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Ratzinger-Biografie:Hochverehrtes Gefäß Gottes

Rückblick Papst Benedikt XVI.

Wenn sich die Theologen eines Tages mit der Heiligsprechung von Benedikt XVI. beschäftigen, werden sie in Peter Seewalds Buch reichlich Anschauungsmaterial finden.

(Foto: Patrick Seeger/dpa)

Peter Seewalds mehr als 1000 Seiten umfassende Biografie von Benedikt XVI. kommt weitgehend ohne Kritik aus. Das hat der ehemalige Papst nicht verdient.

Von Rudolf Neumaier

Peter Seewald, 65, hat ein mehr als tausend Seiten dickes Buch über Papst Benedikt XVI. geschrieben. Bei Gelehrten heißen solche Publikationen, wenn die wissenschaftliche Genialität mit dem Umfang korrespondiert, Opus magnum. Bei journalistischen Autoren, wie Seewald immer einer geblieben ist, wäre das etwas übertrieben. Wohl mit Fug und Recht kann man es aber als Hauptwerk in Seewalds durchaus umfangreichem Ratzinger-Œuvre bezeichnen. Es steckt nicht nur voller Detailwissen über den Werdegang des Oberklerikers und Übertheologen, vielmehr quillt aus jeder Zeile auch Herzblut in einem Maß hervor, dass man als Katholik fast Sünden fürchten müsste, wenn man Kritik übte an dieser Heiligenverehrung.

Keine Frage, eines Tages werden sich Theologen aus der Kongregation für Selig- und Heiligsprechungsprozesse auch mit der Causa Ratzinger, Joseph Aloisius alias Benedikt XVI. zu beschäftigen haben. Denn dass Heilige Väter zur Ehre der Altäre erhoben werden, ist in letzter Zeit üblich geworden - bei Johannes Paul II. hieß es schon wenige Augenblicke nach dem Ableben "santo subito". Also werden sich die vatikanischen Heiligsprechungsforscher pflichtgemäß auch über Peter Seewalds Ratzinger-Biografie beugen und sie werden darin unter anderem lesen, dass Papst Benedikt XVI. am 11. Februar 2013 morgens in seinem Gemach "mit seinen kleinen Schritten mal hierhin, mal dahin" trippelte und dass sein Vorvorvorvorvorgänger Pius XII. sich bei offenem Fenster elektrisch rasiert hatte, wobei jeden Morgen ein Singvogel herbeiflog, dem Pius den Kosenamen Gretel gab.

Die Gründe für den Rücktritt bleiben auch hier im Dunkeln

Elektro-Rasierapparat? Pius XII.? Gretel? Auch wenn sich Peter Seewald über die Morgentoilette Benedikts und die Vorlieben bei der Rasur bedeckter hält, muss man staunend anerkennen: Er ist Vatikan-Insider. Oft gibt er den Anschein, als wäre er physisch zugegen gewesen, wenn er Geschehnisse anschaulich macht. Da geht dem Reporter gern mal die Fantasie durch. Letztlich muss man darauf vertrauen, dass er über tragfähige Kenntnisse verfügt, wenn er seinen szenischen Kapiteleinstieg mit den kleinen Trippelschritten in diese Einschätzung münden lässt wie in eine Pointe: "Es ist der schwerste Tag in seiner achtjährigen Amtszeit. Vielleicht sogar der schwerste im Leben."

Am 11. Februar 2013, einem Rosenmontag, verkündete Benedikt XVI. seine Demission. Welche Gründe ihn wirklich zu dieser seinerzeit sensationellen Entscheidung motivierten, was ihm die Kraft raubte, der anstrengenden Arbeit weiterhin nachzugehen, bleibt auch in diesem Wälzer des Haus- und Hofjournalisten Seewald im Dunkeln. Seewald gibt dem Skandal um den Kammerdiener Gabriele viel Gewicht, der geheime Dokumente aus dem päpstlichen Büro in die Öffentlichkeit schmuggelte. Aber dieses Episödchen kann unmöglich einen Fels ins Wanken gebracht haben, auf den die Kirche gebaut war.

Am Ende waren womöglich die Medien schuld. Seewald schreibt zu Beginn des 71. von 74 Kapiteln: "Es war nicht zu übersehen, dass sich das durch die Medien geprägte Image des Papstes zum entscheidenden Problem des Pontifikats entwickelt hatte." Die Frage, was zuerst da war, die Arroganz der Kirche oder die Ignoranz der Medien, das Huhn oder das Ei, diese Frage ist bislang weder dogmatisch noch fundamentaltheologisch hinreichend beantwortet. Seewald blendet sie in seinem phasenweise erbaulichen Heldenepos aus.

Joseph Ratzinger ist eine Erscheinung, vor der Ehrfurcht haben kann, wer zur Demut gegenüber Koryphäen fähig ist. Von Startheologen wie Hans Urs von Balthasar bis hin zu Kommilitonen wie Josef Finkenzeller bietet Seewald jeden auf, der die Genialität und die Integrität Ratzingers bezeugen kann. Trotz oder gerade wegen seines Heiligvatertums, das er mit Gewändern und Zeichen, mit barocken Äußerlichkeiten zelebrieren ließ, hätte dieser Gottesdenker eine kritischere Biografie verdient. Ob der Emeritus aus dem Kloster Mater Ecclesiae etwas anfangen kann mit Seewalds panegyrischem Werk? Andererseits weiß man, und die Lektüre bestätigt es, dass Joseph Ratzinger stets loyal zu allen war, die seine Ansichten vertraten und ihm schmeichelten. Wenn in Seewalds Hagiografie überhaupt so etwas wie eine zarte Bemängelung von Fehlern vernehmbar ist, dann sind es diese auf Zitate gestützten Befunde.

