie schulden ja wirklich der Welt den Nachweis, dass sie mehr können als nur ein übergebührlich großes Stück vom Kuchen der Welt aufzufressen.

SZ: Naht nun die Rettung von oben?

Peter Sloterdijk: Die Reichen wollen sich selber retten, das ist evident. Es könnte aber sein, dass sie hierzu nebenbei die übrige Welt retten müssen. Die Frage ist also, ob eine philanthro-kapitalistische Makropolitik im Zusammenspiel mit einem spendablen Welt-Steuerstaat global lebbare Verhältnisse herbeiführen kann.

SZ: Und wie überlebt unsere Erde?

Peter Sloterdijk: Die Erde wird die 50 Millionen Jahre bis zum nächsten großen Meteoriteneinschlag auch ohne uns, unsere Yachten und Luxusresorts bewältigen. Sie braucht uns nicht. Wir hingegen brauchen sie, als Ressource und als Basis für unser Zivilisationstreibhaus.

SZ: Treibhaus? Weshalb Treibhaus?

Peter Sloterdijk: In Treibhäusern gilt der Primat des Inneren. Genau das ist die Lage der technischen Kultur vis-à-vis der Natur. Diese muss künftig als Teil der Zivilisation internalisiert werden. Der Mensch der prähistorischen und historischen Zeiten konnte seine Dramen vor dem Hintergrund einer Natur aufführen, von der man dachte, sie werde nie reagieren. Man ließ seine Abfälle praktisch folgenlos irgendwo liegen, die Hufeisen der römischen Kavallerie stecken ja heute noch im deutschen Schlamm. Doch wir haben die glücklichen Jahrtausende humaner Expansion hinter uns. Natur war das Außen, in dem unser Handeln scheinbar spurlos verschwand. Diese Auffassung ist für immer dahin. Mit einem Mal funktionieren unsere Externalisierungen nicht mehr, die Abfälle kehren zurück, der Wahnsinn verpufft nicht mehr in der Weite der Ozeane. Nun zeigt sich, dass die Natur ein Gedächtnis hat, sie sammelt Eindrücke, sie erinnert sich an uns. Jetzt müssen wir uns mit einer bedrohlich erinnerungsfähigen, scheinbar immer rachelüsterneren Natur zusammenraufen.

SZ: Das versuchen doch schon viele.

Peter Sloterdijk: In diesem Punkt werden die Reichen einen hohen Beitrag zu leisten haben, sie hatten ja auch beim Externalisieren ihrer Handlungsfolgen die Nase vorne. So gesehen gehorcht jemand wie Al Gore nur seiner Pflicht. Wenn er und viele andere an der Natur ableisten, was ihrem way of life entspricht, kommt bestenfalls Null heraus. Bei einem ökologischen Jüngsten Gericht wird den Reichen, die für die Umwelt etwas taten, im günstigsten Fall verziehen.

SZ: Ihr neues Buch trägt den Titel "Du mußt dein Leben ändern": der Appell der Stunde. Handelt es davon, wie wir überleben können?

Peter Sloterdijk: Es handelt von Anthropotechnik - von der Selbstformung des Menschen. Es beginnt mit einer Meditation über das berühmte Gedicht von Rainer Maria Rilke: "Archaischer Torso Apollos". Da geht der leibesschwache Dichterling etwa im Jahr 1906 - zu der Zeit, als Rilke Sekretär des französischen Bildhauers Auguste Rodin war - durch den Louvre und begegnet einer griechischen Statue. Daraus entsteht eines der großartigsten Gedichte der Moderne. Noch in diesem Körperfragment ohne Arme, Beine, Kopf und Geschlecht spürt er ein Übermaß an Vitalität und Männlichkeit, an dionysischer Energie und Athletismus, das ihn geradezu demütigt. Die Schultern des polierten Steins schimmern wie Raubtierfelle, nun gut, Rilke hatte Nietzsche gelesen und wusste, Apollo stellt eine Erscheinung des Dionysos dar. Er blickt die Statue an, und die Statue sieht ihn an. Darauf vernimmt er eine Stimme aus dem Stein: "... denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Du musst dein Leben ändern".

