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Zum Tod von Peter Lindbergh:Der Königinnenmacher

Fotograf Peter Lindbergh gestorben

Vor seiner Kamera fühlten sich die Menschen sicher und bereit, ganz sie selbst zu sein. Peter Lindbergh schuf damit ein fotografisches Werk, das in der Mode seinesgleichen sucht.

(Foto: dpa)

Für Peter Lindbergh waren die Frauen, die er fotografierte, immer wichtiger als die Mode, die sie trugen. So war er der Erste, der aus Models Superstars machte.

Von Duisburg-Rheinhausen aus sind es zweieinhalb Stunden mit dem Auto an den breiten, hellen Sandstrand von Zandvoort. Der am Dienstag verstorbene Peter Lindbergh erzählte, seine Eltern seien am Wochenende mit ihm und seinen Geschwistern häufig in den niederländischen Küstenort gefahren, einfach, um am Strand zu sitzen, in den Autositzen, die sein Vater aus dem Auto geschraubt und in den Sand gestellt hatte.

Wer noch Beweise dafür sucht, wie sehr Kindheitserlebnisse prägen können, schaue sich seine Porträts an, mit denen 1991 die Modedesignerin Jil Sander für ihre Marke warb: sie selbst an einem hellen, breiten Sandstrand. Wie sie dem Wind trotzt, indem sie sich das Revers ihres flatternden Mantels zuhält. Wie sie die Weite genießt. Eine starke, freie, elegante Frau.

Oder die Gruppenporträts am Strand, 1988, mit drei der späteren "Supermodels": Tatjana Patitz, Linda Evangelista, Christy Turlington. Ihre Beine sind nackt, oben flattern weite weiße Hemden. Sie lachen, ganz ungekünstelt, ja, wir haben wirklich Spaß hier. Später dann: Julianne Moore am Strand. Oder Kate Winslet. All diese ikonischen Fotos schoss er.

Fotografie "Immer die Seele nach außen" Bilder
Bilder von Peter Lindbergh

"Immer die Seele nach außen"

Peter Lindbergh stellte bei den Models vor seiner Kamera immer den Menschen in den Vordergrund, nicht den Look. Das Motto "Nichts ist so sexy wie Persönlichkeit" prägte seine Arbeit.

Nacktheit kommunizierte bei ihm Schlichheit, nicht sexuelle Verfügbarkeit

Geboren wurde er 1944 als Peter Brodbeck in Lissa im Wartheland im heutigen Polen. Um nicht von der Bundeswehr eingezogen zu werden, ging er mit 18 in die Schweiz und danach nach Westberlin. Seit 1971 fotografierte er dann, die künstlerische Bestimmung erst nach und nach findend, denn: Dort, wo er herkam, war die Kunst weit weg. "Ich wollte Schaufensterdekorateur bei Karstadt werden. Das war das Künstlerischste, was ich mir vorstellen konnte", erinnerte sich Lindbergh in der SZ einmal.

Der Durchbruch gelang ihm in den Achtzigerjahren, unter anderem weil die bis heute amtierende Anna Wintour 1988 ein Coverfoto bei ihm bestellte, als sie nämlich als neue Chefredakteurin der amerikanischen Vogue ihre erste Ausgabe verantwortete. Das Foto war ausnahmsweise in Farbe. Sonst war Schwarz-Weiß bei ihm prägend. Nicht als Pseudominimalismus oder Verkünstelung, sondern als Konzentration auf Ausdruck, Gesicht, Person. Die Mode, die häufig ein Interesse daran hat, in ihrer prächtigen Farbigkeit dargestellt zu werden, musste bei ihm hinter die Personen zurücktreten. Wovon die Mode dann aber wiederum profitierte, etwa als aus seinen Supermodels dann richtige Stars wurden und George Michael sich von Lindberghs Fotos zum Video zu seinem Hit "Freedom! '90" inspirieren ließ. Da traten alle fünf "Supers" auf, auch Naomi Campbell und Cindy Crawford. Für 15 000 Dollar Tagesgage.

Wenn es bei ihm Nacktheit gab, dann nie zur persönlichen Attraktion oder Machtausübung, das war zu spüren. Nacktheit kommunizierte bei ihm Schlichtheit, nicht sexuelle Verfügbarkeit. Bei ihm gab es keine Gerüchte, keine Missbrauchsvorwürfe, so wie bei anderen Fotografen. Dafür viel Metaphysik zwischen Menschen: "Mir ist aufgefallen, dass zwischen der Person und dem Objektiv etwas entsteht. Da gibt es einen kleinen Vakuumraum, wo jeder reingeben kann, was er möchte. Das ist ungeheuer kraftvoll. Manchmal geht es so weit, dass man eine Person mit deren Einverständnis aussehen lassen kann, wie man will. Hört sich jetzt an wie Houdini, nicht?", erklärte er im SZ-Interview.

Wenn dann doch noch der Zauber der analogen oder digitalen Retusche hinzukam, hasste er das. Vor allem, wenn seine Auftraggeber aus der Kosmetikbranche kamen, waren seine Fotos am Ende kaum noch wiederzuerkennen. Darüber konnte er sich sehr aufregen. Doch selbst in der Aufregung blieb er die Entspannung in Person.

In den vergangenen Jahren war Lindberghs Look vielleicht nicht mehr ganz so präsent. Aber kürzlich fotografierte er für die September-Ausgabe 2019 der britischen Vogue im Auftrag der Gastredakteurin Meghan Markle fünfzehn Frauen. Auf dem Cover werden sie als "Forces of Change" bezeichnet: Frauen, die die Welt in die richtige Richtung lenken werden, hoffentlich! Unter anderem: Greta Thunberg. Lindberghs Schwarz-Weiß-Porträt der 16-jährigen Klimaaktivistin ist eine einzige Irritation. Hat man schon mal ein so ernstes Mädchen - im Kapuzenpulli, ohne Make-up, ohne Hairstyling - auf einem Vogue-Cover gesehen? Das sieht tatsächlich nach einer neuen Zeit aus. Eine Ikone für die Welt von "Fridays For Future".

Wie sie die Zukunft prägen wird, wird er nun nicht mehr erleben: Peter Lindbergh ist am Dienstag im Alter von 74 Jahren gestorben. Er hinterlässt seine Frau Petra, seine erste Frau Astrid, vier Söhne und sieben Enkelkinder. Und dieses weltbedeutende fotografische Werk, das in der Mode seinesgleichen sucht. Weil Frauen bei ihm die Mode tragen, und nicht andersherum.

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