Wer sich nicht als Gefäß Gottes versteht, gilt als ungeistig

Den Ratzinger-Schüler und Judaistik-Professor Peter Kuhn lässt er sagen, Benedikts Schwäche liege "einfach in der Auswahl seiner Mitarbeiter. Das war schon immer so". Ein ehemaliger Mitarbeiter der Bildungskongregation attestiert dem Papst eine "gewisse Eigenbrötelei, die er schon als Schüler an sich entdeckte. Eine gewisse Unbeholfenheit ist geblieben".

Joseph Ratzinger und sein Bruder Georg stammen aus einer Priestergeneration, die im Wesentlichen vom Glauben geprägt ist, der geweihte Geistliche sei ein Gefäß Gottes. Wer dieses Selbstverständnis nicht in aller Gebühr zu respektieren weiß, gilt ihnen als ungeistig. Oder, noch schlimmer, als ein dem widerlichen Zeitgeist verfallenes Subjekt. Dass auch Gefäße Gottes menschliche Schwächen aufweisen und sogar monströse Taten begehen können, passt nicht in ihr frommes Weltbild. Symptomatisch ist Georgs Verhalten, als er in seiner Eigenschaft als Regensburger Domkapellmeister von brutalen Übergriffen eines Priesters in der Domspatzen-Vorschule erfährt. Er unternimmt nichts, er lässt es geschehen. Seewald erwähnt das der Vollständigkeit halber.

Ähnlich wie bei Georg ist es bei seinem Bruder Joseph, als er als Erzbischof in München waltet. Aus der Diözese Essen wird in seinem Episkopat ein pädophiler Priester übernommen. In Oberbayern sollte dieser Mann erneut Kinder sexuell missbrauchen. Laut Seewald wusste Ratzinger nichts vom weiteren Einsatz des Priesters in der Seelsorge - und folglich auch nichts von weiteren Übergriffen. Nach neueren Recherchen des Journalisten-Netzwerks Correctiv.org hätte ihm dies jedoch keineswegs entgehen dürfen - wenn ihn diese Angelegenheit interessiert hätte. Näheres dazu dürfte man wahrscheinlich in anderen Ratzinger-Biografien erfahren.

Für Peter Seewald sind solche Recherchen Teil einer Kampagne. Bei ihm liest es sich, als sei Ratzinger Opfer eines Komplotts seines Lebensantipoden Hans Küng, dem Tübinger Theologen, dem die Kirche die Lehrbefugnis entzog, mit den Medien - allen voran mit dem Spiegel, aber auch mit den TV-Sendern und mit der Süddeutschen Zeitung.

Seewalds Ratzinger-Archiv könnte ein ganzes Einfamilienhaus füllen

Seewald, der ehemalige Redakteur von Spiegel, Stern und SZ-Magazin und nun längst bekehrte Autor, zitiert Überschriften von Artikeln, mit denen die Meute seinen Protagonisten über die Jahrzehnte die Medienhölle auf Erden bereitete. Immer wurde er übelst missdeutet, und immer wurde nur das aus seinen Ansprachen exzerpiert, was sich für Bloßstellungen eignete. Meint Seewald. Wird die Nachwelt seine Sichtweise teilen, so ist Benedikt XVI. später einmal als katholischer Märtyrer zu verehren.

Es ist schon seltsam: Auf der einen Seite wird Ratzinger allenthalben für die Schönheit und Klarheit seiner Sprache vergöttert und für die Poesie seiner Worte. Auf der anderen Seite haben viele seiner Äußerungen Menschen brüskiert oder zumindest irritiert, sie boten Angriffs- und Interpretationsmöglichkeiten. Wie geht das zusammen? Womöglich hat sich der verkörperte Anti-Zeitgeist doch nicht klar und unmissverständlich genug artikuliert.

Peter Seewald hat recherchiert, wie er es als Magazinjournalist gelernt hat, und das Material gesammelt. Es würde nicht verwundern, wenn sein Ratzinger-Archiv schon ein ganzes Einfamilienhaus füllte. In seinem Buch gibt er alles von dem preis, was er von Ratzinger hält: Er verehrt ihn uneingeschränkt. Doch es kommt der Verdacht auf, dass Seewald über manches vatikanische Netzwerk besser Bescheid weiß, als er zugibt - und diskret schwieg. Aus Rücksicht? Aus Ergebenheit?

Die Biografie des Joseph Ratzinger, der Papst Benedikt XVI. wurde, ist noch lange nicht zu Ende erzählt. Es sind noch zu viele Fragen offen. Und zum Glück lebt Benedikt noch, und der liebe Gott möge diesem bescheidenen Gottesdiener noch viele glückliche Tage auf Erden bescheren.

Peter Seewald: Benedikt XVI. Ein Leben. Droemer Verlag, München 2020. 1150 Seiten, 38 Euro.

© SZ vom 05.06.2020/cag
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