SZ: Und wie betrifft uns das?

Peter Sloterdijk: Ich schreibe die Geschichte dieses Appells, eine Geschichte des übenden Lebens. Seit 3000 Jahren ist ein Imperativ in der Welt, der Menschen verbietet, weiterzumachen wie bisher. Schon die brahmanischen Asketen Altindiens haben so empfunden. Mit dem Aufblühen der Karmalehre entwickelte sich die Vorstellung vom Rad der Wiedergeburten - mit der Folge, dass eine Kultur des metaphysischen Pessimismus aufkam. Aus ihr ging unter anderem der Buddhismus hervor, der nicht umsonst gerade zur Weltreligion der Gegenwart wird.

SZ: "Du mußt dein Leben ändern", das klingt radikal.

Peter Sloterdijk: Anfangs wird gefordert, alles liegen und stehen zu lassen und wegzugehen, um anderswo eine neue Definition der Existenz zu versuchen. Pythagoras erlegt seinen Jüngern erst einmal ein fünfjähriges Schweigen auf - die antike Form der Psychoanalyse.

SZ: Eine harte Schule ...

Peter Sloterdijk: . . . der kathartische Grundgedanke ist klar: Der "alte" Mensch muss verstummen, bevor der neue entstehen kann.

SZ: Sprechen Sie von einer Art Häutung? Einer Transformation?

Peter Sloterdijk: Am Beginn von allem steht eine ethische Entscheidung: Sie trennt jene, die meinen, man müsse weitermachen wie bisher, von denen, die aus dem alten Leben austreten und ein neues schaffen wollen.

SZ: Rufen Sie zu einer Revolution des Bewusstseins, des Geistes auf?

Peter Sloterdijk: Der Ruf liegt in den Verhältnissen. Auf den heutigen Moment angewendet, klingt die Alternative dramatisch - aber nicht dramatischer als die wirkliche Lage. Die Atmosphäre vibriert von diesem Appell. Jeder scheint ihn zu hören, selbst die vulgärsten Blätter schreiben davon. Dazu braucht man keinen Guru, keine äußere Autorität. Die Weltlage selbst übermittelt die Botschaft.

SZ: Und Barack Obama personifiziert sie?

Peter Sloterdijk: Er ist das lebende Echo auf den ethischen Imperativ: Ja, wir können - unser Leben ändern! In seinem Fall behielten die Optimisten recht. Allein die Tatsache, dass er gewählt wurde, hat die Welt verändert. Wer das nicht wahrhaben will, ist weiterhin Opfer des Zynismus, den man sich zulegte, um zwei Amtszeiten Bush junior zu überstehen. Wir haben eine Dummheits-Periode ohnegleichen hinter uns. Das Schlimmste dabei war, wie unsere europäischen "Realisten" die ganze Zeit predigten, man müsse auch mit einem hässlichen und dummen Amerika gemeinsame Sache machen. Das ist vorbei. Die gute Nachricht heißt: Intelligence is back.

Peter Sloterdijk wurde 1947 in Karlsruhe geboren. Er studierte Philosophie, Germanistik und Geschichte in München und Hamburg, um nach seiner Promotion 1976 innerhalb von nur sechs Jahren mit dem zweibändigen Bestseller "Kritik der zynischen Vernunft" zu einem der populärsten Philosophen der Gegenwart zu werden. Auch mit weiteren Publikationen, so zuletzt der voluminösen "Sphären"-Trilogie 2004, dem ein Jahr später erschienenen Buch "Im Weltinnenraum des Kapitals" und "Zorn und Zeit" von 2006 festigte er, inzwischen Rektor der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe, seinen internationalen Ruhm als risikofreudiger Denker am Puls der Zeit. Der Hobbyradsportler ist verheiratet und hat eine Tochter. Er lebt und arbeitet in Karlsruhe, Wien und Südfrankreich. Sein neues Buch "Du mußt dein Leben ändern. Über Anthropotechnik" erscheint im März bei Suhrkamp.

© SZ vom 03.01.2009/rus
Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB