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Zum Nachlesen:Der Reise erster Teil: Zu den Flüssen Donau, Save und Morawa

Was ich von unserer Reise durch Serbien zu erzählen habe, sind allerdings nicht vorsätzliche Gegenbilder zu den vielfach vorgestanzten Gucklöchern auf das Land. Denn was sich mir eingeprägt hat, das waren, ohne meinen Vorsatz und ohne mein Zutun, fast einzig dritte Dinge - jenes Dritte, welches bei dem deutschen Epiker Hermann Lenz 'nebendraußen' zu sehen oder sichten ist, und welches bei dem alten Philosophen (nichts aber gegen neue Philosophen, ich würde zeitweise so einen brauchen) Edmund Husserl 'die Lebenswelt' heißt. Und natürlich war ich mir dabei stetig mitbewußt, mich in dem in einen Krieg verwickelten Staat Serbien, Teilstaat der geschrumpften, immer noch sozialistischen Föderation Jugoslawien, zu bewegen. Solch Drittes, solche Lebenswelt lag nicht etwa neben der abseits der Aktualitäts- oder Zeit-Zeichen.

Vor dem Abflug in Zürich hatte ich mir noch ein kleines Langenscheidt-Wörterbuch gekauft: wo da auf dem üblichen gelben Umschlag einst 'Serbokroatisch' stand, hieß es jetzt nur noch 'Kroatisch' (Auflage von 1992), und ich fragte mich dann beim Durchblättern, ob hinten, unter 'Gebräuchliche Abkürzungen', schon zu der Zeit, da auch das Serbische noch ausdrücklich mittun durfte, 'DIN, Deutsche Industrienorm' vorkam; Neubearbeitung durch 'Prof. Dr. Reinhard Lauer', der so ziemlich im selben Jahr, geheuert von der FAZ, dort wiederholt das gesamte serbische Volk, mitsamt seinen Dichtern, an welchen die Aufklärung vorbeigegangen sei, von, sagen wir, dem Romantiker Njegos bis zu Vasko Popa, der gefährlichsten Mythenkrankheiten zieh, siehe Identifizierung mit dem Wolf!, siehe Popas Wolfsgedichte!

Im Unterschied zu den anderen Zürcher Flugsteigen machte von den Passagieren für Belgrad kaum einer den Mund auf, und auch während des Flugs dann blieben wir eher stumm, so als fühlten selbst die Serben in dem Flugzeugbauch, weit in der Mehrheit (Auslandsarbeiter? Elternbesucher?), sich unterwegs zu einem Ziel, das ihnen nicht recht geheuer war.

Burganlage in Belgrad, 1980er

Burganlage in Belgrad, 1980er Burganlage Kalemagdan in Belgrad. Foto undatiert.

(Foto: SZ Photo)

Bei der Landung im flachen, längst abgeernteten Land, weit und breit nichts zu spüren von der Millionenstadt Belgrad, der 'einzigen kosmopolitischen Stadt auf dem Balkan' (Dragan Velikic, von ihm später), machte S. mich aufmerksam auf eine Gruppe von Leuten oder Silhouetten nah am Rollfeld, welche dort an einem Ackerrand ein Ferkel brieten. Zugleich stiegen überall andere und andere spätherbstliche Rauchsäulen auf. Ich hatte zuvor in einem Buch des heutigen serbischen Romanciers Milorad Pavic gelesen, wo eine Frau, ihren Geliebten küssend, ihm mit der Zunge dabei einzeln die Zähne abzählte; und wo es hieß, das Fleisch der Fische aus Flüssen, die, wie die Morawa, von Süden nach Norden strömten, tauge nichts; und daß es barbarisch sei, beim Mischen des Weins das Wasser zuzugießen, statt vielmehr umgekehrt.

Und dann stand am Flugplatzausgang mein Freund und Übersetzer Zarko, aus Köln uns vorausgeflogen. Mehrere Jahre hatte ich ihn nicht gesehen, und trotzdem war ich jetzt fast enttäuscht, abgeholt zu werden; hätte diese erste Schwelle zum fremden Land, um da hineinzufinden, lieber allein überwunden - worauf er, so als hätte ich das ausgesprochen, sagte, auch er sei inzwischen ziemlich fremd in Belgrad und in Serbien (was von der Unbeholfenheit seiner Bewegungen, bis zum Öffnen der Hoteltür, dann bestätigt wurde).

