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Zum Tod von Peter Hamm:Daheim im Unsicherheitsland

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Auch im Alter hatte Peter Hamm eine jungenhafte Art, ein wenig schlaksig, manchmal schwärmerisch.

(Foto: STA)

Er war ein treuer, kluger und freier Literaturvermittler. Nun ist der Lyriker, Dokumentarfilmer und Kulturfunktionär Peter Hamm im Alter von 82 Jahren gestorben.

Von Thomas Steinfeld

Im Bayerischen Rundfunk gab es, beginnend im Jahr 1954, eine Abteilung mit dem Namen "Kulturkritik". Schon lange bevor die Abteilung im Jahr 2017 der Redaktion "Kultur aktuell" zugeschlagen wurde, hatte das Wort den hellen Glanz verloren, den es bei ihrer Gründung besessen haben muss. "Kulturkritik", das bedeutet in heutigen Ohren: grundsätzlich nicht einverstanden zu sein mit dem Lauf der Welt, um dafür, jedenfalls soweit es sich dabei um eine öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt handelt, auch noch gut bezahlt zu werden. Das war lange Zeit anders. Zur "Kulturkritik" gehörten nicht nur die regelmäßige Berichterstattung zu kulturellen Ereignissen, nicht nur das Rezensionswesen, sondern auch der Essay und die Sondersendung, über "Goethe und die Musik" (1986), über Franz Schuberts letzte Lebensjahre (1982) oder über den hundertsten Geburtstag von Robert Walser (1978).

Selbstverständlich wurde in dieser Abteilung noch unendlich viel mehr produziert. Doch sind diese Sendungen lebendig geblieben, weil sie in das literarische Œuvre eines Mannes eingingen, der von 1964 bis 2002 Redakteur in dieser Abteilung war: des Lyrikers, Essayisten, Herausgebers, Dokumentarfilmers und Kulturfunktionärs Peter Hamm.

Wenn von den vielen Dingen die Rede ist, die Peter Hamm in seinem Leben vollbrachte, wird selten von seiner Arbeit als Redakteur gesprochen. Dieses Auslassen tut ihm Unrecht, weil er im emphatischen Sinn ein Vermittler war, und dazu einer von der fleißigen, persönlich produktiven, schreibenden Sorte. Zugleich aber trug er dazu bei, die Frage nach dem bürgerlichen Beruf nicht allzu naheliegend werden zu lassen: durch eine auch im Alter noch jungenhafte Art, ein wenig schlaksig, manchmal schwärmerisch.

Er besaß ein großes Talent für die bewundernde Freundschaft

Peter Hamm sei "daheim, wo die Literatur herkommt, im Unsicherheitsland", hatte Martin Walser über ihn gesagt. Und so richtig dieser Satz war, so sehr bedarf er doch der Ergänzung, nicht nur, weil Peter Hamm sich oft sicher gewesen sein dürfte, mit der Unsicherheit auf der sicheren Seite zu sein. Denn zum einen verlangten etliche Tätigkeiten, seine lange Vizepräsidentschaft in der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung zum Beispiel, nach Beständigkeit und Entschlusskraft.

Zum anderen war Peter Hamm sehr entschieden, wenn er einmal ein künstlerisches Werk für bedeutend erachtet hatte. So war es bei Fernando Pessoa und bei Robert Walser, bei Alfred Brendel und Ingeborg Bachmann, bei Kurt Weill und vor allem bei Peter Handke, dem er zwei Bücher, einen Fernsehfilm und eine treue Freundschaft widmete.

Überhaupt besaß Peter Hamm, der erst nach einer abenteuerlichen Jugend, die er zum Teil als Knecht auf einem Bauernhof verbracht hatte, ein Talent für die bewundernde Freundschaft, etwa Nelly Sachs gegenüber, die er in Stockholm besucht hatte, aber auch gegenüber Sarah Kirsch oder Paul Celan. Aus diesen Begegnungen wurden dann häufig Essays, die als eigenständiges Werk neben Peter Hamms Lyrik stehen, die, reimlos schweifend, oft eine Selbstbefragung ihres Dichters ist: "Tage / Nur aus Nebel - / wie nah / seid ihr mir! / Sogar ich selbst / mir unsichtbar, / so betrete ich / gern / mein Gelobtes Land", heißt es in einem Gedicht der Sammlung "Die verschwindende Welt" aus dem Jahr 1985, einem der sechs Gedichtbände, die Peter Hamm zwischen den Jahren 1958 und 1989 publizierte.

Dabei konnte Peter Hamm durchaus selbstironisch sein, zum Beispiel, wenn er sich selbst als "Nachhall-Dichter" bezeichnete. Aber man wird, um ihm gerecht zu werden, das gebrochene Echo, die plötzliche Rückkopplung und die Collage zum Hall hinzurechnen müssen. "Wie sorglos pflegten wir unsere Sorgen", schrieb er einst in eine Geburtstagsgedicht für sich selbst, "verwechselten sie / liebend gern / mit dem Heil". Reflektiertes Pathos möchte man diese Haltung nennen.

Sein ganzes Leben war er an die bayerische Hauptstadt und ihre Umgebung gebunden

Peter Hamm, in München geboren, im oberschwäbischen Weingarten aufgewachsen, dann wieder in München lebend, um schließlich in Tutzing aufgenommen zu werden, war sein ganzes Leben lang an die bayerische Hauptstadt und ihre Umgebung gebunden. Er war es durch seinen, trotz allem, bürgerlichen Beruf, durch seine Mitgliedschaft in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Er war es in seinen Bindungen an einzelne Menschen, an Michael Krüger, den ehemaligen Leiter des Hanser-Verlags, an Hubert Burda, den Verleger, und vor allem an Marianne Koch, seine Lebensgefährtin.

Die späten Jahre verbrachte er in einem eigens für ihn errichteten Haus über dem Starnberger See, umgeben von Büchern und noch mehr Büchern. Vielleicht sollte man sich nun noch einmal den Film "Der schwermütige Spieler" ansehen, den Peter Hamm im Jahr 2002 über Peter Handke drehte. Der Reiz dieses Films besteht darin, dass sein Regisseur nicht den geringsten Versuch macht, den Freund zu irgendeiner Äußerung zu veranlassen, für die dieser nicht selbst die Initiative ergreift. Er lässt Peter Handke sein, was er ist, was für die Freundschaft spricht, aber auch das Beste ist, was der Regisseur des Films tun konnte.

So, als einen treuen, klugen, freien Vermittler, möchte man Peter Hamm in Erinnerung behalten. Am 22. Juli ist er, im Alter von 82 Jahren, in Tutzing gestorben.

© SZ vom 24.07.2019
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