Süddeutsche Zeitung

Streit nach Auszeichnungen:Freundlich grüßt Peter Handke

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Der Nobelpreisträger hat gerade hohe Orden der Republika Srpska und der Republik Serbien bekommen. Jetzt gibt er sich überrumpelt.

Von Marie Schmidt

Peter Handke war mal wieder in Serbien. Die wenigsten werden dabei gewesen sein. Jetzt, da die Fahrt zwei Wochen zurückliegt, entsteht der Eindruck, Handke sei womöglich selbst nicht ganz dabei gewesen.

Es war seine erste Reise auf den Balkan seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie und seit er 2019 den Literaturnobelpreis bekam. Danach war seine literarische und politische Identifikation mit Serbien seit den jugoslawischen Zerfallskriegen noch einmal in der Öffentlichkeit durchgearbeitet worden. Nun sind ihm auch in der bosnischen Republika Srpska und in der Republik Serbien drei hohe Auszeichnungen verliehen worden. Auf mindestens zwei davon sei er bei Antritt seiner Reise "mitnichten gefaßt" gewesen, erklärte Handke jetzt in einem Leserbrief, den die Frankfurter Allgemeine Zeitung in ihrem Feuilleton druckte.

Er verwahrt sich darin gegen die Berichterstattung an selber Stelle. Der Südosteuropa-Korrespondent der FAZ, Michael Martens, Autor einer Biografie von Ivo Andrić ("Im Brand der Welten", Zsolnay, 2019), war zwar offenbar auf Handkes "Jubeltournee" nicht selbst dabei, sondern zitierte in seinem Bericht vom 11. Mai aus anderen Medien. Vor allem aber ordnete er Handkes Preise, die regional von Bedeutung, international aber unbekannt sind, in ihren Kontext ein. In einer Stellungnahme wehrt sich Martens nun wiederum gegen Handke.

Handke will auf die Preisverleihungen nicht gefasst gewesen sein

Gefasst war Handke nach eigenem Bekunden auf den Ivo-Andrić-Preis, den ihm sein Freund, der Regisseur Emir Kusturica als Präsident der Jury beschafft hat. Verliehen wird der Preis von einer Ivo-Andrić-Stiftung, diese sei, so Martens: "tief im serbischen Nationalismus verwurzelt und ohne internationale Relevanz in der Forschung".

Darauf geht Handke kaum ein, erklärt aber etwas anderes. Als Kusturica "als einen möglichen Übergeber" des Preises Milorad Dodik genannt habe, will er entgegnet haben: "Nein! Kein Politiker!" Dodik ist Regierungsoberhaupt von Bosnien-Herzegowina, war zwischen 2010 und 2018 Präsident der Republika Srpska und fällt gelegentlich durch Leugnung des Völkermordes in Srebrenica auf.

Handke muss eiskalt umgangen worden sein, denn als er am 7. Mai 2021 in Banja Luka den höchsten Orden der Republika Srpska aus den Händen der jetzigen Präsidentin Željka Cvijanović entgegennahm, war Milorad Dodik doch wieder mit von der Partie. Michael Martens nennt indes einige frühere Träger des Ordens, etwa die als Kriegsverbrecher verurteilten Ratko Mladić und Radovan Karadžić. Dazu äußert sich Handke nicht.

Auch nicht zu dem Orden des Kadjocsterns, den ihm am 9. Mai der serbische Präsident Aleksandar Vučić überreichte. Auch darauf will er nicht gefasst gewesen sein, obwohl die Auszeichnung bereits im Februar 2020 auch von deutschsprachigen Medien gemeldet und nur wegen der Pandemie verschoben worden war.

Stattdessen schreibt Handke salbungsvoll von der "Seelenheimat Sprache, in meinem Fall, von Alpha bis Omega, die deutsche". Nicht zu entscheiden bleibt, wie immer bei Handke, wie solche Einlassungen zu verstehen sind: Als authentische Zeugnisse eines zunehmend auch ins willfährig Greisenhafte entrückten Ästheten. Oder als Nebelkerzen, die seine Verbrüderung mit serbischen Nationalisten dem liberalen europäischen Publikum irgendwie noch erträglich machen sollen.

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