Auf der Fahrt durch die Neustädte, das 'Novi Beograd', von Zeit zu Zeit, zwischen der vielen, fast schon steppenhaften Leere, in gleichmäßigen Abständen so etwas wie Massenansammlungen an den prospektbreiten Einfallsstraßen, dichtauf und dabei weit auseinandergezogen: da wartete gleichsam die gesamte Bevölkerung, jetzt mitten am sonst wie arbeitslosen Nachmittag - alle Neubauten unvollendet stehengelassen, wie schon seit langem -, angeblich auf die Busse und Straßenbahnen, und auch das wie schon seit sehr langem, und jedenfalls nicht mehr mit dem Anschein von Wartenden. Und wieder war es S., der mich auf die noch häufigeren Grüppchen der wilden Benzinverkäufer mit ihren Plastikkanistern hinwies; wie so oft, und nicht bloß dort in der speziellen Gegend, übersah ich in den ersten Momenten alle die vorausgewußten Realitätsembleme.

Im Hotel 'Moskwa', einem eleganten, mit den Tagen dann geradezu edel wirkenden Straßeneckbau von der Jahrhundertwende, im Zentrum der Stadt, auf der Terrasse über Save und Donau (serbisch 'Dunav') waren - während unten am Empfang eine ganze Brigade von Angestellten, samt deren Freunden?, ziemlich müßigging - fast alle Zimmer unbelegt, und es erschien uns zunächst in dem unsern, wir seien seit langem die ersten Gäste, und für noch länger auch die letzten. Aus S.'s Ausblick, von der hohen Balkontür hinab auf den blätterüberwehten, von Altautos rumpelnden und hustenden, so gar nicht pariserischen Boulevard, nein 'bulevar', nein, spürte ich ihr französisches 'dépaysement' auf mich übergehen, ihr Befremden, ihr hier Fremdsein, oder, wörtlich übersetzt, ihr 'Außer- Landes-Geratensein', ihr 'Außer-Landes- Sein' (wie Außer-sich-Sein), und hätte uns da meinen anderen serbischen Freund herbeigewünscht, den ehemaligen Wäschereiarbeiter und Glücksspieler, welcher überall, ob in Salzburg oder hier in seiner Hauptstadt, sofort ansteckend heimisch gewesen wäre oder zumindest alles Bedürfnis nach einem Heimischsein ansteckend verachtet hätte. (Er verspätete sich auf seiner Fahrt durch Osteuropa um zwei Tage.)

Was mich angeht, so ereignete sich das 're-paysement', das 'Zurück-ins-Land- Geraten', gleich danach eben auf dem fremden Bulevar, beim Besorgen einer Sache in einem Laden, und zwar schon imNiederdrücken der uralten Eisenklinke dort und dem fast mühsamen Aufstoßenmüssen der Ladentür, und wurde dann endgültig, galt für alle die folgenden Tage, mit dem Aussprechen des zuvor auf der Straße eingelernten und jetzt von der Verkäuferin auf der Stelle verstandenen Warenworts. Und auch S. schien sozusagen trittfest zu werden beim vorabendlichen Gehen durch die wider Erwarten ganz und gar nicht dunkle Belgrader Innenstadt in Richtung des Kalemegdan, der alten Türkenfestung hoch über dem Zusammenfluß von Save und Donau. Nur Zarko, der Einheimische, unser Lotse, stolperte, verhaspelte sich, verirrte sich, verwechselte die Himmelsrichtungen, und konnte nicht aufhören, von seinem Fremdgewordensein in der eigenen Kapitale zu reden, wo er doch schon seit Tagen jetzt wieder wohnte, umsorgt von seiner Mutter, worauf ich dachte, er sei wohl in Belgrad immer schon fremd gewesen - mit seiner Antwort dann gleichsam wieder: im Grunde sei er zuhause nur draußen in der Vorstadt Zemun, an der Donau, wo diese schon in der pannonischen Ebene fließe, seinem Geburts-, Kindheits- und Ausguccort.

Dieser erste Belgrader Abend war lau, und der Halbmond leuchtete nicht nur über der Türkenfestung. Es waren sehr viele Menschen unterwegs, wie eben in einem großen südeuropäischen Zentrum. Nur wirkten sie auf mich nicht bloß schweigsamer als, sagen wir, in Neapel oder Athen,

Mir dagegen erschien die Bevölkerung eigentümlich belebt und zugleich, ja, gesittet. Aus allgemeinem Schuldbewußtsein?

sondern auch bewußter, ihrer selber wie auch der anderen Passanten, auch aufmerksamer, im Sinn einer sehr besonderen Höflichkeit, einer, die statt sich zu zeigen bloß andeutete, in einer Art des Gehens, wo auch in der Eile es keinmal zu einem Gerempel kam, oder in einem ähnlich gleichmäßigen, wie dem andern raumlassenden Sprechen, ohne das übliche Losgellen, Anpfeifen und Sich-Aufspielen vergleichbarer Fußgängerbereiche; und auch die zahlreichen Straßenhändler niemanden anredend, vielmehr still für die Kundschaft bereit (es gab eine solche, entgegen meinem Vorausbild); und ich habe an diesem Abend, wie ich auch unwillkürlich Ausschau hielt, keinen serbischen Slivovitztrinker gesichtet, dafür, um einen Straßenbrunnen, Leute, die Wasser tranken, von der Hand in den Mund; und nirgends auch eine Parole oder eine Anspielung auf den Krieg, und kaum einen Polizisten, jedenfalls deutlich weniger als anderswo in einem Stadtweichbild. S. meinte nachher, diese Belgrader seien ernst und bedrückt gewesen. Mir dagegen erschien die Bevölkerung, zumindest so auf den ersten Blick, als eigentümlich belebt (ganz anders als damals im Theater vor dreißig Jahren), und zugleich, ja, gesittet. Aus allgemeinem Schuldbewußtsein? Nein, aus etwas wie einer großen Nachdenklichkeit, einer übergroßen Bewußtheit und - fühlte ich dort, denke ich jetzt hier - einer geradezu würdevollen kollektiven Vereinzelung; und vielleicht auch aus Stolz, eines freilich, welcher nicht auftrumpfte. 'Die Serben sind bescheiden geworden', las ich später dazu in der Zeit. Geworden? Wer weiß? Oder, in meiner liebsten Redensart (österreichisch), neben 'Dazu hättest du früher aufstehen müssen!': 'Was weiß ein Fremder?'

Wer waren die vielen alten Männer, welche tags darauf, fast ein jeder für sich, in dem von beiden Flüssen aufsteigenden, schon vorwinterlichen Nebel auf dem Gelände der Kalemegdan-Ruinen so schweigsam müßiggingen? Weder hatten sie, oft mit Krawatte und Hut, glattrasiert für balkanische Verhältnisse, etwas von pensionierten Arbeitern, noch konnten derartige Mengen doch ehemalige Beamte oder Freiberufler sein; zwar strahlten sie allesamt ein Standesbewußtsein aus, aber eines, das auch bei dem und jenem etwaigen Arzt, Rechtsanwalt oder ehemaligen Kaufherrn unter ihnen, ein sichtlich anderes war als zum Beispiel das mir von Deutschland und insbesondere Österreich bekannte gutbürgerliche. Und zudem wirkten diese alten, dabei nie greisen Männer weder europäisch noch freilich auch orientalisch; am ehesten zu vergleichen mit Spaziergängern auf einer diesigen Promenade im Baskenland, wenn auch ohne die entsprechenden Mützen. Kräftig auftretend waren sie da zwischen den Festungstrümmern unterwegs, deutliche Gestalten im Nebel, die Mienen fast grimmig, was mir mit der Zeit jedoch als eine Art von Präsenz entgegenkam, oder als Gefaßtheit. Und sie waren auch keine Hagestolze - hatten sämtlich etwas von vieljährig und sogar ziemlich glücklich verheiratet Gewesenen und jetzt Verwitweten, und das seit noch gar nicht so langem: von Witwern und, seltsam bei so Bejahrten, zugleich Verwaisten. Nein, das konnten in meinen Augen keine serbischen Patrioten oder Chauvinisten sein, keine ultraorthodoxen Kirchengänger, keine Königstreuen oder Alt-Tschetniks, schon gar keine einstigen Nazi-Kollaborateure, aber es war auch schwer, sie sich als Partisanen zusammen mit Tito, dann jugoslawische Funktionäre, Politiker und Industrielle vorzustellen; klar nur, daß sie alle etwa den gleichen Verlust erlitten hatten, und daß der ihnen, wie sie da flanierten, noch ziemlich frisch vor den finsteren Augen stand. Was war der Verlust? Verlust? War es nicht eher, als seien sie brutal um etwas betrogen worden?

Unter den paar Fragen, die ich auf der serbischen Reise tatsächlich auch aussprach, war die häufigste - so häufig, daß es die mit mir schon nervte - jene, ob man glaube, das große Jugoslawien könne je neu entstehen. Fast keiner der Befragten glaubte das, 'auch nicht in hundert Jahren'. Höchstens kam einmal: 'Wir werden das jedenfalls nicht mehr erleben.' Milorad Pavic, der Schriftsteller, meinte, falls die ehemaligen Teilrepubliken sich vielleicht wieder einmal annäherten, dann allein über die Wirtschaft, und er erzählte, wie beliebt früher in Serbien zum Beispiel Produkte aus Slowenien gewesen seien. Welche? 'Kosmetika. Slowenische Hautcremen, oh!' Einzig der bald achtzigjährige Vater Zlatkos sagte dann, in seinem Dorf Porodin in der Morawa-Ebene: 'Nicht mit Kroatien vielleicht, aber mit Slowenien gewiß, ja, und das schon bald. Wir Serben haben immer die großen Sachen produziert, und die Slowenen die kleinen, feinen Teile dazu, und das hat sich immer gut ergänzt. Und nirgends bin ich im Leben so gut bewirtet worden wie in Slowenien!' (Und das war auch das einzige Mal, daß seine Frau zu einer seiner Bemerkungen nickte, heftig.)

Ein paar Tage kamen nach dem Nebel, die noch sonnig und wieder warm waren. Einmal, noch vor dem Dazustoßen Zlatkos (= der Goldige), fuhren wir mit Zarko (= der Feurige) in dessen Belgrader Vorstadt Zemun hinaus, seine Jugendgegend und jetzt wohl seine Phantasieheimat - stadtauswärts über die Save-Brücke, welche bei den Hauptstädtern 'Gazelle' heißt. Schwer etwas nachzuempfinden zunächst, als er uns die beiden ehemaligen Familienwohnfenster (Vater kleiner örtlicher Politiker, früh gestorben) zeigte, oben im gar nicht hohen, verputzbedürftigen Mietshaus, die Allerweltspappel um die Straßenecke, seinen Schulweg, meines Erachtens, dachte oder sagte ich, doch viel zu kurz, als daß darauf etwas Nennenswertes sich hätte ereignen können - darauf seine Antwort: 'Aber auf dem Heimweg die Umwege!' Schon der Zemuner Obst- und Gemüsemarkt, in zwei großen, säuberlich getrennten Bereichen, gar weiträumig für eine Vorstadt, ließ freilich etwas Besonderes ahnen, mit einer Luft wie schon von dem Strom (ich kaufte ein paar Äpfel, weil ich nicht als ein bloß Neugieriger durch einen fremdländischen Markt streifen wollte).

Und dann kamen wir, ausnahmsweise einmal gut geführt von dem Freund, deruns zuletzt den Vortritt ließ, unversehens zwischen kleinen, langgestreckten, wie biedermeierlichen Häusern hinaus an die Donau, hier von einer so gewaltigen Breite, daß, im Vergleich zu dem mir aus Österreich doch vertrauten gleichnamigen Fluß, dort hinten auf dem Wasser, dabei noch fern von dem andern Ufer, sich eine zusätzliche Zone erstreckte, was diese 'Dunav' erst wirklich zum 'Strom' machte (ein Wort aus der österreichischen Bundeshymne, das mir, gemessen am Augenschein, jedesmal übertrieben vorgekommen war). Eine Art Binnenwasserwelt, eine Flußwelt tat sich vor uns auf an dieser Belgrader oder Zemuner Donau, nicht nur an der Promenade mit den Restaurants, wo man zu Fuß zurück in die Hauptstadt gehen konnte, sondern auch an den Hunderten tief in den Hintergrund gestaffelten Booten, verankert und kaum erst winterverhüllt, und einbaumhaften Nachen. Hin und wieder spurte so ein Ding los - das kleine Motorenschnurren, mit den vereinzelten Menschenstimmen, das einzige Geräusch weit und breit -, in der Schräge hinüber zum wie transkontinentalen Gegenufer, wo am Waldrand dort Pfahlhütten standen. Aber die meisten der Wassergefährte schaukelten bloß so in der Strömung oder wippten an Ort und Stelle; stellenweise ein Kochfeuerrauch; und im übrigen blieb die Strommitte diesen ganzen Nachmittag unbeschifft: das Embargo. Diese Flußwelt war vielleicht eine versunkene, versinkende, eine modrige, alte, aber sie stellte zugleich eine Weltlandschaft dar, wie sie auf den niederländischen Gemälden aus dem 17. Jahrhundert mir so nie vorgekommen ist: eine Urwelt, welche als eine noch unbekannte Zivilisation erschien, zudem eine recht appetitliche. Und wir aßen dann Karpfen in einem Flußwirtshaus gleichen Namens, 'Saran'. Und in der Dämmerung gingen wir zu der Zemuner Burg hinauf, zwischendurch von einer älteren Frau auf englisch, ohne Akzent, nach dem Weg dorthin gefragt, welche sich dann entschuldigte, daß sie zwar Serbin sei, aber die Sprache nicht könne. Auf dem Friedhof dort oben waren in die Gedenksteine, getreu wohl nach Photos, nur vielfach vergrößert, die Gesichtszüge der Verstorbenen eingraviert, sehr oft Ehepaare, und diese in der Regel, so alt sie zusammen auch geworden waren, als sehr junges Brautpaar dargestellt - vielleicht, weil das ihr einziges gemeinsames Photo geblieben war?

Zurück in Belgrad (=Weiße Stadt), bei Fastvollmond, trafen wir endlich auf Zlatko, der wegen Zuschnellfahrens eine Nacht in Ungarn hatte verbringen müssen (sein Auto war schon in einem hotelnahen Parkhaus in Sicherheit gebracht), und zu viert hörten wir bis lang nach Mitternacht in einem Lokal namens 'Ima dana' (= 'Es gibt Tage . . .', Titel eines serbischen Lieds) Musik aus den verschiedenen jugoslawischen Gegenden an, während zur selben Zeit in Tel Aviv Ytzak Rabin ermordet wurde - am folgenden Morgen sein verwischter Schemen auf der weder Hochglanz noch Tiefdruck aufweisenden Titelseite der Oppositionszeitung Nasa Borba. Beim spätnächtlichen Heimweg war der Nebel zurückgekommen, so dicht, daß die Leiber der Passanten davon wie gestutzt und geschmälert erschienen. Und es waren unversehens gewaltige Massen von Passanten auf allen Belgrader Straßen, aus den grauen und weißlichen, wie von unten, von den zwei Flüssen stadtaufblaffenden Schwaden hervorlaufend, rennend und mancherorts dann wieder reglos zusammengedrängt; die Passagiere für die letzten Straßenbahnen. Und vom Hotelfenster aus dann in der nun vollständigen Einnebelung draußen nicht ein Ding mehr zu erfassen, bis auf ein einzelnes, helles, hin- und herzuckendes Papierstück tief unten auf dem Boulevard, zudem für Momente der Umriß eines Besens trat und die Hand des nachmitternächtlichen Belgrader Straßenkehrers. Und im offiziellen serbischen Fernsehen noch jene Abschiedsszene des Präsidenten Milosevic, unmittelbar vor dem Abflug zu den Friedensgesprächen nach Dayton, Ohio: eine lange Reihe von Militärs und auch Zivilleuten auf dem Startfeld abgehend und einen jeden ziemlich ausdauernd und fest umarmend, dabei aber stets nur von hinten sichtbar - der Aufbrechende minutenlang als bloßes Rückenbild.

Zlatko hatte zu der 'Ima dana'-Musik von einer sagenhaften Stelle der Donau, bei der Stadt Smederevo, erzählt, wo - er hatte das nicht selber erlebt, wußte es eben nur vom Hörensagen, von einem Lehrer seinerzeit in der Dorfschule - der große Fluß ganz still, ja vollkommen ohne einen Laut dahinströmen sollte. Tags darauf machten wir uns mit seinem (weder gestohlenen noch angekratzten) Auto dahin auf den Weg und kamen dabei erstmals tiefer hinein in das serbische Land. Dieses zeigte sich hier, gegen Südosten, wie es, laut Zlatko, für Serbien typisch sei: weite Horizonte bei einer leichten, gleichmäßigen Hügeligkeit (der Berg Avala, eine Autostunde weg von Belgrad, für einen 'Hausberg' viel, stieg da schon auf wie ein Ereignis, obwohl er gar nicht hoch war - so als habe jede noch so unscheinbare Landschaft ihr Massiv der Sainte-Victoire). Dichtverzahnte Dörfer aus jeweils mehrteiligen Gehöften, sozusagen Kleindörfern innerhalb des Großdorfs. Und auch die Friedhöfe, draußen zwischen den Feldern, mit einem Anschein von Dörfern, nicht 'Totenstädte', sondern Totendörfer, allerdings belebte, insbesondere jetzt um die Allerseelenzeit, in Serbien ein paar Tage 'nach uns' gefeiert, wo den Verstorbenen Nahrung gebracht wurde und man an ihren Gräbern mit ihnen speiste und trank. Und fruchtbare, schon im Augenschein fett wirkende Ackererde bis zu den hintersten Landwellen, wo alles wuchs, was zum täglichen Leben gebraucht wurde; Mais, Sonnenblumen und Getreide freilich schon längst abgeerntet; nur hier und da noch dunkelglänzende Weintraubenbüschel hangauf. Und natürlich wieder die Benzin- und Dieselverkäufer mit ihren Kanistern oder auch bloß Flaschen und Fläschchen überall - Rumänien war liefernah -, und der wie unendliche, dabei schüttere Zug der kreuz und quer durch das ganze Land zu Fuß sich Bewegenden, nicht bloß die Flüchtlinge aus Bosnien und der Krajina, sondern vor allem die Einheimischen, wie vor noch gar nicht so langem auch 'bei uns' in Mitteleuropa die Dorfleute auf dem Weg ins ferne Krankenhaus oder zum Wochenmarkt, und das über die Nebenstraßen hinaus sogar auf dem Teil Autobahn, der kaum befahrenen (hohe Maut, insbesondere für Ausländer).

In Smederevo zu Fuß hin zur Donau, dort hinter dem mittelalterlichen Flußfort, von den deutschen Okkupanten im Zweiten Weltkrieg halb in die Luft gesprengt: Und wahrhaftig kam von den gesamten, lichten und weiten und dabei doch sichtlich zügig dahinfließenden Gewässern kein Geräusch, die ganze Stunde dort am Ufer nicht das leiseste Plätschern, Gurgeln, Gluckern, kein Laut und kein Mucks. Zurück in der Stadt dann auf der Straße einen alten Passanten nach dem Weg gefragt: Er wußte ihn nicht, war ein Flüchtling aus Knin.

Das war der Tag, an dem es erstmals in Serbien noch vor der Dämmerung ziemlich kalt wurde, mit einem Anhauch von Schnee. Doch kam mit dem nächsten Tag noch ein letztes Mal die Spätherbstwärme, Sonne ohne Wind. Bevor wir von dem weithin wie von den Friedensverhandlungen bestimmten Belgrad aufbrachen zu Zlatkos Dorfeltern, die uns angeblich schon seit Tagen ein Fest vorbereiteten, machten wir noch einen Umweg über den Hauptstadtmarkt, dort auf der vom Zentrum sanft sich zur Save hinabneigenden Terrassenböschung.

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